Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Wirtschaft Rostock will Hightech statt Kleingärten
Mecklenburg Rostock Wirtschaft Rostock will Hightech statt Kleingärten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 28.09.2018
Auch die Kleingartenanlage „Schöne Aussicht“ ist von den Planungen betroffen: Statt grüner Oasen will die Stadt hier Bauland für Hightech-Firmen schaffen. Quelle: Ove Arscholl
Rostock

Das Areal zwischen der Stadtautobahn bei Evershagen und dem Fischereihafen in Marienehe – es zählt zu den ruhigsten in ganz Rostock. Ein paar Handwerksbetriebe gibt es entlang der Straße an „An der Jägerbäk“, vor allem aber ganz viel Grün. Kleingärten, Hunderte. Ausgerechnet um diesen idyllischen Teil der Hansestadt gibt es nun lauten Protest: Am Sonnabend wollen Rostocks Kleingärtner gegen die Pläne der Stadtverwaltung für den neuen Flächennutzungsplan protestieren. Denn in jedem Zukunftsszenario sollen die Kleingärten neuen Gewerbegebieten weichen. „Rostock wächst. Und für die neuen Bürger brauchen wir nicht nur Wohnungen, sondern auch Arbeitsplätze“, so Ralph Müller, der oberste Stadtplaner im Rathaus.

800 Hektar neue Bauflächen

In der Nikolaikirche will das Amt für Stadtplanung am Sonnabend mit der Bürgern erneut über die künftige Entwicklung Rostocks diskutieren. Fünf mögliche Szenarien haben die Planer entwickelt. Eines haben alle aber gemein: „Wir brauchen in den kommenden Jahren 800 Hektar Bauland in der Stadt“, sagt Müller. Etwas weniger als die Hälfte davon soll für den Bau von 26 000 neuen Wohnungen genutzt werden. Fast 500 Hektar aber sind für neue Gewerbestandorte vorgesehen. Denn die werden knapp in Rostock. „Der größte Teil der neuen Gewerbegebiete – insgesamt 385 Hektar – wird rund um den Seehafen entstehen“, so der Leiter des Stadtplanungsamtes. Doch auch anderenorts in Rostock müsse Platz geschaffen werden. In der Südstadt etwa – im Bereich der Straßenbahn-Wendeschleife am Südring – könnten neue Unternehmen und Institute aus dem Bereich Wissenschaft und Forschung entstehen. In Marienehe hingegen ist „emmissionsintensives“ Gewerbe vorgesehen.

Nähe zur Stadtautobahn, nähe zum Hafen

Stadplaner Müller sagt, das Rathaus habe alle Gebiete in der Stadt von externen Gutachtern prüfen lassen. Und für den Bereich rund um die Jägerbäk sei deren Urteil eindeutig gewesen: „Diese Flächen sind prädestiniert für Gewerbe.“ Das Areal liege zwischen den Wohnsiedlungen im Nordwesten und der Innenstadt, sei somit für Arbeitskräfte gut und schnell zu erreichen. „Die Flächen liegen direkt an der Stadtautobahn, auch der Fischereihafen ist schnell und leicht erreichbar. Das ist aus logistischer Sicht ideal für produzierendes Gewerbe.“ Ja, dafür würden dann auch Kleingärten geopfert werden müssen. „Aber Rostock hat überregional eine Bedeutung als Gewerbestandort. Dem müssen wir Rechnung tragen.“ Und: Schon jetzt habe die Stadt Probleme, die Flächenbedarf der Wirtschaft zu befriedigen. „Wir haben eine ganze Reihe von Anfragen von Firmen auf dem Tisch, die neu nach Rostock kommen oder erweitern wollen. Uns fehlen aber große, zusammenhängende Gewerbestandorte.“ Ein solche könne in Marienehe entstehen.

„Industrie klingt zu brutal“

Auch Christian Weiß, Chef der städtischen Wirtschaftsfördergesellschaft Rostock Business, bestätigt den Bedarf an neuen, freien Flächen für die Unternehmen. „Wir brauchen das Land, wenn wir weiter wachsen wollen.“ Vor allem in der maritimen Wirtschaft sei die Nachfrage enorm: „Die MV Werften und die Neptun-Werft sind auf Expansionskurs. Wenn die Betriebe sich so entwickeln, wie geplant, dann wird auch die Zulieferer-Branche verstärkt nach Rostock drängen.“ Und: Am Fischereihafen planen Stadt, Land und die Fraunhofer-Gesellschaft für mehr als 30 Millionen Euro den Bau eines Forschungs- und Erprobungszentrums für Unterwasser-Technologien – das so genannte „Ocean Technology Center“ (OTC). „Das OTC wird Hochtechnologie-Firmen in die Hansestadt locken. Unternehmen, die in der Unterwasser-Branche aktiv sind. Und für die wäre Marienehe als Standort ideal. Dort könnten Tauchroboter, neue Maschinen und ähnliches gebaut werden. Hightech für den Weltmarkt.“

Den offiziellen Begriff „emmissionsintensives Gewerbe“ dürfe man nicht überbewerten in den Debatten, sagt Weiß. „Industrie klingt immer gleich so brutal. Aber in Marienehe wird sich kein Stahlwerk und keine Glockegießerei ansiedeln. Wir sehen dort eher die Zuliefer-Industrie oder Firmen aus der Wissenschafts- und Dienstleistungsbranche.“

Stadtplaner enttäuscht

Gegen die Szenarien für Marienehe und die Pläne insgesamt will am Sonnabend der Verband der Gartenfreunde auf die Straße gehen. Auch die Anwohner aus Evershagen haben bereits gegen die Ideen protesiert. „Ich finde das sehr schade“, sagt Stadtplaner Müller. „Ich bin auch ein bisschen traurig.“ Die Planungen stünden ganz am Anfang – und das Rathaus wolle die Bürger mitnehmen. „Kein Plan wird so umgesetzt, wie er jetzt existiert. Wir werden Ideen aufnehmen, Dinge verändern und anpassen.“ Frühestens 2020 werde das Amt der Bürgerschaft einen Vorentwurf für den neuen Flächennutzungsplan vorlegen. „Bis dahin wird noch viel passieren. Wir arbeiten unter anderem noch Fachkonzepte ein – das Grünflächenkonzept zum Beispiel“, so Müller. „Es ist völlig okay, dass sich die Gartenfreunde schon jetzt einbringen.“ Aber: „Es stimmt einfach nicht, dass wir die Hälfte aller Kleingärten in Rostock abreißen wollen. Das ist falsch.“ Genaue Zahlen, wie viele Parzellen pro Szenario betroffen sind, werden aber gerade erst noch errechnet.

Andreas Meyer