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Wismar Dassow und Questin sind betroffen
Mecklenburg Wismar Dassow und Questin sind betroffen
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00:00 28.08.2018
Wismar/Grevesmühlen

Die höchste Erhebung in der Nähe von Dassow liegt zwischen Groß Voigtshagen und Roggenstorf. Immerhin knapp 140 Meter ist der Hügel hoch, der eine wundervolle Aussicht über die Region bietet. Doch es gibt noch mehr zu sehen. „Bei guter Sicht sind es rund 100 Windräder, die man dann sehen kann. Das ist eindeutig zu viel“, sagt Peter Adam von der Dassower Bürgerinitiative, die seit Jahren versucht, die Ausbreitung der Windkraftanlagen einzudämmen. Adam gehört wie Joern Kilian zu einer Gruppe von Anwohnern, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen. Erst vor Kurzem wurden die Pläne des Energieriesen Enercon bekannt, der in der Nähe von Dassow 13 Windkraftanlagen aufstellen will. Ein konkreter Antrag liegt zwar noch nicht vor. „Aber das Stalu (Staatliches Amt für Landwirtschaft und Umwelt, Anm. d. Red.) kennt die Pläne“, so Peter Adam. Acht Stück sollten es ursprünglich sein in dem Gebiet, nun also fünf mehr. Der Grund dafür sind die geänderten Abstandsregelungen, zu Einzelgehöften müssen die Anlagen nicht mehr 1000 Meter sondern nur noch 800 Meter entfernt gebaut werden. Das hat dazu geführt, dass die ausgewiesenen Windeignungsgebiete an Fläche zugenommen haben.

Die Bürgerinitiativen rufen zur Mitarbeit auf

Für die Bürgeriniative geht es in erster Linie darum, das Landschaftsbild, die Menschen und die Natur zu bewahren. Und Aufklärungsarbeit zu leisten. Denn vom Gewinn der Windkraftanlage bleibe in der Region kaum etwas hängen, auch wenn die Betreiber das Gegenteil behaupten würden, argumentieren die Umweltschützer. Tatsache ist, dass die Grundstücksbesitzer für eine Anlage zwischen 50000 und 75000 Euro Pacht pro Jahr erhalten, die Steuereinnahmen der Gemeinden durch die Windkraftanlagen sind marginal, weil die Windräder über Jahre abgeschrieben werden und nach Ablauf der Steuerbegünstigungen in der Regel ein sogenanntes Repowering – in der Regel eine Vergrößerung der Anlage – ansteht. „Und wenn man dann bedenkt, dass wir in MV mit die höchsten Strompreise in Deutschland haben, dann stimmt doch etwas nicht“, betont Joern Kilian.

„Auch das Thema Beteiligung funktioniert aus unserer Sicht nicht. Laut Gesetz sollen die Bürger die Möglichkeit haben, sich an den Anlagen und damit am Gewinn zu beteiligen. Uns ist kein einziger Fall bekannt, wo das auch umgesetzt wurde.“

Dass der Regionale Planungsverband nun Hals über Kopf versuche, Rechtssicherheit herzustellen und Eignungsgebiete auszuweisen, ist aus Sicht der Bürgerinitiative purer Aktionismus. „Der zudem dazu führt, dass es kaum eine vernünftige Auseinandersetzung mit dem Thema gibt“, so Kilian. In der Sommerpause sind den Kommunen die Unterlagen über die neuen Gebiete zugegangen, nun sollen die Stadt- und Gemeindevertreter innerhalb weniger Wochen entscheiden, ob sie dem Plan zustimmen oder nicht. „Das kann einfach nicht funktionieren.“

Jan Kilian und seine Mitstreiter rufen die Bürger zur aktiven Mitarbeit auf. Dabei, und das betonen die Initiativen, gehe es nicht darum, regenerative Energien zu verhindern. Sondern darum, eine vernünftige Regelung zu treffen zwischen dem Bau der Anlagen und dem Schutz der Umwelt und der Menschen. „Denn inzwischen haben wir den Eindruck, dass der Tierschutz hier deutlich mehr zählt als der Schutz der Menschen, die hier leben“, so Peter Adam.

Kontakt zur BI: padam01@web.de oder info@vlw-mv.de

Ein Dorf lehnt sich auf

Knapp 70 Einwohner hat Questin, einer der Ortsteile von Grevesmühlen. Und 656 Unterschriften gegen das geplante Windeignungsbiet in der Gemeinde hat die Bürgerinitiative gesammelt. Wie geht das? „Weil wir auch in den umliegenden Orten und in Grevesmühlen mit den Leuten sprechen, ihnen erklären, was das bedeutet“, sagt Helgrit Ertel von der Bürgerinitiative.

