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Rostock Zu Hause bleiben bis zum letzten Atemzug
Mecklenburg Rostock Zu Hause bleiben bis zum letzten Atemzug
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03:43 05.09.2013
Dr. Sven Hellwig tastet Rainer Mühlnickel den Bauch ab. Einmal pro Woche besucht der Arzt die Patienten im Palliativnetz. Quelle: Doris Kesselring
Wahrstorf

Der Doktor wird schon erwartet. Christa Mühlnickel steht vor der Haustür und geleitet Dr. Sven Hellwig in die obere Etage, wo ihr Mann Rainer im neuen Pflegebett liegt. „Das ist heute erst gekommen“, erzählt die 65-Jährige. Rainer Mühlnickel hat Magen- und Darmkrebs. „Die Diagnose vor zwei Jahren war niederschmetternd“, sagt der 72-Jährige. Er weiß um seinen Zustand, und möchte nun zu Hause bleiben „bis zum letzten Atemzug“. Deshalb hat er sich zusammen mit seiner Familie entschlossen, die spezialisierte ambulante Palliativverversorgung (SAPV) zu nutzen.

Die soll Schwerstkranken ein menschenwürdiges Leben bis zum Tod in ihrer vertrauten häuslichen Umgebung ermöglichen.

Kein unnötiger Krankenhausaufenthalt mehr. „Wir wollen den Patienten zu Hause die Schmerzen und die Angst nehmen, Symptome wie Übelkeit und Atemnot lindern“, erläutert Hellwig, der als Oberarzt auf der Palliativstation im Rostocker Südstadtklinikum täglich mit Schicksalen unheilbar kranker Menschen zu tun hat. Die neun Betten auf der Station sind gut ausgelastet. „Der Bedarf ist groß“, unterstreicht der Mediziner.

Im November 2012 rief er daher ein Palliativnetz für den Landkreis Rostock ins Leben. Drei extra ausgebildete Ärzte aus Rostock, Teterow und Kritzmow, fünf zertifizierte Pflegedienste, Psycho-, Physio- und Ergotherapeuten gehören zum Netzwerk, das sich um derzeit 15 Schwerstkranke im Landkreis kümmert.

„Leider erreichen wir noch nicht jeden, vor allem im Raum Güstrow gibt es weiße Flecken“, sagt Hellwig. Weil die Strukturen Hausärzten und Angehörigen nicht umfassend bekannt seien, würde etwa ein Drittel der Patienten, die eine ambulante Palliativbetreuung benötigten, nicht davon profitieren, so der Experte.

Hellwig betreut selbst 13 der 15 Patienten im Palliativnetz. In zweiter Schicht, nach einem Neun-Stunden-Tag auf Station, besucht der Arzt einmal pro Woche jeden seiner Kranken. Bei Rainer Mühlnickel ist er zum ersten Mal. Er tastet den Bauch ab, sieht sich die Füße an. „Da ist Wasser drin. Sie sollten nicht mehr als eineinhalb Liter Flüssigkeit pro Tag trinken“, rät er. Er fragt nach Schmerzen, Übelkeit, Appetit, bespricht mit Ehefrau Christa und Tochter Beate die Medikation. „Hier ist der Nothilfeplan“, sagt Hellwig. „Sie können mich rund um die Uhr anrufen.“

Christa Mühlnickel ist froh, dass sie neben Pflegedienst und Hausarzt nur noch einen Arzt als Ansprechpartner hat, der in allen Notlagen hilft. Sie erzählt von den Schwierigkeiten bei der Beschaffung eines Rollstuhls über die Krankenkasse. Hellwig verspricht, sich gegebenenfalls einzuschalten.

„Was macht Ihnen denn Freude am Leben“, fragt er Rainer Mühlnickel. „Die Kois im Gartenteich“, sagt der und lächelt. Und die Eisenbahnplatte auf dem Dachboden, für die der ehemalige Stellwerker noch bis vor kurzem mit viel Liebe zum Detail Häuser gebastelt hat. „Jetzt wollen die Finger nicht mehr.“ Der Arzt nickt verständnisvoll.

Ein Blick auf die Uhr. Hellwig muss weiter. In Kessin wartet der nächste Patient. Manfred Mörbe hat auch einen Darmtumor, gilt als austherapiert. Seit Februar wird er vom Palliativteam betreut. „Wir haben ihn in einem sehr schlechten Zustand übernommen“, berichtet der Arzt, „aber er hat sich noch mal gut aufgerappelt.“ „Mein Ziel war mein Enkel. Der ist am 7. August geboren, das wollte ich noch erleben“, erzählt der 71-Jährige stolz. Nun peile er Mikas ersten Geburtstag an. Dr. Hellwig freut sich über den zufriedenen Patienten, der mit den verordneten Medikamenten in der Palliativbetreuung noch mal Lebensmut getankt hat. Für wie lange, das vermag niemand zu sagen.

„Er ist unser Klassenbester“, sagt Hellwig zum Abschied. „Wir telefonieren, sonst bis nächste Woche.“ Noch ein Patient in Kösterbeck, dann fährt der Mediziner nach Hause, wo zwei Söhne auf den Papa warten. In der Familie tankt der 45-Jährige selbst wieder auf. Ehefrau Bozena, von Hause aus Anästhesieschwester, kennt die Probleme des Angetrauten nur zu gut. Denn sie ist auch die gute Seele des Palliativnetzes. „Sie kümmert sich um Rezepte, ermittelt den Bedarf an Hilfsmitteln, hält Kontakt zu Patienten, Krankenkassen und Sanitätshäusern, sie dokumentiert die Fälle“, erläutert Hellwig.

Info: ☎ 038203/22 96 54

Bürger stellen Fragen — Fachtagung zur Palliativmedizin in Rostock
„Lotse werden“ ist das Motto des Palliativtages 2013 der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, der am 20. und 21. September in der Rostocker Stadthalle stattfindet. Es geht in der Palliativmedizin um die Begleitung unheilbar kranker Menschen, ihre ganzheitliche medizinische und pflegerische Versorgung, aber auch um Sorgen und Nöte der Angehörigen. „Bei diesem Treffen sollen sich Fachkräfte von den Klinik-Stationen, von ambulanten Diensten, aus Pflegediensten und -einrichtungen austauschen“, sagt Lucienne Zellmer, Koordinatorin auf der Palliativstation im Südstadt-Klinikum. „Zugleich sollen Betroffene und Interessierte Antwort auf ihre Fragen bekommen“, erklärt Zellmer, die zu den Organisatoren des Fachtages zählt. Es werde zwei Bürgerforen geben. Am Freitag geht es um „Hilfen ohne Rezept — Schmerzen, Unruhe, Luftnot — was kann ich alleine tun?“, eine Apothekerin gibt Antworten. Am Sonnabend sind rechtliche Fragen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf Thema.


In den Foren werden Experten auf Fragen eingehen, die vorher eingeschickt werden können und zwar unter der Mailadresse: lucienne.zellmer@kliniksued-rostock.de

Wir erreichen nicht jeden. Es gibt viele weiße Flecken um Güstrow.“Dr. Sven Hellwig, Arzt im Palliativnetz Landkreis Rostock

Doris Kesselring

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