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Rostock Zu teuer: Groß Biestow vor dem Aus
Mecklenburg Rostock Zu teuer: Groß Biestow vor dem Aus
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00:01 05.12.2017
Die grünen Wiesen im Rostocker Süden bleiben (vorerst) erhalten: Die Hansestadt hat sich von den Plänen für Groß Biestow verabschiedet. Quelle: Foto: Ove Arscholl
Biestow/Stadtmitte

Von einem „Aus“ will das Rathaus offiziell noch nicht sprechen. Doch dass der neue Stadtteil Groß Biestow jemals wie geplant gebaut wird – das wird immer unwahrscheinlicher: „Die Planungen sind in unserer Priorität sehr, sehr weit nach hinten gerutscht“, sagt Matthias Horn, Referent für Stadtentwicklung im Büro von Oberbürgermeister Roland Methling (UFR). Und dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Der wichtigste: Die Erschließung Groß Biestows würde die Stadt exorbitante Summen kosten. „Wenn wir unsere ersten Pläne umsetzen, müssten wir mindestens 50 Millionen Euro in die Hand nehmen“, sagt Horn. Und in dieser Summe seien neue Schulen und Kitas noch gar nicht mitgerechnet. Das Rathaus will deshalb anderenorts neues Bauland schaffen.

Neuer Stadtteil würde bis zu 50 Millionen Euro kosten / Hohe Forderungen von Landbesitzern

Wir setzen

jetzt andere

Prioritäten – unter anderem in der Südstadt und rund um die Warnow.Matthias Horn

Referent für

Stadtentwicklung

50 Millionen Euro

würde die Erschließung Groß Biestows

nach Schätzungen

der Stadt kosten.

Eigentümer verlangen „zu viel“ Geld für ihr Land

Vor allem der Kauf der nötigen Flächen würde richtig ins Geld gehen: „Wir haben es im zentralen Bereich mit drei großen Eigentümern zu tun. Die verlangen um die 200 Euro pro Quadratmeter“, so Horn. Aus seiner Sicht viel zu viel: „Wenn wir dann die Erschließungskosten hinzurechnen, müssten wir das Bauland für 400 Euro verkaufen. Das kann sich kaum ein Häuslebauer leisten.“ Solche Preise seien sonst nur in Großstädten wie Hamburg üblich. Selbst die Kirche habe Forderungen gestellt, die Rostock nicht erfüllen kann – und auch nicht will: „Die Nordkirche verkauft kein Land – sie tauscht es höchstens gegen andere Flächen“, so Horn. Details nennt er nicht. Aus Verhandlungskreisen heißt es aber, die Kirche habe für jeden Hektar in Groß Biestow 30 Hektar anderenorts in Rostock verlangt. „Wir haben deshalb die Gespräche mit den Eigentümern eingestellt“, sagt Methlings Fachmann für Stadtentwicklung. „Es gibt derzeit keine Verhandlungen mehr.“

Kein Interesse bei den großen Vermietern

Und aus Sicht der Stadt ist es derzeit auch nicht nötig, sich mit den Eigentümern wieder an einen Tisch zu setzen: Zwar habe die Stadt bundesweit für Aufsehen gesorgt, als sie ihre Idee von einem neuen Stadtteil für bis zu 13500 Einwohner öffentlich machte, doch ausgerechnet in der Immobilien- Branche sei das Interesse gering gewesen. „Es gab Anfragen aus ganz Deutschland. Von Unternehmen, die Groß Biestow für uns entwickeln wollten. Die haben wir an die Eigentümer der Flächen vermittelt. Erfolg hatte das aber auch nicht“, sagt Horn. Einer der Interessenten ist der Rostocker Investor Hilger Patzner: „Natürlich stünde ich bereit, wenn es in Groß Biestow los geht. Sinn macht das aber nur, wenn das Bauland auch erschwinglich ist“, sagt er.

Die großen Vermieter hätten der Stadt bereits eine Abfuhr erteilt: Weder die Wiro noch die Genossenschaften seien von dem Plan, Hochhäuser und große Wohnblöcke am Stadtrand zu bauen, angetan. „Solche Viertel werden in 20 Jahren für eine Stadt zum Problem. Das zeigen viele Beispiele auch aus den alten Bundesländern“, sagt Horn. Würde die Stadt in Groß Biestow allein auf Einfamilienhäuser setzen, hätte das wiederum verkehrliche Probleme zur Folge: „Eine neue Straßenbahnlinie lohnt sich dann nicht, weil es nicht genügend Fahrgäste gibt. Die Menschen müssten auf das Auto ausweichen.“ Und dabei seien sowohl die Nobel- als auch die Satower Straße schon jetzt Nadelöhre. „Wir wollen die Satower Straße für Millionen ausbauen.“ Ein Grund für die zögerliche Haltung der „großen“ Vermieter seien die Preise gewesen: „Für jede neue Wohnung in Groß Biestow müssten wir und die Unternehmen bis zu 40000 Euro vorab investieren. Wenn wir aber vorhandene Flächen innerhalb der Stadt nutzen, kostet uns das im Schnitt nur 3000 bis 4000 Euro. Das ist wirtschaftlicher und effizienter.“

Rathaus: „Schaffen es auch ohne Groß Biestow“

Den Bedarf von mindestens 10000 neuen Wohnungen, die bis zu 2030 in der Stadt entstehen müssen, werde Rostock auch ohne den neuen Stadtteil decken können, sagt Horn: „Wir wollen im Bereich des Pulverturms und des Groten Pohls in der Südstadt bauen – und rund um die Warnow.“ Der Vorteil für die Stadtverwaltung: Die Flächen dort gehören bereits der Stadt und sie sind bereits bestens an das Straßen- und Schienennetz angeschlossen. Auch der Bereich des Ostufers im Stadthafen sowie die ehemalige Deponie in Gehlsdorf seien als neue Standorte in den Fokus der Planer gerückt. Außerdem: „In Marienehe gibt es riesige Flächen, die der Hansestadt gehören. Die haben eine Anbindung an die S-Bahn, an die Straßenbahn und auch die Stadtautobahn. Wir müssten diese Areal nur beräumen und erschließen.“

Planungen für Groß Biestow nur auf dem Papier

Erst vergangene Woche trafen sich Verwaltung, Vereine und Anwohner zum ersten Mal – um im so genannten „Biestow-Beirat“ über den geplanten neuen Stadtteil im Rostocker Süden zu sprechen. An diesem Beirat will das Rathaus dennoch festhalten: „Wenn all die anderen Flächen in Rostock eines Tages nicht mehr ausreichen, um den Bedarf an Bauland und Wohnungen zu decken – dann müssen wir doch noch auf Groß Biestow zurückgreifen. Und dann müssen wir die Planungen schon fertig in der Schublade haben“, sagt Horn. Denn zumindest in den neuen Flächennutzungsplan der Stadt soll der geplante Stadtteil trotz allem aufgenommen werden. Und auch die Verhandlungen mit den Nachbarn gehen weiter: Um den Stadtteil eines Tages erschließen zu können, muss Rostock Straßen über Land der Gemeinde Papendorf bauen. „Wir werden da mitspielen“, sagt Bürgermeister Klaus Zeplien. Ein entsprechender Vertrag, mit dem Papendorf der Hansestadt etwa 150 Meter Land überlässt, sei bereits ausgehandelt.

„Es geht nur noch um Formulierungen.“

Andreas Meyer

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