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Aus für Weinhandlung „F. G. Michaelis“

Wismar Aus für Weinhandlung „F. G. Michaelis“

Nach über 130 Jahren wird das Traditionsunternehmen 1953 zerschlagen

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„Lilly“ Michaelis wurde nach ihrem Tod am 22. August 1941 im „Weinberg“ aufgebahrt.

Wismar. Am 7. April 1953 fällt der Richter Sengpiel am Wismarer Kreisgericht das Urteil über Johann-Jürgen Michaelis, letzter Inhaber der seit 1822 in Wismar ansässigen Weingroßhandlung „F.G. Michaelis“ Hinter dem Rathaus 3.

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Nach über 130 Jahren wird das Traditionsunternehmen 1953 zerschlagen

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Es war die Zeit, als die SED, die die „Diktatur des Proletariats“ verkörperte, ihren Feldzug gegen freie Unternehmer antrat und mit fadenscheinigen Anschuldigungen die ihnen willfährigen Richter überzeugte. Johann-Jürgen Michaelis hatte schon vor dem Krieg Korken für die Weinproduktion eingelagert und diese waren Anlass, die über die Wismarer Grenzen bekannte 130 Jahre alte Weingroßhandlung „F.G. Michaelis“ zu enteignen und den Inhaber am 7. April 1953 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus zu verurteilen.

Michaelis hatte den neuen Machthabern sein eigenes Lager vorenthalten, und den neuen sozialistischen Unternehmen fehlten diese Korken, so der Vorwurf des Richters. Durch einen Tipp aus dem Wismarer Finanzamt konnte sich Johann-Jürgen Michaelis schon vor Silvester 1952 nach Westberlin absetzen und so der am 5. Januar 1953 vorgesehenen Verhaftung entziehen. Seine Frau Karin floh auf abenteuerliche Weise zwei Tage später mit den drei Kindern Karin, Ursula und Anita auch nach Westberlin. Die Familie war wieder zusammen und gerettet — die Firma aber verloren. Das Haus wurde kurioserweise auch in die Unternehmensmasse miteinbezogen, obwohl es der Stadt durch Testamentsverfügung gehörte, und ist in Volkseigentum überführt worden. So musste die Hansestadt Wismar 1995 ihr eigenes Haus zurückkaufen — eine „späte Rache“ aus der DDR-Zeit.

Johann-Jürgen war der letzte männliche Nachfolger von Ferdinand Gustav Michaelis, der am 5. Oktober 1822 den „Weinberg“ erwarb und hier seine Weinhandlung eröffnete. Am 29. Januar 1891 traten die Enkel des Firmengründers, Gustav Michaelis (1868- 1939) und sein Bruder Johann Michaelis (1869-1947), in das Familienunternehmen „F.G. Michaelis“ als Prokuristen ein und am 21. August 1893 wurden sie beide zu Teilhabern der „F.G. Michaelis OHG“. Sie kauften das Hotel „Stadt Hamburg“ und bewirtschafteten den Ratsweinkeller. Am 1. Oktober 1912 trennten sich die Brüder. Johann Michaelis übernahm die Vereinsgenossenschaftsbank am Markt 18 als Direktor. Gustav Michaelis war nun alleiniger Inhaber. Beide Brüder wirkten dann neben ihren Tätigkeiten politisch im Schweriner Landtag, Gustav bei den „Roten“ und Johann bei den „Konservativen“. Dieser politische Ausflug dauerte nicht lange, denn besonders der „rote“ Gustav bekam den Unmut seiner gut situierten Kundschaft zu spüren. Zudem beschäftigte sich Gustav Michaelis mehr oder weniger mit Philosophie und Naturwissenschaften, unterstützt von seiner Frau Amalie, genannt „Lilly“ (geboren am 27. Juni 1877 in Burghersdorp/Südafrika), die Gustav Michaelis 1896 heiratete und die sich auch mehr als „Weltbürgerin“ verstand.

