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Rostock Wo schwimmt der Wels im Karpfenteich?
Mecklenburg Rostock Wo schwimmt der Wels im Karpfenteich?
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12:33 12.06.2018
Sebastian Bernstein (36) mit einem Karpfen aus dem Teich in Alt Seehagen, wo ein vermeintlich riesiger Wels sein Unwesen treiben soll. Quelle: Axel Meyer
Alt Seehagen

Wiesen, Wälder, Ruhe, viel Ruhe – und ein stiller Teich, der unter seiner Oberfläche ein Geheimnis hütet. Dem Geheimnis des Weihers von Alt Seehagen, gelegen in der ländlichen, vorpommerschen Idylle zwischen Löbnitz und Richtenberg, will der versierte Angler Sebastian Bernstein auf die Spur kommen. Denn – so vermutet Teichbesitzer Albert Vielitz – in dem Gewässer treibt ein großer Wels sein Unwesen.

Im Jahr 2010 hatte er eine Ladung Fische in den Teich gesetzt. Schleie, Karpfen, Aale. Und Welse, zwölf Stück. „Die Welse waren damals so groß“, sagt Albert Vielitz und bewegt seine Hände etwa 20 Zentimeter weit auseinander. Geliefert hat die Fische ein Fischer aus der Region. Doch er vergaß, eine nicht unwesentliche Information mitzuliefern: Welse sind Raubfische, die fressen, was ihnen vors breite Maul schwimmt.

Einige Jahre später: Vielitz legt eine Reuse und hängt ein Stellnetz in den Teich. Hin und wieder verfängt sich darin mal einen Karpfen, selten einen Aal. Aber nie ein Schlei. Was den 84-Jährigen wundert: „40 Schleie habe ich eingesetzt – wo sind die alle hin?“ Ein Bekannter gibt den entscheidenden Hinweis: „Die sind von deinen Welsen gefressen worden.“

Erst da dämmert Albert Vielitz, welche Kuckuckseier er sich ins Nest – oder besser: in den Teich – hat legen lassen. Und dann reißt auch noch irgendein vermeintlich gewaltiger Fisch ein großes Loch ins Stellnetz. Der Teichbesitzer beschließt, dem Geheimnis auf den trüben Grund zu gehen. Wie der Zufall es will, liest er im vergangenen Jahr in der OZ von Sebastian „Basti“ Bernstein, einem versierten Angler aus Rostock, der damals gerade einen kapitalen Wels in der Warnow gefangen hatte – 1,82 Meter lang und knapp 42 Kilogramm schwer. Albert Vielitz wendet sich an die OZ, und ein Plan nimmt Gestalt an: Basti soll die Welse aus dem Alt Seehagener Weiher fischen.

An dem Tag, der die Wahrheit bringen soll, brennt die Sonne heiß vom blauen Juni-Himmel auf die mokkafarbene Wasseroberfläche. Basti packt schweres Gerät aus: Kräftige Spezialruten und Rollen mit dicken Schnüren für zentnerschwere Welse. Die Montagen aus Über- und Unterwasserposen, Bleigewichten und Haken sind ausgefeilt bis ins kleinste Detail, damit die vorsichtige Fische keinen Verdacht schöpfen. Stunden braucht der Profi, um die Angeln vorzubereiten und ausbringen. Er knotet und knüpft, spannt Schnüre quer über den Teich, platziert tote Köderfische und Würmer punktgenau im Wasser.

Dann heißt es: geduldig auf den Wels warten. Mit Warten kennt Sebastian Bernstein sich aus. Bevor er den ersten lichtscheuen Räuber am Haken hatte, hatte der Orthopädieschumacher sechs Jahre lang neue Methoden ausprobiert, neue Gewässer befischt und zahllose Nächte draußen verbracht. Inzwischen konnte der 36-jährige drei kapitale Exemplare überlisten. Kommt heute Nacht das vierte?

Über dem Weiher kreist ein Seeadler. Mücken tanzen. Auf dem Wasser zerplatzen Luftblasen. Hinter den Baumwipfeln versinkt die Sonne. Nebel steigt auf. Es wird dunkel – Welszeit. Aber viel zu still ruht der See. Wo ist der Wels im Karpfenteich? Keine Rute schlägt aus, kein Bissanzeiger piept oder klingelt. Die Nacht schleicht dahin. Der Morgen dämmert, und noch immer steigen Luftblasen an die Oberfläche. Da schnappt sich Basti eine leichte Rute, hängt ein Maiskorn an den Haken – und fängt endlich Fische. Karpfen beißen jetzt Schlag auf Schlag, stramme Burschen. Von Welsen aber keine Spur.

Knapp ein Hektar misst der morastige, flache Teich. In den 1930er-Jahren hatte Albert Vielitz' Vater dort zwei kleine Karpfenteiche mit der Schippe ausgebuddelt. Zum Kriegsende wurde die Familie vertrieben. Anfang der 1990er- Jahre kehrte Albert Vielitz mit seiner Frau Elke auf das Familiengut zurück. Er baggerte die Teiche aus, verband sie zu einem Weiher. Den allerersten Karpfenbesatz mümmelte ein Fischotter weg. Der Grundeigentümer zog einen Elektrozaun und sperrte den Otter aus.

Am Morgen kommt Vielitz ans Wasser und fragt: „Wo sind die Welse?“ – Basti: „Es sind keine drin.“ – „Aber die Schleien sind verschwunden, das Netz zerrissen. Irgendwo müssen die Welse sein!“ Wird das Rätsel also immer ungelöst bleiben? Wieder kreist ein Seeadler am blauen Himmel – und ein Verdacht keimt auf: Haben vielleicht die Adler die damals noch kleinen Welse rausgeholt? Es wird wohl ihr Geheimnis bleiben.

Axel Meyer

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