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Wismar Abschied und Neubeginn
Mecklenburg Wismar Abschied und Neubeginn
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04:00 29.09.2017
Lukas, Pia und Renate Korporal bei ihrem vorerst letzten Schwatz im ökumenischen Kirchenladen in Wismar. Die 65-Jährige will aber ab und an als Besucherin wiederkommen. Quelle: Nicole Buchmann
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Wismar

„Dingeling. Dingeling.“ Renate Korporal zieht das Smartphone aus der Jackentasche. Das Klingeln ist Erinnerung daran, dass das Wasser für den Kaffee aufgesetzt werden will. Neun Kannen stehen bereit. Butterkuchen, Mohnschnecken, Obstplunder auch. Es wird ein Abschiedsessen an Renate Korporals letztem Arbeitstag im ökumenischen Kirchenladen in Wismar.

„Ein vertrauenswürdiger Mensch“

„Wenn sie nicht mehr da ist, fühlt es sich so an, als wenn dem Kirchenladen etwas fehlt.“ Lukas kommt fast jeden Tag in die Räume im Promenadencenter am Friedenshof. Und auch an diesem Tag macht er Tresendienst - freiwillig. Renate Korporal - sie sei ein vertrauenswürdiger Mensch, erzählt der Zwölfjährige. „Ich habe ihr mal ein Geheimnis anvertraut“, sagt er leise. Und Renate habe es nicht weitererzählt.

Inzwischen füllt sich der Kirchenladen. Blumen werden überreicht, Kosmetik, Naschereien. „Wo soll ich das nur alles hinstellen“, ruft Renate Korporal. Dann setzt sie sich auf eines der Sofas, blickt still auf die Stühle, auf denen sich Kinder einfinden zum Erntedankgottesdienst anlässlich ihrer Verabschiedung, Jugendliche, Senioren. So wie Heide Mohr. Seit 2004 kommt sie mindestens zwei Mal in der Woche - zum Spielen, Kaffee trinken und klönen. „Ich bin allein auf der Welt - Renate war mir immer eine Stütze, hat zugehört und immer einen Rat gewusst.“ Die 77-Jährige schluckt.

Geprägt von der eigenen Kindheit

Wie wichtig es ist, ein offenes Ohr zu haben - das weiß Renate Korporal schon seit Kindertagen. Aufgewachsen in einem kirchlichen Elternhaus, war sie begeistert von der Gemeindehelferin, die sich damals um sie und ihre Freunde kümmerte. Vom miteinander Spielen in jüngeren Jahren bis zum miteinander Diskutieren im jugendlichen Alter: „Ich wurde von ihr so angenommen, wie ich war. Konnte erzählen, wenn mich etwas bedrückte. Ich glaube, das hat mich geprägt.“

Die DDR verweigert Renate Korporal das Abitur. Den Wunsch, Lehrerin zu werden, muss sie ziehen lassen. Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann fühlt sie sich fehl am Platz hinter dem Schreibtisch. „Das war nichts für mich.“ Sie wirft hin. Mit der Wende kehrt die Möglichkeit des Studiums zurück. Als Religions- und Sozialpädagogin betreut sie fortan Kinder und Jugendliche, bis sie im Jahr 2000 den Kirchenladen übernimmt. „Das Generationenübergreifende hat mir an der Idee gefallen“, erzählt sie.

Ein Vorbild für ihren Nachfolger

Dann kommen die nächsten Gäste. Und Renate Korporals Nachfolger erzählt, was er in den vergangenen Monaten gelernt hat an der Seite seiner Noch-Chefin. „Wissen Sie - ich gehe immer noch davon aus, dass ich für alles, was geschieht, verantwortlich bin, dass ich die Welt retten kann“, sagt Sascha Schoppe. Das habe mit Idealismus nichts zu tun. „Das ist pure Selbstüberschätzung. Mich beeindruckt an Renate Korporal, dass sie darum weiß, dass nicht alles in ihrer Hand liegt.“ Daran will sich der 33-jährige Pastor künftig erinnern.

Renate Korporal fällt dazu ein Beispiel ein. Die Jungenbande, angeführt von einem Mädchen - da habe sie vor Jahren öfter die Polizei rufen müssen. „Heute schieben die alle mit einem Kinderwagen durch die Gegend“, sagt sie lachend. Emma hört aufmerksam zu. „Dass Renate geht, ist schade. Ich hab’ sie gemocht“, sagt die Neunjährige und zieht eine Schnute. Auch sie kommt regelmäßig. Weil im Kirchenladen immer gute Laune, alle fröhlich seien.

Zwiegespalten sei sie, beschreibt Renate Korporal ihr Gefühl, in den Ruhestand zu gehen. Nach einem Arbeitsleben von mehr als 40 Jahren. „Ich lasse es auf mich zukommen, habe lange genug nach Kalender gelebt.“ Ihre vier Kinder samt Enkel in vier Bundesländern können sich auf längere Besuche aus Wismar freuen. „Und in der Stadt gibt es so viele Angebote, dass ich jeden Tag etwas unternehmen könnte.“

Nicole Buchmann

Börzow ist ein Ortsteil der Gemeinde Stepenitztal. 268 Einwohner leben derzeit (letzter Stand) in dem Dorf. Laut Ratzeburger Zehntregister von 1230 gehörte Börzow wie auch Roggenstorf zu Mummendorf.

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