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Wismar Angriff auf Syrer in Wismar: Leider kein Einzelfall
Mecklenburg Wismar Angriff auf Syrer in Wismar: Leider kein Einzelfall
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09:42 31.08.2018
Ein Polizeifahrzeug steht mit Blaulicht auf der Straße (Symbolbild). Quelle: Patrick Seeger/dpa/symbolbild
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Wismar

„Wismar. Neugierig. Tolerant. Weltoffen“ – mit dieser Kampagne macht sich die Hansestadt seit Jahren gegen Rechtsextremismus stark. Doch nach dem brutalen Angriff auf einen Syrer am Mittwochabend stellt sich die Frage, wie tolerant ist Wismar tatsächlich?„Dieser Angriff ist kein Einzelfall“, berichtet Sandra Rieck, Leiterin des Wismarer Vereins „Das Boot“. Sie und ihre Mitarbeiter betreuen auch Menschen mit Migrationshintergrund. Gestern hat sie den verletzten jungen Mann aus Syrien besucht: „Er hat sich Anonymität erbeten.“ Der 20-Jährige soll von drei Männern mit einer Eisenstange im Stadtteil Friedenshof attackiert worden sein. „In Wismar kommt es immer wieder zu solchen Vorfällen“, bedauert Sandra Rieck. Das Schlimme: Viele Angriffe würden nicht als solche identifiziert.

Der Verein „Lobbi“, der sich um Opfer rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern kümmert, hat mit dem Vorfall am Mittwochabend in diesem Jahr fünf rechte Angriffe in der Hansestadt Wismar registriert: Im Januar brüllen drei Personen im Stadtteil Friedenshof neonazistische Parolen. Sie beleidigen mehrere Menschen und beschießen sie mit Feuerwerkskörpern. Ein Betroffener wird von einer Rakete am Kopf verletzt.

Im April wird ein junger Mann aus Eritrea von einem Rechten mit einem Fahrrad angefahren. Danach schlägt ihm der Angreifer auf den Kopf. Das Opfer flieht in einen Supermarkt, wird aber verfolgt. Im Geschäft attackiert der Täter ihn erneut, Anwesende greifen nicht ein.

Im Juli werden vor einem Wohnhaus vier Jugendliche von mehreren Personen rassistisch beleidigt und bedroht. Wenige Stunden später werden wieder Migranten bedroht. Die Polizei beschlagnahmt mehrere Waffen.

Der Vorfall von Mittwochabend hat Wismar bundesweit in die Schlagzeilen gebracht. Nichtsdestotrotz hat Bürgermeister Thomas Beyer (SPD) das Gefühl, dass es eine Zivilgesellschaft in Wismar gibt, „die sehr stark ist“. Als erfreulich wertet Beyer, dass es Reaktionen gibt. Das habe man zum Beispiel am Montag gemerkt, als die AfD die Vorfälle in Chemnitz nutzte, um in mehreren Städten des Landes zu Mahnwachen aufzurufen – auch in Wismar. Etwa 80 Leute haben bei einer spontanen Gegenveranstaltung Flagge gezeigt und sich für ein friedliches Miteinander eingesetzt (die OZ berichtete).

Laut Angaben des verletzten Syrers soll er auf dem Heimweg von drei Männern im Bereich der Käthe-Kollwitz-Promenade geschlagen und mit einer Eisenkette verletzt worden sein. Eine Anwohnerin soll laute Geräusche gehört und die Polizei alarmiert haben.

Die Ermittlungen sind mit Hochdruck vorangetrieben worden: Bereits gestern ist ein Tatverdächtiger, ein polizeibekannter 26-jähriger Mann aus Wismar, vorläufig festgenommen worden. Der Vorwurf:

gefährliche Körperverletzung. Er soll die Tat bestreiten. Laut zuständiger Staatsanwaltschaft Schwerin deute aber der derzeitige Ermittlungsstand auf ein fremdenfeindliches Motiv hin. Deshalb ist auch der Staatsschutz eingeschaltet worden.

„Sollte es sich um einen Täter handeln, muss er so schnell wie möglich verurteilt werden“, fordert Simone Oldenburg, Chefin der Landtagsfraktion der Linken. Nur ein zügiges Eingreifen der Justiz könne das richtige Signal senden: „Dauert ein Verfahren zu lange, denkt man doch, dass den Tätern nicht wirklich etwas passiert.“

Wie Sandra Rieck vom Verein „Das Boot“ betont, sollte „niemand aufgrund von Anderssein anders behandelt werden“. In Wismar komme das aber öfter vor, das hätten auch Helfer ihres Vereins persönlich erlebt. Trotzdem wolle man nicht polarisieren: „Wir wollen nicht wir und die, sondern eine gemeinsame Stadtgesellschaft, die hinguckt, die offen ist, solidarisch und die alle mitnimmt mit ihren Unterschiedlichkeiten.“ Da die Tat einen menschenverachtenden Hindergrund habe, hätte sie aber große Brisanz. Deshalb müssten Ressourcen gestärkt werden, die Begegnungen unterschiedlicher Menschen ermöglichen. Auch die Kampagne „Wismar. Neugierig. Tolerant. Weltoffen“ müsse mit Leben erfüllt werden. „Das nur zu sagen, genügt nicht. Jeder einzelne muss Haltung zeigen“, fordert Sandra Rieck auf, sich gegen Rassismus stark zu machen. Es reiche nicht aus, Wismar mit Schiffbau bekannt zu machen. „Eine Stadt muss ein lebenswerter Ort sein. Und keiner, wo man sich aus Angst nicht nehr vor die Tür traut.“ Sie hoffe, „dass wir es künftig nicht mehr nötig haben, dafür auf die Straße zu gehen“.

Knapp 3000 Menschen aus mehr als 100 anderen Nationen leben derzeit in der Hansestadt Wismar. Um das Miteinander unterschiedlicher Kulturen zu fördern, wird jedes Jahr eine interkulturelle Woche organisiert. In wenigen Tagen ist es wieder soweit: Vom 8. bis zum 28. September läuft die Veranstaltungsreihe – mit Theater, Musik und Gesprächsrunden.

Wie Wismars Bundestagsabgeordneter Frank Junge (SPD) berichtet, sei 2015 das Bundesprogramm „Demokratie leben“ beschlossen worden. Es richte sich an eine Vielzahl von engagierten Bürgern, Organisationen und Initiativen, die sich Tag für Tag für ein weltoffenes, gewaltfreies und demokratisches Zusammenleben in Deutschland einsetzen. Die Fördersumme beträgt in diesem Jahr 120,5 Millionen Euro, die im Haushalt des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend angesiedelt ist.„

OZ

Im Fall des verletzten Syrers in Wismar entscheidet das Amtsgericht am Freitag über einen Haftantrag gegen einen tatverdächtigen 26-jährigen Deutschen.

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