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Die Seele spricht nur eine Sprache

Wismar Die Seele spricht nur eine Sprache

Wenn Flüchtlinge in psychotherapeutischer Behandlung nach Worten suchen

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Madina, Marva und Neptun Sadat – die drei Schwestern kämpfen für einen Umzug von Wismar nach Berlin. Ihre Mutter liegt dort in einer Klinik wegen posttraumatischer Belastungsstörungen.

Quelle: Foto: Nicole Buchmann

Wismar. Weinend sitzt Marva Sadat unterm Dach in einem Altbau in der Wismarer Altstadt. Gut dreißig Minuten hat sich die 18 Jahre alte Afghanin zusammengerissen.

OZ-Bild

Wenn Flüchtlinge in psychotherapeutischer Behandlung nach Worten suchen

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Dreißig Minuten, in denen sie von ihrer Familie berichtet, von dem gescheiterten Versuch, alle in Berlin zusammenzubringen, von sich und den Problemen, für die niemand eine Lösung zu haben scheint.

Dann aber fließen die Tränen.

Im August 2015 kam Familie Sadat – Mutter, Vater, zwei Jungen, drei Mädchen – in Deutschland an. Inzwischen sind sie anerkannt als Flüchtlinge, gehen die Kinder (11, 16-jährige Zwillinge, 17, 18) zur Schule, besuchen Deutschkurse, versuchen, in diesem Land anzukommen. Der elfjährige Morteza weint, wenn er aus der Schule in die Wohnung im ehemaligen Lehrerhaus in Wendorf zurückkommt. Er weint, weil er die Mutter vermisst.

Najiye Sadat liegt in einer psychiatrischen Klinik in Berlin, wird dort behandelt wegen posttraumatischer Belastungsstörungen. Die Ärzte dort sprechen Persisch. Die Muttersprache, in der Najiye am ehesten über Erlebtes reden kann. Tochter Marvas Diagnose ist umfangreicher. Die junge Frau hat sechs Wochen in der Psychiatrie in Schwerin verbracht. Der Therapieerfolg – mäßig. Marvas Deutsch kann noch lange nicht fühlen. Psychopharmaka haben die Behandlung übernommen. In Berlin, sagt Marva, gebe es richtige Hilfe.

Manuela Latchinian kennt Probleme dieser Art. „In unserer Beratungsstelle ist seit Ende vergangenen Jahres zu merken, dass Flüchtlinge jeden Alters Hilfe bei psychischen Problemen und Erkrankungen suchen“, berichtet die Mitarbeiterin der Migrationsberatung des Diakoniewerkes im nördlichen Mecklenburg. Die Menschen hätten inzwischen ihre Deutschkurse gemacht, eine eigene Wohnung gefunden, ein wenig „Normalität“ sei eingetreten. „In einer solchen Phase ist es möglich, dass verdrängte Erlebnisse und Traumata zutage treten“, sagt Latchinian. Psychiater oder Psychologen, die die Muttersprache der Patienten sprechen und an die sie die Menschen vermitteln könne, habe sie in Mecklenburg-Vorpommern noch nicht gefunden. „Wir müssen nach Hamburg oder Berlin ausweichen.“ Berlin. In den Ohren von Marva, Madina, Neptun, Mostafa und Morteza klingt dieses Wort offenbar wie die Lösung für all ihre Probleme. Doch einen ersten Antrag auf Streichung der Wohnsitz beschränkenden Auflage hat die Ausländerbehörde des Landkreises Nordwestmecklenburg im Oktober vergangenen Jahres abgelehnt. Weil laut Landkreis die Berliner Behörde den Zuzug verweigerte.

Stattdessen sollen Sadats jetzt aus dem Lehrerhaus ausziehen und sich in Wismar eine Wohnung suchen. Vergangene Woche haben sie einen zweiten Antrag eingereicht. „Der erneute Antrag auf Streichung der Wohnsitzauflage wird von hier selbstverständlich mit der Bitte um Zustimmung an die Ausländerbehörde Berlin weitergeleitet“, teilte ein Sprecher des Landkreises Nordwestmecklenburg auf OZ-Nachfrage mit.

Aus Sicht von Manuela Latchinian wäre der Familie mit einem Umzug nach Berlin geholfen. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen der psychologischen Beratungsstelle betreut sie vermehrt auch minderjährige Flüchtlinge. Vieles könnten sie allein nicht bewältigen. Dass Marvas Vater manchmal nachts aufschreckt und sagt, dass er lieber sterben möchte, gehört dazu.

Nicole Buchmann

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