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Wismar Geschichtsunterricht an den Stolpersteinen
Mecklenburg Wismar Geschichtsunterricht an den Stolpersteinen
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15:26 23.04.2018
Lennart Paul (15) aus Wismar putzt in der Straße Hinter dem Chor  den Stolperstein von Willy Käcker. Quelle: Kerstin Schröder
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Wismar

Viel zu putzen gibt es nicht: Gerade einmal zehn mal zehn Zentimeter groß ist der Pflasterstein für Willy Käcker. Einem schwulen Wismarer Juden, der 1941 im Konzentrationslager Auschwitz starb – mit 36 Jahren. Gestern, 77<TH>Jahre später, haben sich junge Wismarer an sein Schicksal erinnert – indem sie den kleinen Stolperstein für Willy Käcker geputzt und dabei dessen Leben noch einmal Revue passieren lassen haben. „Er war ein Zigarren- Händler, der Männer liebte und deshalb ins Gefängnis kam“, berichtet Lennart Paul. Der 15-Jährige hat sich im Sozialkundeunterricht mit Käckers Vita beschäftigt. Sein Klassenkamerad Sebastian Wolf (16) weiß mehr über die Familie Blass. „Sie hat ein Schuh- und Kleidergeschäft gehabt.“ Zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 sei der Laden zerstört, Vater Max Blass in Schutzhaft genommen worden zusammen mit seinem Sohn Ernst. „Es ist nicht schön, was damals passiert ist“, sagt Sebastian Wolf nachdenklich. Bevor das Sozialkunde-Projekt gestartet sei, habe er die Aktion Stolpersteine nicht gekannt. Jetzt gehe er mit offeneren Augen durch die Stadt. 23 Stolpersteine gibt es zurzeit in Wismar. Auf ihrer Oberfläche tragen alle eine Messingplatte, auf denen Name, Geburts- und Todesdatum eines Menschen steht, der während der Zeit von 1933 bis 1945 drangsaliert, ermordet oder vertrieben wurde. In der ABC-Straße liegen fünf Steine – für die Mitglieder der Familie Blass. Mit Wasser und einem Tuch hat sie gestern Sebastian Wolf poliert. Auch die anderen Steine haben die Neuntklässler der Ostsee-Schule geputzt. Aufgeteilt in vier Gruppen sind sie dafür am Vormittag durch die Stadt gegangen. An jedem Stein haben sie etwas aus den Leben der Männer, Frauen und Kinder erzählt und so ihren Geschichtsunterricht sozusagen vor den Haustüren stattfinden lassen. Für Familie Blass hat es einen gutes Ende gegeben. Ihnen ist die Flucht gelungen: Über Großbritannien sind sie in die USA gereist und haben und ein neues Leben begonnen. Zigarren-Händler Käcker hat den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt. Nach drei Jahren Haft ist er nach Auschwitz deportiert worden und dort 1941 in der Krankenhausabteilung gestorben. Im Januar 1938 ist Willy Käcker verhaftet worden mit 14 weiteren Männern: Schuhmacher, Hausdiener, Hilfsarbeiter, Kellner. Der Vorwurf: Widernatürlicher Unzucht mit Männern. „Wäre heute so etwas noch möglich?“, will Lehrer Georg Jansen wissen, als er mit seiner Gruppe vor Käckers Stolperstein steht. Die Jugendliche schütteln bedrückt den Kopf. Petra Steffan von der Wismarer Projektgruppe Stolpersteine hat gestern eine Schülergruppe begleitet und ist angenehm überrascht gewesen, wie intensiv sich die Neuntklässler mit den Schicksalen beschäftigt haben. Demnächst sollen weitere Stolpersteine verlegt werden – für Familie Karseboom (7 Exemplare) und Hermann Bernhard. Ein genaues Datum Termin gibt es noch nicht – das richtet sich nach dem Terminkalender von Gunter Demnig, der die Aktion initiiert hat. Der Künstler verlegt die Steine bundesweit. Inzwischen liegen sie in 1099 Orten Deutschlands und in 20 Ländern Europas.„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig den Talmud. Mit den Steinen vor den Häusern werde die Erinnerung an die Menschen lebendig. Denn auf ihnen steht: Hier wohnte... Erinnert wird an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus.

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Die Neuntklässler der Ostsee-Schule haben gestern die 23 Stolpersteine in Wismar geputzt und sich dabei an die Schicksale der Menschen erinnert.

Patenschaft und RundgangFür 120 Euro kann jeder eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen. Die Wismarer Projektgruppe hat schon einige Spenden bekommen. Bevor sie die Verlegung weiterer Stolpersteine konkret plant, werden intensive Recherchen zu den in Frage kommenden Familien gemacht. Mit der Putzaktion haben die Neuntklässler der Ostsee-Schule auch den nächsten Stolperstein-Rundgang vor. Am 5. Mai laden Gerd Giese und Falk Bersch zu einer Führung ein. Treffpunkt ist um 11 Uhr am Fürstenhof. Der Rundgang ist kostenlos, Spenden werden gern entgegengenommen. Wer eine Patenschaft übernehmen oder die Forschungsarbeit unterstützen möchte, kann das mit einer Geldspende – IBAN: DE 78 12 03 00 00 00 10 20 45 84, BIC – BYLADEM1001, Verwendungszweck: Stolpersteine/410282.

Schröder Kerstin

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