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Rostock Rostocker Gastronomen sauer über EU-Kontrolle am Büfett
Mecklenburg Rostock Rostocker Gastronomen sauer über EU-Kontrolle am Büfett
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00:00 04.04.2014
Von wegen Spaß am Büfett: Getreide, Senf, Schalenfrüchte, Milch — Zutaten, die Allergien auslösen, müssen bald ausgewiesen sein. Quelle: Susanne Retzlaff

Revolution für mehr als 100 Gastronomen und Hoteliers in Rostock: Ab Mitte Dezember müssen sie auf ihren Speisekarten alle allergenen Inhaltsstoffe ausweisen. Dazu zählen unter anderem Eier, Krebstiere, Fische, Milch, Sellerie und Senf. Die Folge könnten Büfetts mit langen Beipackzetteln sein. „Das geht gar nicht“, sagt Hannelore Dolinga, Vorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Rostock.

Grund ist eine EU-Richtlinie. Demnach muss auch bei losen Lebensmitteln über den Inhalt von Allergenen informiert werden. Bisher ist das nur für Waren in Fertigpackungen verpflichtend. Wie die Allergenkennzeichnung genau aussehen soll, ist noch unklar. Dies muss eine nationale Verordnung regeln. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) hält die Vorgaben für übertrieben. Schon jetzt könne jeder Gast erfragen, in welchen Speisen allergene Stoffe vorkommen. „Das tun die meisten auch. Und die Köche wissen Bescheid“, sagt Dolinga.

Uta Nehls von der Verbraucherzentrale in Rostock widerspricht. „Es heißt immer, Verbraucher könnten nachfragen und erhalten dann die Informationen. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus“, erklärt Nehls. „Oft gibt es nicht die Möglichkeit, mehr über die Lebensmittel zu erfahren.“ Die Verbraucherzentrale begrüße daher die neuen Vorgaben. Sie würden zum vorsorgenden Gesundheitsschutz beitragen.

Benjamin Weiß, Geschäftsführer des Rostocker Trihotels, sieht das ein: „Der Gedanke ist ja richtig.“ Aber man müsse sich auch fragen, wie realistisch die Umsetzung ist, so Weiß. Rostocks Dehoga-Chefin Dolinga warnt: „Wenn neue Lebensmittel auf den Markt kommen, müssen wir jedes Mal unsere Speisekarten ändern.“ Viele Gastronomen würden ihre Flexibilität einbüßen. Sie müssten ihr Sortiment verkleinern und könnten ihre Menükarte nicht mehr kurzfristig ändern — zum Beispiel bei oft wechselnden Mittagessen. Zudem fürchtet die Branche mögliche Haftungsfolgen.

Damit alle Mitarbeiter mit Allergenen umgehen können, bietet der Dehoga ab Oktober Schulungen an. „Die neuen Vorgaben werden uns einiges an Geld kosten“, sagt Dolinga. Gleichzeitig müssten die Lehrpläne in den Berufsschulen geändert werden. „Dort müssen die Lehrer intensiver auf das Thema eingehen.“

Verbraucherschützerin Nehls hält dagegen: „Anbieter und Industrie konnten sich lange darauf vorbereiten. Bereits im Oktober 2011 wurde die Richtlinie verabschiedet.“ Insgesamt müssen 14 Zutaten schriftlich ausgewiesen werden — „deutlich und gut lesbar“, wie Nehls betont.

Der Deutsche Allergie- und Asthmabund räumt ein, dass behandlungsbedürftige Lebensmittel-Allergien nicht so häufig vorkämen. Nur fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung seien betroffen. „Dafür sind die Auswirkungen aber umso gefährlicher“, sagt Allergologe Jörg Kleine-Tebbe. Die Folgen reichen von Atemnot über Durchfall und Erbrechen bis hin zum anaphylaktischen Schock, einem lebensbedrohlichen Kreislaufkollaps.

14 Allergene müssen ausgewiesen werden
14 Zutaten lösen 90 Prozent aller Lebensmittelunverträglichkeiten aus. Sie müssen deshalb laut EU-Richtlinie in verpackten Lebensmitteln und ab Mitte Dezember auch in losen Waren ausgewiesen werden. Zu den Allergenen gehören: Glutenhaltiges Getreide (Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel, Kamut oder Hybridstämme), Krebstiere, Eier, Fisch, Erdnüsse, Soja, Milch und Milchprodukte (einschließlich Laktose), Schalenfrüchte (Mandel, Haselnuss, Walnuss, Cashew, Pecannuss, Paranuss, Pistazie, Macadamianuss und Queenslandnuss), Sellerie, Senf, Sesamsamen, Lupinen, Weichtiere, Schwefeldioxid und Sulfite (ab zehn Milligramm je Kilogramm oder zehn Milligramm je Liter).



André Wornowski

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