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Wismar Einser-Azubi auf der Abschiebeliste
Mecklenburg Wismar Einser-Azubi auf der Abschiebeliste
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04:00 08.09.2017
Reza Rezai ist inzwischen im dritten Lehrjahr. Die Gesellenprüfung hat er hinter sich, nun spezialisiert er sich als Maurer. Quelle: Nicole Buchmann
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Wismar

Anderthalb Jahre - anderthalb Jahre läuft Jan Schubert von Pontius bis Pilatus, um für seinen Lehrling im mittlerweile dritten Ausbildungsjahr eine Duldung zu erwirken. Wenigstens bis zum Ausbildungsende. „Eine Odyssee“, sagt Schubert.

Schubert ist einer der Geschäftsführer bei der Wismarer Bauunion. Unterm Dach bei Migrationsberaterin Manuela Latchinian besprechen sie mit Reza Rezai das weitere Vorgehen. „Als erstes muss jetzt eine eigene Wohnung her“, sagt Latchinian bestimmt. Der 30-Jährige nickt verhalten. Seit 2014 wohnt er in der Haffburg. Dabei kann er sich eine eigene Wohnung vom Lehrlingsgehalt leisten. „Wir haben eine gesucht und auch gefunden - aber die Ausländerbehörde hat Reza gesagt: Sucht er sich eine eigene Wohnung, wirkt sich das schlecht auf seinen Antrag auf Ausbildungsduldung aus“, erzählt Schubert.

Einser-Schüler und Wettbewerbsgewinner

Immer wieder gibt es einen anderen Grund, warum weder eine Duldung, eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine eigene Wohnung für den Afghanen infrage kommen. Schubert bemüht sich um eine Lösung auf politischer Ebene, sucht das Gespräch mit der Ausländerbehörde und schließlich mit der Migrationsberaterin. Unterdessen liefert Reza sein Facharbeiterzeugnis ab: sieben Einser und fünf Zweier. In einem Leistungswettbewerb holt er in seinem Ausbildungsjahrgang den ersten Platz.

„Alle reden von Integration - und wenn das so gelingt wie bei Reza, dann scheitert das an formalen Hürden?“ Für Schubert ist das nicht zu begreifen. Hätte Reza seinen Antrag auf Ausbildungsduldung vor Beginn der Lehre zum Facharbeiter für Hochbau gestellt, sähe Schuberts und Rezas Welt heute anders aus - vielleicht.

Zurück in die „sichere Heimat“?

Denn noch gilt Afghanistan als sicheres Herkunftsland. Die Abschiebungen - sie sind nur ausgesetzt. Denn Attentat folgt derzeit auf Attentat. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres sind bei Anschlägen nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 1660 Menschen ums Leben gekommen, rund 3600 wurden verletzt.Reza in Afghanistan - für den jungen Mann gibt es dort nichts, das ihn mit den Menschen oder dem Land verbindet. Geboren wurde er dort. Nur einen Monat später gehen seine Eltern mit ihm in den Iran. Dort lebt Reza als Flüchtling, bis er 2014 über die Türkei nach Deutschland kommt. Sein Antrag auf Asyl wird damals abgelehnt. Auch der Gang vors Gericht blieb erfolglos.

Diakonie fordert Umdenken bei Abschiebepraxis

Beim Träger der Migrationsberatung, dem Diakoniewerk im nördlichen Mecklenburg, stößt der Fall auf Unverständnis. „Leider ist zu befürchten, dass durch Schwächen im Asylverfahren falsche Ablehnungen zustande kommen“, sagte Geschäftsführerin Kirsten Balzer. Das Diakoniewerk fordert in diesem Zusammenhang die Überprüfung der Abschiebepraxis in Deutschland. Abschiebungen nach Afghanistan müssten gestoppt werden. „Unsere Vorstellung darüber hinaus ist, dass bereits integrierte Flüchtlinge ein stärkeres Bleiberecht erhalten. Das gilt insbesondere für Menschen wie Reza Rezai“, betonte Balzer.

Ausländerbehörde sieht fehlende Mitwirkungspflicht

Der Landkreis sieht das anders. Wie eine Sprecherin auf OZ-Anfrage mitteilte, sei Reza seiner Mitwirkungspflicht bei der Beschaffung seiner Papiere nicht nachgekommen. In der von der Botschaft erstellten Bescheinigung sei weder zu erkennen, ob Reza Dokumente beantragt habe noch ob für ihn eine Möglichkeit bestehe, einen Pass zu erhalten. Deshalb dürfe eine Ausbildungsduldung nicht erteilt werden – „die aufenthaltsbeendenden Maßnahmen können aus Gründen, die Reza selbst zu vertreten hat, nicht vollzogen werden.“ Übersetzt heißt das: Reza kann nicht abgeschoben werden, weil er keine Papiere hat.

Ungewisse Zukunft

Wegen seiner Integrationsbemühungen sei indes von der Aussprache eines sonst erforderlichen Beschäftigungsverbotes zunächst abgesehen worden. Eine eigene Wohnung komme für Reza Rezai auch nicht infrage – „weil für ihn eine durch Bescheid festgestellte und durch verwaltungsgerichtliches Urteil rechtskräftig bestätigte Ausreisepflicht besteht.“

Für Reza ist die drohende Abschiebung, die Ungewissheit über die Zukunft schwer zu ertragen. „Ich kann aber nichts machen - ich muss einfach durchhalten.“

Nicole Buchmann

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