Sie war zusammen mit anderen Einwohnern auf der Sitzung des Regionalen Planungsverbandes. Dort wurde der Entwurf für die Planung der Windeignungsgebiete beschlossen. Mit geänderten Abstandsregelungen, die für Zündstoff sorgen. So wurde der Mindestabstand zu Einzelgehöften von 1000 Metern auf 800 Meter reduziert, was dazu führt, dass nun neue und größere Flächen für Windkraft zur Verfügung stehen. Vor der Abstimmung des Planungsverbandes im Wismarer Bürgerschaftssaal in der vergangenen Woche gab es eine Bürgerfragestunde, etliche Mitglieder von Bürgerinitiativen aus Westmecklenburg waren gekommen und meldeten sich zu Wort. Helgrit Ertel hatte Glück. „Ich war die erste, die an der Reihe war. Herr Christiansen (Vorsitzender des Regionalen Planungsverbandes, Anm.

d. Red.) hatte die Fragestunde auf 30 Minuten begrenzt. Wie kann man so etwas machen, wenn so viele Leute kommen? So kann man doch keine Sitzung leiten!“ Sie übergab nicht nur die Liste mit 656 Unterschriften sondern erklärte auch erneut, warum die Menschen in Questin sich gegen die Pläne wehren. „Und zwar nicht, weil wir gegen erneuerbare Energien sind, sondern weil wir uns und unsere Heimat schützen wollen.“

Der Lärm der Anlagen, allein vier stehen in Questin, der Schattenwurf und der Wertverlust der Häuser und Grundstücke würden dabei eine wichtige Rolle spielen. „Wenn wenigstens der Strom für die Menschen billiger wäre, die die Anlagen ertragen müssen, aber nicht einmal das. Es profitieren nur wenige Investoren, das kann nicht sein.“ Immer wieder erinnert sie die Politiker an ihre Verantwortung. „Sie vertreten die Wähler und nicht die Wirtschaft.“

Vor wenigen Tagen hatten die Questiner einen verendeten Rotmilan nahe der Anlagen entdeckt, das Tier war offenbar von einem Rotorblatt getroffen worden. Der Lebensraum der Rotmilane ist eigentlich ein Ausschlusskriterium für den Bau neuer Anlagen. Ein weiteres Argument sind die Überreste des Vertriebenenlagers Questin, nach Ende des Zweiten Weltkrieges lebten hier Tausende Vertriebene, es gibt Ideen, eine Gedenkstätte zu errichten. Auch die alte Handelsstraße führt hier entlang. Helgrit Ertel: „Das kann man doch nicht alles durch diese Anlage zerstören.“ Zumal aus ihrer Sicht auch die Touristen sich zunehmend an den vielen Windrädern stören würden. „Die wollen die Landschaft genießen, ohne Schattenwurf und Lärm – genauso wie wir Anwohner übrigens auch.“

Die Gemeinde Stepenitztal tagt am Dienstag, dem 4. September, auch dort steht das Thema Windkraft auf der Tagesordnung. Hintergrund ist, dass in der Nähe von Bonnhagen vier Anlagen gebaut werden könnten. Die entsprechenden Unterlagen würden laut Helgrit Ertel im Grevesmühlener Rathaus ausliegen. „Ich kann nur hoffen, dass sich viele Leute informieren über das Thema. Dann haben wir auch eine Chance.“ M. Prochnow

Kritik am Verband

Das Aktionsbündnis „Freier Horizont“ hat den Regionalen Planungsverband heftig kritisiert für den aktuellen Entwurf der Raumordnung. Es sei völlig übereilt und unnötig, in so kurzer Zeit die Raumordnung neu zu regeln. Denn selbst ohne ausgewiesene Windeignungsgebiete gebe es klare Regeln für das Aufstellen der Windkraftanlagen, heißt es vom Bündnis.

Aus Sicht des Aktionsbündnisses würden Genehmigungen in ausgewiesenen Gebieten eher erteilt als ohne eine entsprechende Planung. Der vom Verband angesprochene „Wildwuchs“ der Anlagen aufgrund der vom OVG ausgehebelten Raumordnung sei überzogen.

Zudem erklärt das Aktionsbündnis, dass der Planungsentwurf eklatante Fehler enthalte.

Michael Prochnow

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