Inflation, Weltwirtschaftskrise und unternehmerische Fehlhandlungen machten Gustav Michaelis zu schaffen. Sein Bruder Johann wollte der Weinhandlung helfen. Beide Brüder baten nun den Sohn von Johann Michaelis, Johann-Jürgen Michaelis (13. September 1897-24. Oktober 1984), in die Weinhandlung einzutreten. Nach Prüfung und reiflicher Überlegung wurde er am 9. April 1930 Teilhaber mit seinem Onkel Gustav in der Weinhandlung „F.G. Michaelis“.

Nach dem Tod von Gustav Michaelis am 6. August 1939 in dem Poeler Ferienhaus am Schwarzen Busch wurden Johann-Jürgen Michaelis und „Lilly“ Michaelis Inhaber der Weinhandlung. Lilly Michaelis hat das Innere des um 1550 erbauten Hauses zu ihrer Lebenszeit wesentlich geprägt. 1923 wurde die noch heute vorhandene Treppe zur Galerie eingebaut und die Diele erhielt durch Möblierung mit Schränken und Bildern ein „hanseatisches“ Aussehen, nach den Vorstellungen der Hausherrin. Als ihr Mann Gustav verstarb, war sie die letzte Eigentümerin des „Weinberges“, da ihre beiden Söhne verstorben waren.

Zeitzeugen beschreiben sie als etwas skurril, aber trotzdem freundlich und weltoffen. Sie bestimmte in ihrem Testament vom 25. April 1941, dass nach ihrem Ableben das Haus mit allem Inventar an die Hansestadt Wismar übergehen soll, mit der Maßgabe, alles so zu erhalten, wie sie es verlassen hat. Sie hat sogar zu ihrer Lebenszeit ihre eigene Trauerfeier geplant und auf der Diele eine Art „Generalprobe“ zu ihren mit allen zu erwartenden Trauergästen durchführen lassen, was sicher gewöhnungsbedürftig ist.

Am 19. Dezember 1941 nahm der Wismarer Rat die Verfügung des Testamentes der am 22. August 1941 verstorbenen letzten Eigentümerin des Hauses, „Lilly“ Michaelis, an, wonach diese der Stadt Wismar das Haus mit Grundstück „auf ewig“ mit allen Auflagen vererbte.

Nach der 1953 angeordneten Enteignung des Traditionsunternehmens „Weingroßhandel F. G. Michaelis“ übernahm im Januar 1954 der VEB „Wismaria“ dieses Haus, ehe er am 7. Mai 1966 hier zunächst eine Verköstigungsstube erfolgreich eröffnete. 1973 wurde sie als Restaurant „Zum Weinberg“ von der damaligen Handelsorganisation (HO) übernommen und gehörte zu den besten historischen Restaurants in der DDR.

Seit 1995 befindet sich das Haus wieder im Eigentum der Hansestadt Wismar, die das äußerst beliebte Restaurant „Zum Weinberg“ verpachtete. Der Verfügung des Testamentes von 1941 kam die Stadt Wismar unter anderem mit einer durchgreifenden Sanierung und einem Kostenaufwand von 3,6 Millionen Euro zwischen 2011 und 2014 nach. Am 16. April 2014 wurde das Haus übergeben und nach zweijähriger Suche konnte mit Marco Pusceddu aus Schwerin ein Pächter gefunden werden, der im Juni 2016 in diesem traditionsreichen Haus ein Restaurant eröffnen wird.

Was sonst noch geschah

7. April 1890: Der spätere Wismarer Stadtbaurat Arthur Eulert wird in Rostock geboren. Am 3. März 1946 nimmt er sich mit seinen vier Kindern in der Wismarer Altwismarstraße 6 das Leben.

8. April 1946: Befehl der sowjetischen Administration : Übertragung der Rechtsträgerschaft des Hafens auf die Stadt Wismar. Die Rechtsträgerschaft endet am 1. Mai 1947.

10. April 1933: Umbenennung Lindenstraße in Adolf-Hitler-Straße, Turnplatz in Horst-Wessel-Platz, Friedrich-Ebert-Damm in Parkstraße, Turnerweg in Schlageter-Allee.

Von Detlef Schmidt

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