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Aus dem Kreißsaal auf zu Europas Hauptstädten

Wismar Aus dem Kreißsaal auf zu Europas Hauptstädten

Dr. Alfred Winterroth, Oberarzt der Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum in Wismar, geht morgen in den Ruhestand / Seine Pläne: Reisen, Lesen Gartenarbeit

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Gynäkologe und Geburtshelfer Dr. Alfred Winterroth (63) mit „seinem“ letzten Baby vor dem Ruhestand. Anton Pohl kam am 23. Februar zur Welt, wog 4450 Gramm und war 53 Zentimeter groß.

Quelle: Sylvia Kartheuser

Wismar. Dr. Alfred Winterroth hat mehr als die Hälfte der Wismarer auf die Welt gebracht. In 28 Jahren und sechs Monaten hat er knapp 23000 Babys entbunden oder war der verantwortliche Arzt bei der Geburt. Wismar hat 43997 Einwohner (Stand 30. Juni 2014).Tatsächlich entscheiden sich Mütter aus ganz Nordwestmecklenburg und darüber hinaus für eine Geburt im Sana Hanse-Klinikum. Das Ganze ist ein Zahlenspiel. Dennoch muss der Oberarzt lächeln: „Ja, das könnte man so sagen, zumindest ist das theoretisch so.“

Wer die Ehrfurcht vor der Schöpfung verliert, ist kein guter Arzt.“Dr. Alfred Winterroth

Für den 63-Jährigen beginnt morgen ein neuer Lebensabschnitt: Er wird Rentner. Seine Sprechstunden in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe übernimmt die Ärztin Dr. Mouna Yassin Kassab. Oberärztin ist kommissarisch Dr. Christiane Schawe.

38 Jahre Arzt, davon fast 29 Jahre in Wismar — die Frauenheilkunde hat sich in dieser Zeit verändert. „Als ich angefangen habe, war das wichtigste Instrument zur Untersuchung noch das Holzstethoskop, mit dem die Hebamme die Herztöne des Babys abgehört hat“, erinnert sich Alfred Winterroth. Heutzutage werde die Schwangerschaft mittels Ultraschall elektronisch überwacht. „Dadurch können im Vorfeld Dinge geklärt werden, die für das weitere Leben des Babys wichtig sind“, sagt er und nennt ein Beispiel: „Wenn ein Herzfehler entdeckt wird, können Mutter und Kind unverzüglich in eine hochspezialisierte Klinik verlegt werden.“

Daran war vor 38 Jahren nicht zu denken. Alfred Winterroth erinnert sich noch gut an seine erste Geburt: „Es war eine Beckenendlage, das Kind lag also mit dem Becken statt mit dem Kopf im Geburtskanal. Eine gefährliche Situation, bei der im schlimmsten Fall Mutter und Kind sterben können. Aber zum Glück hatte ich eine erfahrene Hebamme an meiner Seite und alles ging gut.“ Dank Ultraschall wird heutzutage so eine Lage sichtbar. „Dann wird sofort ein Kaiserschnitt angeordnet“, erklärt der erfahrene Geburtshelfer, der aus Dessau stammt und ursprünglich Orthopäde werden wollte.

Während des Studiums in Magdeburg lernte er seine Frau kennen, eine gynäkologische OP-Schwester. „Sie hat zu mir gesagt: ,Schau dir mal die Frauenheilkunde an, dann weißt du, was ein richtiges Fach ist‘. Das habe ich getan und nie bereut“, erzählt Alfred Winterroth. Genauso wenig wie den Gang nach Wismar. Der Gynäkologe folgte einem Arzt aus Magdeburg, der schon in die Hansestadt gezogen war.

„Das war die beste Entscheidung, die meine Frau und ich treffen konnten“, versichert der Mediziner.

38 Jahre Arzt und Geburtshelfer, werden Geburten da irgendwann zur Routine? Alfred Winterroth schüttelt den Kopf und verneint energisch. „Jede Geburt ist einmalig. Es ist ein Wunder, wie aus zwei kleinen Zellen ein komplexer Organismus entsteht. Wer die Ehrfurcht vor der Schöpfung verliert, ist kein guter Arzt.“

Meist sind Geburten freudige Ereignisse. Doch nicht immer läuft alles glatt. Auf den letzten Metern im Mutterleib kann viel passieren. Auch, dass Babys nicht leben konnten, hat der Oberarzt erlebt.

„Das sind Augenblicke voller Fragen, die einem noch lange nachgehen“, sagt Alfred Winterroth, schaut auf und fährt fort: „Wissen Sie, was das wichtigste Werkzeug für einen Geburtshelfer ist?“ Die Frage ist rhetorisch und er beantwortet sie gleich selbst: „Der Hocker, auf dem er sitzt und alle Aspekte einer Geburt in Ruhe bedenkt.“ Wenn er dann zu einem Entschluss gekommen sei, müsse es aber schnell gehen.

Diese Zeiten sind für Dr. Alfred Winterroth morgen Vergangenheit. Vorigen Dienstag hat er sein letztes Baby geholt: Anton Pohl, ein strammer Junge mit einem Gewicht von 4450 Gramm bei 53 Zentimeter Länge. Seit Mittwoch hat der Oberarzt Urlaub, ab morgen ist er Rentner.

Furcht, dass ihm die Zeit lang werden könnte, hat der 63-Jährige nicht. „Wir können endlich alles das machen, was wir uns schon so lange vorgenommen haben.“ Da sind zum Beispiel Europas Hauptstädte.

Das Ehepaar Winterroth, das zwei erwachsene Töchter hat, will sie alle bereisen von Helsinki im Norden bis Valetta auf Malta. „Außerdem möchte ich mein Klavierspiel wieder aktivieren. Und ich habe einen Stapel Bücher, der schon ganz lange bei mir liegt“, zählt der Neu-Rentner auf. Und dann ist da ja auch noch der Garten, in dem die Arbeit bald wieder beginnt. „Als Krankenhausarzt ist man meist in geschlossenen Räumen. Die Luft ist da nicht so toll. Da war die Gartenarbeit ein willkommener Ausgleich, etwas an der frischen Luft zu tun.“ Da er jetzt frei über seine Zeit verfügen kann, will Alfred Winterroth jetzt aber auch häufiger mal mit einem Buch auf der Terrasse sitzen. „In letzter Zeit lese ich gern Krimis.“

 



Sylvia Kartheuser

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Gynäkologe und Geburtshelfer Dr. Alfred Winterroth (63) mit „seinem“ letzten Baby vor dem Ruhestand. Anton Pohl kam am 23. Februar zur Welt, wog 4450 Gramm und war 53 Zentimeter groß.

Der Oberarzt der Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum in Wismar, Dr. Alfred Winterroth, geht am Dienstag in den Ruhestand.

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