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Eltern finden nach Urteil keine Ruhe

Schwerin/Groß Stieten Eltern finden nach Urteil keine Ruhe

Eine junge Frau verlor im Januar 2014 ihr Leben — Ein betrunkener Autofahrer hatte sie gerammt — Gestern wurde das dritte Urteil gesprochen — Der Angeklagte kommt mit Bewährung davon

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In dieser leichten Kurve zwischen Ortsausgang Groß Stießen und Niendorf war es am 17. Januar 2014 zu dem folgenschweren Unfall gekommen. Die junge Frau war eine Woche nach dem Zusammenstoß ihren Verletzungen erlegen.

Quelle: Heiko Hoffmann

Schwerin/Groß Stieten. „Er wusste, dass er nicht mehr fahren durfte . . . Unterwegs trank er aus dem ,Sixpack‘ drei bis vier Flaschen Bier. Dazu nahm er jeweils eine Flasche während der Fahrt aus dem Behältnis, klemmte sie zwischen seinen Beinen ein und öffnete sie mit einem Feuerzeug . . . Sein Fahrzeug habe er in dieser Zeit mit den Oberschenkeln bzw. seinen Knien gelenkt. Ihm sei während der Fahrt bewusst gewesen, dass er aufgrund des zuvor genossenen Alkohols nicht mehr fahrtüchtig gewesen sei.“ — Das steht in den Gerichtsakten. Und auch der Fakt, dass die Blutentnahme beim Angeklagten einen Wert von 1,69 Promille aufwies.

Ich habe kei- nerlei Verständnis für das Urteil. Wenn man nach solchen Taten mit Bewährung davon- kommt, was muss man eigentlich machen, um mit einer richtigen Strafe davonzu- kommen.“Frank Gürcke, Vater der tödlich verunglückten Stephanie

Es ist schwer, mit einem Urteil begangenes Unrecht auszu- gleichen. Kann die Allgemeinheit nicht aushalten, dass der Täter zwei Jahre nach der Tat noch auf freiem Fuß ist. Ich meine schon.“Sigrun Meermann, Vorsitzende Richterin am Landgericht Schwerin

Der schwarze Freitag war am 17. Januar 2014. An den Folgen des Unfalls stirbt eine junge Frau.

Seitdem kehrt keine Ruhe ein. Nicht vor Gericht, nicht im Familienleben des Opfers. Die Eltern tragen schwer an dem Verlust ihrer Tochter. „Die Lebenslust ist ein großes Stück gebrochen“, sagt der Vater Frank Gürcke (54).

Gestern wurde vor dem Landgericht Schwerin das wahrscheinlich letzte Urteil in dieser Sache gefällt. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Frank Gürcke: „Ich habe keinerlei Verständnis für das Urteil.“ Seine Frau Leona (51) war zutiefst enttäuscht.

In den Monaten zuvor gab es zwei Urteile, eine Revision der Staatsanwaltschaft, eine Berufung der Gegenseite (siehe Infostück).

Was ist die gerechte Strafe in dem Fall? Diese Frage beschäftigt die Hinterbliebenen, Freunde, Bekannten, Richter, Staatsanwälte, Verteidiger und den Angeklagten seit über zwei Jahren. Das Strafmaß

von einem Jahr und sechs Monaten ist zwischen allen Beteiligten unstrittig. Gefängnis oder Bewährung? Darum geht es.

Der Angeklagte Sebastian D., der zur Tatzeit in Nordwestmecklenburg gelebt hat, heute in Schwerin wohnt und als Küchenchef tätig ist, muss nicht ins Gefängnis. Der Freiheitsentzug von einem Jahr und sechs Monaten für fahrlässige Tötung in Tateinheit mit vorsätzlichem gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr wurde zur Bewährung ausgesetzt. Diese beträgt drei Jahre. Außerdem muss er 3600 Euro an eine soziale Einrichtung zahlen, der Führerschein bleibt noch eine Weile eingezogen.

Für Vater Frank Gürcke nicht nachvollziehbar. „Ich kann das nicht als gerecht ansehen“, war er schon schockiert vom ersten Urteil am Amtsgericht Wismar im August 2014, als der Freiheitsentzug zur Bewährung ausgesetzt wurde. Für ihn ging der Unfall auf einen „ganz eklatanten Verstoß auf einer der viel befahrensten Straßen“ zurück. Daher fragen Vater und Mutter: „Wenn man nach solchen Taten mit Bewährung davonkommt, was muss man eigentlich machen, um mit einer richtigen Strafe davonzukommen.“

Er könne verstehen, dass die Bevölkerung den Glauben an die Rechtssprechung verliert. Bei ihm und seiner Frau ist der Glaube an Gerechtigkeit jedenfalls stark erschüttert.

