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Südwestmecklenburg Debatte um kastrierte Ferkel: Für Bauern sind es kleine Schnitte
Mecklenburg Südwestmecklenburg Debatte um kastrierte Ferkel: Für Bauern sind es kleine Schnitte
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16:52 19.09.2018
Stefan Wille-Niebur hält Schweine in vierter Generation. Kastration gehöre dazu, findet er. Sonst wären die Qualen für die Tiere noch größer. Quelle: Frank Pubantz
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Liessow

„Wir sind keine Tierquäler“, sagt Bauer Stefan Wille-Niebur. Der 46-Jährige betreibt in Liessow bei Schwerin Schweinemast, zurzeit hat er 700 Sauen, 1800 Ferkel, dazu 6500 Mastplätze. Die Ferkel, fünf Tage alt, wären im richtigen Alter zur Kastration. Doch Wille-Niebur kastriert nicht, obwohl er es noch dürfte.

Ab 2019 ist Schweinehaltern aber die Kastration mit Betäubung vorgeschrieben, zu erledigen durch den Tierarzt. Viel zu teuer, sagt der Bauer, fünf bis zehn Euro mehr pro Tier. Das gelte auch für die Option Impfung. Zudem gebe es gar nicht genügend Veterinäre. Er fürchtet wie Berufskollegen, dass weitere Schweinehalter aufhören müssen. „Wir werden den größten Strukturwandel erleben, den wir je hatten.“ Schweinefleisch käme dann aus anderen Ländern mit weniger scharfen Tierschutzregeln.

Thema spaltet seit Jahren Landwirte, Politik und Tierschützer

Im Bundesrat steckt die Debatte über die Kastrationspflicht ohne Schmerzen für die Tiere derzeit fest. Der Vorschlag Bayerns, die Vorgabe fünf Jahre zu verschieben, stößt auf Widerspruch.

Die Ferkelkastration spaltet seit Jahren Landwirte, Politik und Tierschützer. Das hat einen Grund: In den ersten sieben Tagen nach Geburt dürfen Bauern derzeit noch selbst Hand anlegen. Mit Skalpell werden den männlichen Tieren zwei Schlitze im Genitalbereich zugefügt, die Hoden entfernt. Meist ohne Betäubung. Die Wunden bleiben offen. Eine Tortur fürs Tier. 20 Millionen Mal pro Jahr deutschlandweit. Das Geschrei ist groß. Tierschützer prangern dies seit Jahren an. Der Grund für die Eingriffe: Bleiben Eber unkastriert, können Hormoneinlagerungen für schlechteren Geruch und Geschmack des Fleisches sorgen. Nicht gewollt in der Konsum-Gesellschaft.

Darum geht es: Mit einem Skalpell werden Ferkel-Jungs derzeit ihre „Kronjuwelen“ entfernt – ohne Betäubung. Quelle: Frank Pubantz

Bauer: zu wenig Geld fürs Fleisch

Stefan Wille-Niebur hält die Debatte für unehrlich. Denn: Werde nicht kastriert, wie er es derzeit mit Ebermast praktiziert, seien die Qualen für Tiere durch Rangkämpfe untereinander weit höher. „Dann haben wir viel mehr tote Tiere“, sagt der Bauer. Würden Ferkel unter Vollnarkose kastriert, gebe es weitere Verluste, sagt der Bauer. Er plädiert für lokale Betäubung. Ebermast sei keine Alternative, der Markt begrenzt.

Die zunehmenden Vorschriften seien für Landwirte ein Problem. Und oft widersprüchlich. Beispiel: Wenn eine Kuh Nachwuchs bekommt, „dürfen wir einen großen Schnitt machen, um das Kalb zu holen“, so der Bauer. „Zwei kleine Schnitte beim Ferkel“ dagegen seien tabu.

Stefan Wille-Niebur ist in vierter Generation Schweinehalter, sein Sohn macht gerade eine Lehre. Er rudert mit seinen gigantischen Händen, wenn er voller Leidenschaft über seine Arbeit spricht.

„Es gehe doch darum, Nahrungsmittel herzustellen“

Landwirte brauchten wieder mehr Anerkennung. „Wir werden immer nur als Bittsteller wahrgenommen“, sagt er. Bei Milch, Ernteausfällen oder Subventionen. Dabei gehe es doch darum, Nahrungsmittel herzustellen.

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Er würde seine Ferkel sofort wieder kastrieren, wenn gesetzlich der Weg frei wäre. Allein, nicht mit Tierarzt, wie angedacht. Das hat Gründe. Rund 150 Euro erhält der Bauer für ein 100-Kilo-Schwein, das er sechs Monate lang mästet. Tierarztkosten würden bis zu 10 Euro pro Tier dazubringen. Dann bliebe nichts mehr übrig. Ferkelhaltung allein sei „ein Minusgeschäft“. Der Landwirt hat sechs Beschäftigte, die zu bezahlen sind.

Bauer klagt über viel zu geringe Preise

Denn das Hauptproblem der Schweinehalter seien die seit Jahren viel zu geringen Preise am Markt, diktiert von Einzelhandelsketten und Großhändlern. Bei drei bis vier Euro pro Kilo fürs Schweinefleisch, mit denen Verbraucher im Discounter gelockt werden, könne man sich ausrechnen, dass für den Bauern wenig bleibt. Bei Verbrauchern müsste ein Bewusstseinswandel her, so Wille-Niebur.

Gutes Fleisch koste Geld. Was ihn wurmt: Schweineproduzenten aus Holland oder Dänemark dürften weiter nach Deutschland liefern - unter weniger strengen Regeln. „Die lachen sich über uns kaputt.“

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Immer mehr Bürokratie

Zufall: Die Tür geht auf, ein Kontrolleur für Qualitätssicherung betritt den Stall. Hygiene, Tierhaltung, Futter will er prüfen. Die nächsten Stunden wird Wille-Niebur damit beschäftigt sein. Am Ende steht ein zehnseitiges Protokoll. „Es wird immer mehr Bürokratie“, erklärt der Bauer.

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Agrarminister Till Backhaus (SPD) fordert, dass auch Bauern nach Betäubung weiter Ferkel kastrieren dürfen. Dazu wäre allerdings ein Sachkundenachweis erforderlich. Vom Bund fordert er „schnelle und klare Regeln“. Der frühere Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) habe „das Thema über Jahre verschlampt“, so Backhaus. Daher plädiere er für eine „Übergangsfrist“, bevor die neue Kastrationsregel greift - vermutlich nötig bis 2021.

Unterschiedliche Positionen im Landtag

Im Landtag ein gemischtes Bild. Sandro Hersel (AfD) warnt vor „Abwanderung der Produktion ins Ausland“ durch noch mehr Regeln. Wolfgang Weiß (Linke) bringt die Ebermast als Alternative ins Spiel, wodurch Kastration entfiele. Haken: Das Fleisch unkastrierter Eber ist wegen seines Geruchs unbeliebt. Weiß rät: Forschung und Zucht könnten hier Abhilfe schaffe. Weitere Forderung: „faire Kostenbeteiligung der gesamten Wertschöpfungskette“; bislang bekämen Bauern für ihre Tiere zu wenig Geld. Holger Kliewe (CDU) spricht sich für eine Verschiebung der Frist 2019 aus, um „neue Wege zu schmerzfreier Kastration zu finden“.

Frank Pubantz

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