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Wismar Gerüst von Waggonfabrik steht heute am Hafen
Mecklenburg Wismar Gerüst von Waggonfabrik steht heute am Hafen
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00:00 04.04.2014
Wismar

Der Markthalle am Alten Hafen sieht man ihr wahres Alter wirklich nicht an. Sie hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich und sieht doch jünger aus, als sie ist. Sie ist eines der letzten Zeugnisse der Industrialisierung Wismars.

Maßgeblichen Anteil daran hatte der 1832 in Warnemünde geborene Kapitän Heinrich Podeus, der 1870 in Wismar ein Kohleimportunternehmen gründete. Es folgten weitere Firmen wie die Hobelwerke, Reederei und der Kauf der Eisengießerei von Friedrich Crull & Co. folgten. Besonders diese Übernahme war prägend für den weiteren Unternehmensverlauf. In der Eisengießerei wurden Zulieferungen für Werften und Schiffsneubauten, aber auch für den Häuserbau und die Kanalisation gefertigt. An einigen Wismarer Häusern und besonders an alten Schaufenstern kann man Podeus‘sche schmiedeeiserne Säulen entdecken.

1893 gründete Heinrich Podeus mit seinem Sohn Paul eine Eisenbahnversuchsanstalt, in der 1895 der erste Personenwaggon gefertigt wurde. Schnell entwickelte sich dieser Unternehmenszweig und durch eine hervorragende Qualitätsarbeit konnte der Absatz sprunghaft gesteigert werden. Nach dem Tod von Heinrich Podeus, hochgeehrt am 21. Juli 1905, waren es seine Söhne Heinrich Podeus jun. und Paul-Heinrich Podeus, die die Unternehmen weiterführten, wobei Paul-Heinrich die inzwischen zur Waggonfabrik umbenannte Eisengießerei übernahm. Seit 1906 gibt es eine Podeusstraße in Wismar.

Während auf dem Gelände der alten Eisengießerei die Podeus‘sche Maschinenfabrik entstand, in der seit 1902 landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge, Lkw und ab 1910 der erste Wismarer Pkw gefertigt wurden, war das Areal für die Waggonfabrik zu klein geworden. Zwischen Platter Kamp und Bleicher Weg, an der Eisenbahnstrecke nach Schwerin, dehnte sich das Firmengelände auf 170 000 Quadratmeter aus, wovon 50 000 Quadratmeter überdacht waren. In Spitzenzeiten arbeiteten in den Podeus‘sche Unternehmen bis zu 1600 Mitarbeiter. Somit war das Unternehmen führend in der Region. Auch sein soziales Engagement war hervorragend. Von einer Betriebsbibliothek bis hin zu Werkswohnungen waren viele soziale Einrichtungen beispielgebend.

In der Waggonfabrik wurde 1909 der 5000. Waggon fertiggestellt. Geliefert wurde nach Stettin, Rostock und Schwerin für die Straßenbahnen. Auch die neuen S-Bahnen in Hamburg und Berlin erhielten aus Wismar ihre Waggons. Exporte gingen nach Holland und Dänemark sowie bis nach China. Die Wismarer hatten sich einen Ruf in der Qualität erworben und das zahlte sich aus.

1911 wurde die bis dahin Eigentümer geführte Waggonfabrik in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Bis zum Ersten Weltkrieg lief die Produktion auf hohen Touren und während des Krieges baute man hier auch Fahrzeuge für das Heer. 1917 verließ der 10 000. Waggon die Hallen am Platten Kamp. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt die Wismarer Waggonfabrik zunehmend Aufträge von der Reichsbahn.

Deutschland hatte als Kriegsverlierer unter anderen 50 000 Waggons an die Siegermächte abzuliefern. Da die alten Hallen, die um 1900 errichtet worden waren, zu klein wurden, baute man einfach über die alten Hallen 1922 die neue Halle. Das war die Geburtsstunde der heutigen Markthalle am Alten Hafen, die in diesem Jahr nun 90 Jahre alt ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Wismarer Waggonfabrik aufgelöst, die Unternehmen aufgeteilt. Es entstand an der Dr.-Leber-Straße der „Alubau“ und zwischen Platter Kamp und Kanalstraße auf dem Gelände der Waggonfabrik gab es das Press- und Schmiedewerk „Hein Fink“ sowie das Zweigwerk des Dieselmotorenwerkes Rostock.

Die alten Hallen im ehemaligen Schmiedewerk und der vormaligen Waggonfabrik fristeten nach 1990 ein trostloses Dasein. 2009 wurde die alte Fertigungshalle abgebaut, in ihre Einzelteile zerlegt und mit einem Sandstrahl gesäubert. Seit dem 4. April 2011 erstrahlt die 50 mal 25 Meter große Halle sichtlich verjüngt in neuem Glanz und ist ein sichtbares Zeichen einer fast vergessenen Industriekultur. Die Gesamtkosten für ihren Aufbau betrugen 2,31 Millionen Euro. Bislang fanden auf den nahezu 1300 Quadratmetern der Halle Märkte, Konzerte, Festivals und gesellige Zusammenkünfte statt.



Detlef Schmidt

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