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Wismar Ein Arzt für alle und zu jeder Zeit

Deutschlands ältester praktizierender Arzt kommt aus Wismar

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Dr. Ludwig Böckel mit seiner Ehefrau Else um 1966. Er war Deutschlands ältester praktizierender Arzt.

Wismar. Am 27. März 1967, vor knapp 60 Jahren, stirbt in Wismar kurz nach seinem 100. Geburtstag Sanitätsrat Dr. med. Ludwig Böckel in seinem Haus in der Lübschen Straße 48. Über 70 Jahre hatte er in diesem Haus seine Arztpraxis und so ist es erklärlich, dass viele Wismarer ihn kannten und schätzten. Er entstammt einer alten Wismarer Familie. Sie ist seit 1650 in der Stadt ansässig, seit der Gewürzkrämer Mathias Böckel am 7. Februar das Bürgerrecht erhielt.

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Ludwig Böckel ist in Boitze im Kreis Bleckede geboren, wo sein Vater Theodor einen Hof mit Landwirtschaft betrieb. Dessen Vater Jakob Böckel war Weinhändler. Er hatte 1833 das Hotel „Stadt Hamburg“

erworben und es 1848 verkauft, um sich als Weinhändler Hinter dem Rathaus 25 niederzulassen. Die Böckelsche Weinhandlung war ein gut geführtes Unternehmen, das bis in die Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts existierte. Danach hatte hier „Kaiser‘s Kaffee“ seine Wismarer Filiale. An dem Haus, in dem heute eine Bank ist, sind noch an der Fassade die floralen Schmuckelemente der Weinhandlung zu entdecken.

Die Familie Theodor Böckel zieht 1874 nach Wismar und ihr Sohn Ludwig Böckel wird an der Großen Stadtschule eingeschult. Die Böckels sind in Wismar weit verbreitet und der siebenjährige Ludwig trifft in der Schule allein auf neun Verwandte. 1888 macht er hier sein Abitur und beginnt ein Medizinstudium — zunächst in München, Rostock, Kiel und Berlin. 1894 schließt er das Studium mit dem ärztlichen Examen in Kiel ab und erhält die Approbation als praktischer Arzt. Am 1. September 1894 promoviert Ludwig Böckel mit seiner Dissertation über die „Pathologische Anatomie des Wurmfortsatzes“ zum Doktor der Medizin.

Nach Aufenthalten als Assistenzarzt in Greiz und Hamburg lässt er sich am 23. Januar 1896 als praktischer Arzt in Wismar, Hinter dem Rathaus 27, neben der Weinhandlung seines Onkels Paul Böckel nieder. Etwas später erwirbt er das Haus Lübsche Straße 48, wo er Praxis und Wohnung einrichtet und nahezu 60 Jahre lebt.

Dr. Böckel ist einer der ersten Ärzte, die Kassenpatienten und Wohlfahrtsempfänger, also arme Leute, behandeln. Er begrüßt ausdrücklich die seit dem 1. Dezember 1884 bestehenden gesetzlichen Verordnungen zur Schaffung von Krankenkassen. „Die Fabrikherren hätten von sich aus nie etwas für ihre Leute bezahlt“, sagt er und ergänzt: „Jeder sollte ein Recht auf die gleiche gewissenhafte ärztliche Hilfe haben“. Böckel wird Vertrauensarzt der Ortskrankenkasse und setzt sich besonders für die Schwächeren der Gesellschaft ein.

1904 heiratet er Marie-Luise Paepke, die aber schon 1911 im Alter von 32 Jahren stirbt. Seine zweite Frau Else Uthoff aus Klein Woltersdorf begleitet ihren Mann auch als Sprechstundenhilfe in seiner Praxis. Sie stirbt zehn Jahre nach ihm am 4. August 1976 94-jährig .

Böckels soziale Einstellung und auch sein praktisches Können bringen ihm großes Vertrauen seiner Patienten ein, die ihm bis in sein hohes Alter treu bleiben. Er selbst ist Zeit seines Lebens ein Lernender, der sich in der Ohren-, Haut-, Frauen- und Kinderheilkunde ständig weiterbildet.

Von 1914 bis 1918 ist er Mitglied der Wismarer Bürgerschaft sowie von 1925 bis 1930 Stadtverordneter. Mit seiner politischen Meinung tritt er für soziales Engagement und gegen Krieg ein. Im Ersten Weltkrieg hat er zeitweise als Lazarettarzt gearbeitet und kennt die Schrecken eines Krieges. Zwei seiner Söhne kommen aus dem Zweiten Weltkrieg nicht nach Hause. „Das darf sich nie wiederholen“, ist Böckels Maxime.

Nach 1945 setzt er mit seinen damals schon 78 Jahren die dringend gebrauchte medizinische Arbeit fort. Er kommt sprichwörtlich bei Wind und Wetter, wenn andere Ärzte abwinken, mit seinem schwarzen Gehrock und einer in die Jahre gekommenen Arzttasche. Ausgleich findet Dr. Böckel in seinem Garten mit hundertjährigen Bäumen und in der Turnerschaft, der er seit seiner Studienzeit bis zum Lebensende aktiv angehört.

Sein Garten an der Großen Hohen Straße wirkte auf uns Jungen wie ein Magnet. Doch wir, die wir ansonsten jeden Zaun überwanden, gingen da nicht rein. Nicht, weil wir Angst hatten, sondern Respekt vor dem „ollen Herrn Dokter“.

Seine Promotions-Uni in Kiel zeichnet ihn 1964 mit der „Goldenen Doktorurkunde“ aus. 1961 wird er mit dem Titel „Sanitätsrat“ gewürdigt und 1962 erhält er mit der Hufeland-Medaille die höchste medizinische Auszeichnung in der DDR. Bis zu seinem 98. Lebensjahr hält Dr. Böckel wöchentlich viermal Sprechstunde und besucht Kranke. Doch dann will er kürzer treten, denn er hat den Ehrgeiz, bis zu seinem 100. Geburtstag als Arzt tätig zu sein. Das hat er geschafft.

Was sonst noch passierte

27. März 1949: Eröffnung des Theaters an der Parkstraße.

27. März 1844: Der Dichter der deutschen Nationalhymne, Hoffmann von Fallersleben, ist Gast im Wismarer Hotel „Stadt Hamburg“. Ihm zu Ehren wird ein Essen gegeben.

27. März 2013: Baubeginn des neuen Polizeigebäudes an der Rostocker Straße mit einem finanziellen Gesamtvolumen von 9,4 Millionen Euro.

27. März 1953: Die SG Dynamo Wismar wird als Polizeisportgemeinschaft gegründet. Am 14. August 1990 wird die SG Dynamo in PSV Wismar e.V. umbenannt und am 17. April 2009 wird die SG Dynamo Wismar e.V. nach 19 Jahren mit sieben Mitgliedern neu gründet.

Von Detlef Schmidt

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