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Wismar Gedenken an Bombenangriff von 1945
Mecklenburg Wismar Gedenken an Bombenangriff von 1945
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00:01 15.04.2017
Etwa 100 Menschen erinnerten in St. Georgen an den Bombenangriff auf das Gotische Viertel kurz vor Kriegsende im Jahr 1945. Quelle: Foto: Nicole Buchmann

In St. Georgen haben rund 100 Menschen an den Bombenangriff auf Wismar kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert. Am 14. April 1945 zerstörten Luftminen fast das komplette Gotische Viertel.

Erinnerung wichtiger denn je / Zeitzeugen werden weniger

Ilse Zielke hat das Donnern und Krachen der Einschläge damals bis nach Dargetzow gehört. Mit ihrer Mutter und ihrer Schwester war die damals Zwölfjährige wenige Wochen zuvor in Wismar angekommen – nach der Flucht aus Stettin. „Diese Veranstaltung ist wichtig, und ich freue mich, wenn auch junge Menschen daran teilnehmen“, sagte die 84-Jährige.

Gedenken. Erinnerung. Für viele Menschen ist das, woran in St. Georgen erinnert wurde, heute Realität. Die zerbombten Häuser im Gotischen Viertel sind heute die von Aleppo. Die mitunter 500 Menschen, die damals täglich in Wismar ankamen auf der Suche nach Schutz vor dem Krieg, sind heute die im Libanon. Die fehlende medizinische Versorgung oder der Hunger jener Tage ist heute der in Somalia.

Bürgermeister Thomas Beyer (SPD) sprach deshalb davon, dass Erinnerung nicht fruchtbar sei, wenn die heutige Zeit mit ihren Kriegen und Gewalttaten nicht mitbedacht würde. „Für meine Generation, für mich ist es nahezu unvorstellbar, im Bombenhagel leben zu müssen“, sagte Beyer. Auch in Europa sei der Friede brüchig. Ukraine, Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina – die Kriege dort hätten Wunden geschlagen, die noch heute bluten. Der Krieg in der Ukraine dauert an. Und die Erinnerung an den 14. April 1945 sei eben auch eine Erinnerung daran, dass es die nationalsozialistische Ideologie war, die – auch in vielen Köpfen in Wismar verbreitet – erst dazu führte. Das Gedenken sei wichtiger denn je, betonte auch Propst Karl-Matthias Siegert. Der Krieg sei an diesem Abend an seinen Ausgangspunkt zurückgekehrt. Es sei wichtig, einen normalen Umgang zu finden. Einen Umgang frei von Kollektivschuld, frei davon, die Schuld auf die Nachkriegsgenerationen zu übertragen. Ein Umgang aber dennoch in dem Bewusstsein, dass das sinnlose Zerstören beispielsweise in Wismar die Ursache im Nationalsozialismus habe, sagte Siegert. Die Menschen, die sich erinnern können, werden weniger. Großeltern, die den Krieg überlebt haben und ihren Enkeln davon erzählen, auch. Der Film, der in St. Georgen über die Leinwand lief, zeigte, wie Schüler der neunten Klasse des Gerhart-Hauptmann-Gymnasiums Zeitzeugen befragen. Zuhören. Versuchen, zu verstehen. Zum Beispiel, dass Mütter auf der Flucht ihre toten Babys im Schnee verscharrten. Dass eine Reisetasche voller Essen Erna Boos das Leben rettete auf der 14-tägigen Flucht. Dass sie bei dem Bombenangriff am 14. April von der Druckwelle durch die Luft geschleudert wurde und die Öfen in ihrem Haus am Klueßer Damm zerborsten waren. Dass nach Kriegsende in Wismar die Einheimischen und Flüchtlinge gleichermaßen nach Wohnraum suchten. 31000 Wismarer lebten in der Stadt. 16500 Umgesiedelte, Evakuierte und Flüchtlinge kamen hinzu. Ein Dreivierteljahr haben die Schüler Zeitzeugen befragt.

Neben dem Film ist auch ein zweiteiliges Buch samt Chronik der Nachkriegesjahre entstanden. Unter dem Titel „Flucht und Neuanfang 1945-1949 – Zeitzeugen berichten aus Wismar“ haben sie gemeinsam aus dem Archiv der Hansestadt Wismar zusammengetragen, was noch erzählt werden kann.

Der Bombenangriff am 14. April 1945

Es war kurz nach 23 Uhr an jenem Tag im April, als die Wismarer von Sirenen hochgeschreckt wurden: Luftangriff. Es sollte der zwölfte sein in all' den Kriegsjahren. Das Brummen der Motoren am Himmel kündigte die britischen Bomber an. Zehn Flugzeuge der Royal Airforce vom Typ „de Havilland-Mosquito“ warfen von 23:31 Uhr bis 00:06 Uhr Luftminen ab. Mit einer Gesamtkraft von 4000 englischen Pounds zerstörten sie das gotische Viertel fast komplett. Für die Wismarer kam dieser Angriff völlig überraschend. Keiner hatte mehr damit gerechnet. Schon gar nicht damit, dass die Kirchen Ziel eines Angriffes werden. Innerhalb einer halben Stunde war Wismars steinerne Geschichte im Gotischen Viertel ein Trümmerfeld. Marien und St. Georgen wurden schwer getroffen, auch das Pfarrgehöft von St. Marien eine Ruine. Zerstört wurden auch die Alte Schule und das Archidiakonat sowie die Kapelle Maria zur Weiden. Der Turm von St. Georgen brannte wie eine Fackel weit über die Innenstadt hinaus.

Aus dem verschütteten Keller der Alten Schule waren Hilfeschreie zu hören. 14 Tote, darunter mehrere Kinder unter zehn Jahren, gab es bei diesem Angriff. Auch ein 15-jähriger Feuerwehrhelfer kam bei der Brandbekämpfung in St. Georgen ums Leben.Aus den brennenden und einstürzenden Kirchen retteten die Wismarer

unter Einsatz ihres Lebens Altäre, Stuhlwangen, Grabmale und einiges mehr, ehe diese völlig zerstört wurden. Der wertvolle Hauptaltar von 1430 war eingemauert und hatte

so das Inferno überstanden. Bei den Luftangriffen während des Zweiten Weltkrieges kamen in Wismar 314 Menschen ums Leben. 26 Prozent der Wohnhäuser wurden zerstört. Detlef Schmidt

Nicole Buchmann

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