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Rostock Zwischen Glitzer-Welt und leerem Geldbeutel
Mecklenburg Rostock Zwischen Glitzer-Welt und leerem Geldbeutel
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00:00 12.03.2013
Freunde bedeuten vielen mehr als Geld — nicht nur auf Facebook.
Stadtmitte

Die Kluft zwischen denen, die viel Geld besitzen und jenen, die jeden Cent beisammen halten müssen, wächst — so auch in der Hansestadt. Von Armut sind laut einem aktuellen Bericht der Bundesregierung zwischen 14 und 16 Prozent aller Deutschen bedroht. Demnach verfügen die reichsten zehn Prozent der Haushalte über 53 Prozent des gesamten Nettovermögens. Die gesamte untere Hälfte der Haushalte besitzt dagegen nur etwa ein Prozent.

Die OZ stellt Rostockern daher zwei Fragen: Was ist für sie Armut, was ist für sie Reichtum? Gewerkschafter und Juweliere, Philosophen und Sozialarbeiter antworten unterschiedlich. Und für viele Hansestädter zählen das persönliche Glück und Freundschaften mehr als jeder Euro in der Geldbörse.

Mit den Reichen der Stadt hat Sonja Wolf täglich zutun. Sie ist Mitarbeiterin im Schmuckladen Tiffany‘s auf Hohe Düne. „Wir haben großes internationales Publikum für unsere Einzelstücke. Wir verkaufen auch Uhren für 5000 Euro“, sagt sie. Das Geschäft laufe gut, Wirtschaftskrisen hin, Lohndebatten her. Auch Warnemünde haftet der Ruf an, Rostocks teures Pflaster und der Hort der Wohlhabenden im Nordosten zu sein.

„Warnemünder mögen vielleicht materiell reich sein, doch vielleicht sind sie nicht zufrieden“, sagt Alexander Prechtel (CDU), Ortsbeiratsvorsitzender. Er schätze eher die Wohnqualität im Ostseebad höher ein, dementsprechend teurer sind die Immobilien. „Wenn ein Geschäftsmann hier ein Haus kauft, muss er es vielleicht ein Leben lang abbezahlen, ist verschuldet“, sagt er. Wer in Toitenwinkel günstiger wohne und mit der Familie in Urlaub fahren könne, sei „mitunter reicher, weil glücklicher“. Wichtiger sei es, „geistig im Kopf reich zu sein“.

Einspruch von Armenvertretern wie Rolf Gauck von der Stadtmission: „Wer vom Existenzminimum leben muss, ist arm.“ Glücklich könne so jemand nicht sein.

Jeder Vierte arbeitet für niedrigen Lohn
Jeder vierte Rostocker arbeite im Niedriglohnsektor, sagt Sabine Dottermusch, Bezirksgeschäftsführerin der Gewerkschaft Verdi. „Es ist traurig, dass manche Menschen, die nach jahrelanger Arbeitslosigkeit wieder arbeiten wollen, einen solch niedrigen Lohn bekommen, von dem allein sie nicht leben können“, ergänzt sie. 4000 Rostocker bezögen finanzielle Hilfen, etwa Grundsicherung, vom Staat. „Die Saat für Altersarmut ist somit schon gelegt.“
Freunde sind das wahre Glück
„Ich habe zwar nicht viel Geld, aber viele Freunde, die mein Leben bereichern und mich unendlich glücklich machen“, sagt Matti Lorenz (25). Von seinen 700 Facebook-Kontakten bezeichnet er viele als wahre Freunde — das sei wichtiger als ein prall gefülltes Konto. So wie ihm, geht es den meisten Rostockern. Denn wer zwar viel Geld besitze, aber keine sozialen Kontakte habe, sei auf seine Weise auch arm, sagt Studentin Josephine Grosch (27).
Tafel: Die Kinder leiden am meisten
Was Armut ist, sieht Jürgen Wegner seit Jahren. Der Chef der Rostocker Tafel betreut mit seinen ehrenamtlichen Helfern diejenigen, die auf der sozialen Leiter ganz unten angekommen sind. Die Armut der Kinder, so seine These, sei das Schlimmste. „Denn sie sind abhängig von den Eltern und können sich nicht wehren“, erklärt er. Rolf Gauck von der Stadtmission ergänzt: „Um glücklich zu sein, reicht vielen das Einkommen nicht. Das ist bitter“.
Gelehrte ergreifen Partei für die Armen
Wer reich und wer arm ist? Das beantwortet die Philosophin Andrea Fettweiß mit einem Zitat des römischen Gelehrten Lucius Annaeus Seneca: „Bei einem Weisen spielt der Reichtum eine dienende, beim Toren eine herrschende Rolle.“

Auch Kirchen haben zum Thema eine Haltung: Diese sollten bei der Unterscheidung zwischen Arm und Reich parteiisch sein, weil Jesus auch parteiisch gewesen sei, meint der evangelische Pastor Tilman Jeremias. „Christen sind zu den Armen berufen, weil Jesus immer zu den Armen ging und ihnen half. Jeder ist gefragt, den Armen zu helfen.“ Die Aufmerksamkeit füreinander nehme seit Jahren ab, arm seien vor allem jene, die nicht sozial eingebettet seien.

Vivienne Griese

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