Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Als der Hahn von St. Georgen wegflog

Wismar Als der Hahn von St. Georgen wegflog

Goldener Wettervogel blieb drei Tage verschwunden und landete im Vorgarten der Bürgermeisterin – eingewickelt in ein Laken

Voriger Artikel
Bobitz sucht den schönsten Schäferhund
Nächster Artikel
40 Jahre Frühförderung im ÜFZ Sehen

Die Ruine von St. Georgen 1986. 1990 begann der Wiederaufbau, 2010 war Einweihung.

Quelle: Fotos: Sammlung Detlef Schmidt

Wismar. Am 21. Oktober 1993 wurde im Beisein von Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken, den am Bau beteiligten Unternehmen und vielen Bürgern die goldene Abschlusskugel mit dem Wetterhahn auf die Spitze des kleinen Glockenturms gesetzt. Zuvor wurde die Kugel mit aktuellen Dokumenten, einer Zeitung und Münzen gefüllt. Für viele war das ein erster sichtbarer Abschluss, des drei Jahre zuvor begonnenen Wiederaufbaus der im Krieg zerstörten St.-Georgen-Kirche.

 

OZ-Bild

In 56 Meter Höhe dreht sich der Wetterhahn auf dem Vierungsturm von St. Georgen. 1993 war er einen Tag nach dem Aufsetzen gestohlen worden.

Quelle:

Serie

Kalenderblatt

Nach dem Einsturz des Nordgiebels 1990 erholten sich die Verantwortlichen schnell von dem Schock, riefen zu Spenden auf. Zu den ersten Spendern zählte Willy Brandt. Der SPD-Politiker und ehemalige Bundeskanzler kannte die Georgenkirche aus seiner Kinderzeit, die er im Klützer Winkel bei seinem Großvater verbrachte.

Nach Antritt der neuen Stadtverwaltung am 31. Mai 1990 wurde zügig an der Akquirierung weiterer Spenden gearbeitet. Der erste namhafte Wismarer Spender war der Geschäftsführer einer damals gerade übernommenen, ehemals enteigneten Tiefbaufirma. Zunächst standen die Bürger dem Wiederaufbau skeptisch gegenüber. Jahrelang hatten sie mit der Ruine gelebt und sie meinten, Wohnungen zu bauen, wäre jetzt besser. Doch die Akzeptanz für den Wiederaufbau stieg bei den Wismarer Bürgern. Die Spendenbereitschaft wuchs. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz trug allerdings den Löwenanteil der 40 Millionen Euro, die St. Georgen letztendlich kostete. Viele Wismarer verzichteten bei persönlichen Jubiläen auf Blumen und Geschenke und ließen das Geld für St. Georgen spenden.

Umso erschrockener waren die Wismarer, als der goldene Wetterhahn nur einen Tag nach seiner Anbringung in 56 Meter Höhe schon wieder verschwunden war. Als eine der ersten hatte es die Bürgermeisterin bemerkt, die morgens, wenn sie aus dem Haus ging, immer zu St. Georgen hinaufschaute. Sofortige Nachfragen von Rosemarie Wilcken bei den Ämtern, brachten die traurige Gewissheit: der Wetterhahn war gestohlen worden. Wie ein Lauffeuer ging die Geschichte durch die Stadt. Die Kriminalpolizei nahm die Ermittlungen auf und die OSTSEE-ZEITUNG titelte „Schlug die Kultur Mafia zu?“.

Wer Rosi Wilcken kennt, weiß welche Energien sie bei sich und ihren Mitarbeitern freisetzte, um den Hahn wiederzubekommen. Alles Tun blieb erfolglos, der Hahn war verschwunden.

Doch dann – drei Tage später: Im Vorgarten von Familie Wilcken in der Dahlmannstraße liegt ein Stoffbündel. Eingewickelt in das Bettlaken der goldene Hahn, der seine unfreiwillige Reise unbeschadet überstanden hat. Möglicherweise war den Dieben die Ware doch zu heiß geworden. Gerüchte, dass die Bürgermeisterin im Vorgriff auf anstehende Bürgermeisterwahlen etwas mehr Publicity haben wollte, erwiesen sich als unbegründet.

