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Ein Buch wandert um die Welt

Grevesmühlen Ein Buch wandert um die Welt

Rudolf Herrgen fand in einem Antiquariat in Florida die Chronik von Grevesmühlen – und schenkte sie nun der Stadt

Grevesmühlen. Nach 80 Jahren findet eine Chronik den langen Weg zurück nach Grevesmühlen – und das eigentlich durch einen Zufall. Vor drei Jahren stöberte Rudolf Herrgen aus Wermelskirchen bei Köln in seiner Zweitheimat Florida in einem Antiquariat. In einer Grabbelkiste entdeckte er ein Buch, das ziemlich deutsch aussah, wie der 81-Jährige erzählt – die Chronik der Stadt Grevesmühlen. Den Ort kannte er bis dahin nicht, kaufte das Buch aber in der Absicht, es der Stadt irgendwann zu schenken. Das ist gestern nun geschehen. Auf der Durchreise von Hamburg nach Stralsund machte er vormittags mit seiner Frau Carla einen Zwischenstopp im Grevesmühlener Rathaus. „Es ist ein Schatz, den Sie uns hier überreichen“, meinte Lars Prahler, der die Chronik im Auftrag des Bürgermeisters Jürgen Ditz entgegennahm. Dem Buch lag eine originale Rechnung bei, die zeigt, dass das Buch am 20. Dezember 1936 verkauft wurde – unterzeichnet vom Verfasser der Chronik, Friedrich Belg. 7,25 Reichsmark bezahlte der Käufer damals, inklusive 1,25 Reichsmark Porto – umgerechnet etwa 1,80 Euro. Laut Rechnung ist es ein Y. H. W. Bergmann aus New York, der das Werk kurz vor Weihnachten 1936 kaufte. Doch wo ist die Verbindung zu Grevesmühlen? Darüber kann Stadtarchivar Alexander Rehwaldt nur spekulieren. Fakt ist: Von 1868 bis 1914 war in Grevesmühlen ein Stadtsekretär namens Hermann Bergmann beschäftigt. Nachweislich ist der damals 78-Jährige am 1. Mai 1913 von Hamburg nach Amerika gereist – mit dem Dampfschiff „Amerika“. Wie lange er sich dort aufhielt, ist nicht bekannt. Er muss aber in seine Heimat Grevesmühlen zurückgekehrt sein, denn hier verstarb er im Jahr 1921. 15 Jahre später kaufte ein Herr Bergmann aus New York die Chronik von Grevesmühlen. Ein Sohn des ehemaligen Stadtsekretärs? Oder ein Neffe? „Irgendeine Verbindung muss es ja geben, sonst hätte er die Chronik nicht erworben“, mutmaßte auch Stadtsprecherin Regina Hacker.

Knapp 20 Dollar (etwa 18 Euro) hat Rudolf Herrgen für die Chronik in Nokomis in Florida bezahlt. Sie ist in der Originalfassung von 1936 wesentlich mehr wert – und eigentlich nicht zu beziffern. „Ich wusste nicht, wann ich mal nach Grevesmühlen kommen würde, aber ich habe das Buch mit der Absicht gekauft, es der Stadt zur Verfügung zu stellen“, erklärte er gestern. Dafür gab es vom stellvertretenden Bürgermeister Lars Prahler eine Urkunde und eine Münze von Grevesmühlen als Andenken. Seinen Platz wird die Chronik nun im Stadtarchiv bekommen – neben dem Stadtsiegel und diversen älteren Urkunden.

Wer weiß, ob Rudolf Herrgen jemals den Landkreis Nordwestmecklenburg kennengelernt hätte, wenn er die Chronik nicht gefunden hätte. „Ich kannte die Gegend nicht. Sie ist wunderschön“, schwärmte er.

Den Geburtstagsbesuch einer guten Bekannten in Hamburg nutzte das Ehepaar Herrgen, um Grevesmühlen zu bereisen. Mecklenburg-Vorpommern habe Rudolf Herrgen kurz nach der Wende einmal mit seinem eigenen Flugzeug überflogen. Als ehemaliger Vertreter für eine Firma für Handwerkzeuge suchte er deutschlandweit nach Standorten und steuerte von Dänemark aus unter anderem auch Neubrandenburg an.

„Die Region entlang der Küste war schön. Je näher ich zur Grenze nach Polen kam, umso unattraktiver wurde der Anblick“, erinnerte er sich.

1993 ließ Ortschronist Eckart Redersborg auf Bestellung sogenannte Reprints der Belg-Chronik drucken.

Jana Franke

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