Auch die Staatsanwältin hatte gestern die Vollstreckung der Strafe gefordert. Das sei „zur Verteidigung der Rechtsordnung erforderlich“.

Ähnlich hatte Rechtsanwalt Martin Vogel als Nebenklägervertreter der Familie argumentiert. Was solle ansonsten der Bürger auf der Straße denken.

Die Vorsitzende Richterin, Sigrun Meermann, sieht indes die Rechtsordnung durch das Urteil nicht gefährdet. Als besondere Umstände wertete sie, dass sich der Angeklagte vor und nach der Tat nichts habe zuschulden kommen lassen, er eine positive Sozialprognose habe, schwer unter der Tat leide und in den letzten beiden Jahren damit leben musste, dass ihm das Gefängnis droht.

Den Eltern gehe es nicht um Rache. Sie wissen um den Verlust ihrer Tochter, haben aber daran ganz schwer zu tragen. Albträume, Schlaflosigkeit, etwa fünfmal fahren sie wöchentlich von Hohen Viecheln nach Wismar zum Friedhof, die Unfallstelle an der B 106 meiden sie seit dem Unfall.

Rückblick: Am Tag des Unfalls hatte der Angeklagte am Nachmittag laut Gerichtsakten zwei bis drei Flaschen Bier (0,5 Liter) getrunken. Anschließend fuhr er mit seinem Auto zu einem Freund im Dorf, der nur 800 Meter entfernt wohnte. Dort trank er am Abend weitere zwei, drei Bier. Ein Bekannter rief an und lud ihn nach Bad Kleinen ein. Er fühlte sich zwar betrunken, sagte aber zu. Mit dem Auto fuhr er das kurze Stück zum Haus seiner Eltern, zog sich um, schnappte sich eine Packung mit sechs Flaschen Hasseröder (je 0,3 Liter) und stieg ins Auto. „Zu diesem Zeitpunkt hatte der Angeklagte eine Blutalkoholkonzentration von etwa 0,95 Promille“, heißt es später.

Gegen 21.30 Uhr machte sich Sebastian D. auf den Weg ins 25 Kilometer entfernte Bad Kleinen. Unterwegs trank er drei bis vier Flaschen Bier. Gegen 21.45 Uhr kam er hinter Groß Stieten in einer leichten Rechtskurve nach links auf die Gegenfahrbahn. Sein Opel stieß frontal gegen den Ford von Stephanie Gürcke, die von Hohen Viecheln in Richtung ihrer Wismarer Wohnung unterwegs war. Die 24-Jährige erlitt unter anderem Schädeldach- und Schädelbasisbrüche sowie Hirnblutungen. Am 24. Januar verstarb sie an den Folgen des Unfalls im Klinikum Schwerin.

Der Angeklagte kam mit Verletzungen ins Klinikum Wismar. Am nächsten Tag wurde er entlassen. Gestern sagte er: „Es tut mir unendlich leid, aber ich weiß, dass ich es nie wieder gutmachen kann.“

Der Unfall und die gerichtlichen Folgen

Der Unfall hatte sich am 17. Januar 2014 auf der Bundesstraße 106 zwischen Groß Stieten und Niendorf in Höhe der ersten Rechtskurve hinter Stieten ereignet. Der Fahrer des Opel, damals 30 Jahre alt, kam aus Richtung Stieten auf die Gegenfahrbahn und stieß mit dem Ford der 24 Jahre jungen Frau zusammen. Mit schwersten Kopfverletzungen kam sie ins Klinikum Schwerin. Dort verstarb die junge Frau am 24. Januar 2014. Der Opel-Fahrer stand unter erheblichem Einfluss von Alkohol (1,69 Promille).

Das Amtsgericht Wismar fällte im August 2014 das Urteil gegen den Angeklagten: Es lautete ein Jahr und sechs Monate Freiheitsentzug, ausgesetzt auf Bewährung für eine Zeit von drei Jahren, und Zahlung einer Geldstrafe von 3600 Euro.

Die Staatsanwaltschaft legte gegen das Urteil Revision ein.

Das Landgericht Schwerin kam im März 2015 zu folgendem Urteil: ein Jahr und fünf Monate Freiheitsentzug (also keine Bewährung).

Die Seite des Angeklagten legte daraufhin Berufung gegen das Urteil vor dem Oberlandesgericht Rostock ein. Dem wurde im Juli 2015 stattgegeben.

Gestern fand die Hauptverhandlung vor dem Landgericht Schwerin statt.

Von Heiko Hoffmann

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