Der Fall erinnert ein wenig an den „goldenen“ Löwen aus Holz, Gips und goldenem Überzug über dem Eingang der Löwen Apotheke. Auch er war schon einige Male verschwunden und sein Verschwinden wurde nie aufgeklärt, genau wie beim goldenen Wetterhahn. Dieser wurde sofort wieder auf den Vierungsturm von St. Georgen gebracht – und Rosi Wilcken wacht seit dieser Zeit mit Argusaugen, dass er auch da oben bleibt.

Die meisten Kirchen hatten neben seelsorgerischen noch einige praktische Aufgaben. Da es keine Uhren gab, waren die mechanischen oder früher auch die Sonnenuhren an den Kirchen Zeitmesser für die Bürger. Eine zweite wichtige Aufgabe erfüllten Kirchen als höchste Gebäude eines Ortes mit der Anzeige der Windrichtung. Später hatten auch viele Häuser Windfahnen, aber Kirchen hatten einen Hahn als Windrichtungsanzeiger. Den ersten „Wetterhahn“ hatte Bischof Rampertus in der italienischen Stadt Brescia 820 auf dem Turm einer Kirche anbringen lassen. Grund war wohl die Bibelstelle, in der Jesus dem Apostel Petrus prophezeit: „Ehe der Hahn krähen wird, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Was Petrus nach dem Bericht des Evangeliums nach der Verhaftung Jesu aus Angst vor Verfolgung auch dreimal tat. Als der Hahn krähte, erinnerte er sich an die Prophezeiung, schämte sich und verkündete bis zu seinem Märtyrertod den neuen Glauben. Der Hahn war also eine Mahnung sich nicht nach dem Wind zu drehen, sondern wie Petrus in seinem weiteren Leben dem christlichen Glauben treu zu folgen.

Am 8. Mai 2010 ist St. Georgen nach dem Wiederaufbau in einem für Wismar einmaligen Festakt mit Beethovens Sinfonie Nr. 9 eingeweiht worden. Den goldenen Wetterhahn hat keiner mehr angerührt. Ob das an den 56 Meter Höhe liegt oder an Wismars Ex-Bürgermeisterin und Ehrenbürgerin Rosemarie Wilcken, wer weiß. Es ist eben nichts aufgeklärt.

Was sonst noch geschah

22. Oktober 1847 Gründung der „Mecklenburgischen Dampfschifffahrtgesellschaft zu Wismar AG“, Scheuerstraße 11.

23. Oktober 1910 Parteitag der SPD in der „Hansa“.

23. Oktober 1945 Die Zuckerfabrik beginnt mit 450 Beschäftigten.

23. Oktober 1952 Wiedergründung des „Deutschen Roten Kreuz“ in Wismar.

23. Oktober 1989 Außerordentliche Sitzung der Kreisleitung der SED. Hans-Jürgen Große-Schütte referiert für einen Kampf gegen das Neue Forum.

23. Oktober 1989 Treff von Sympathisanten des Neue Forum in Voßkuhl im Wohnhaus von Fritz Kalf.

24. Oktober 1648 Wismar wird im „Westfälischen Frieden“ Schweden zugesprochen.

24. Oktober 1982 Wiederinbetriebnahme des Glockenspiels von 1592 im St. Marienkirchturm durch Spenden der Altschülerschaft der Großen Stadtschule. Das Glockenspiel wird von den neun Glocken im Turm und der Stundenglocke bedient. Es ertönt täglich um 12 Uhr, um 17 Uhr und um 19 Uhr und umfasst 14 Choräle aus dem evangelischen Kirchjahr. Das Glockenspiel von 1592 ruhte seit 1928.

24. Oktober 1831 Einweihung des Friedhofes (Ost) auf dem ehemaligen Galgenberg.

25. Oktober 1894 Dr. Leopold Liebenthal eröffnet in der Altwismarstraße (heute 10) seine Arztpraxis (gest. 30. November 1938).

26. Oktober 1908 Die Ingenieurakademie nimmt ihren Betrieb auf.

27. Oktober 1846 Gründung des Gewerbevereins Wismar im „Fründts Hotel“. Vorsitz Senator Dr. jur. Wilhelm Christian Süsserott.

Detlef Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wismar
Verlagshaus Wismar

Mecklenburger Straße 28
23966 Wismar

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag 10.00-17.00 Uhr
Freitag 10.00-16.00 Uhr

Leiterin Lokalredaktion: Kerstin Schröder
E-Mail: wismar@ostsee-zeitung.de
Telefon: 0 38 41 / 415 65

Ticket- und Anzeigenverkauf: 03841 / 41550.

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.