Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Wismar Gewaltig, vielseitig und doch unvollständig
Mecklenburg Wismar Gewaltig, vielseitig und doch unvollständig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:05 06.06.2017
Cameron Carpenter sorgt mit seiner elektronischen Orgel in St. Georgen für stehende Ovationen beim Publikum. Quelle: Fotos: Thomas Eppstein
Wismar

„Rums!“ Die Ouvertüre von Richard Wagners „Die Meistersänger von Nürnberg“ beginnt ohnehin schon fulminant mit dem ansatzlosen Forte des Orchesters – die rund 450 Konzertbesucher am Samstagabend in St. Georgen bekamen auf diese Weise auch gleich einen Eindruck von dem, was Cameron Carpenter ihnen in den folgenden gut zwei Stunden aus den Lautsprecherboxen seiner elektronischen Orgel entgegenhalten würde. Wer unmittelbar davor saß, dem krochen die Bässe kribbelnd in die Fußsohlen. Und so mancher Blick ging im Publikum nach oben, wenn sich das tiefe Dröhnen an den Stützpfeilern des Kreuzgangs hinauf ins Gewölbe arbeitete. So lag es wohl nur an der norddeutschen Zurückhaltung, dass der Applaus nach diesem Auftakt sehr wohl ein begeisterter, aber noch nicht tosender war.

Cameron Carpenter lässt St. Georgen an der elektronischen Orgel erbeben

Auf Wagner folgte Bach. Johann Sebastian – der Meisterkomponist für Orgel. Und Carpenters Eine-Million-Euro-Instrument war für den Moment nicht Bläser, nicht Streicher, nicht Percussion – die Orgel war einfach nur Orgel. Dennoch wirkte Bach seltsam amputiert. Der Klang der Orgelpfeifen, der auch und gerade bei leisen Tönen bis in den letzten Winkel einer Kirche vordringt und sich ans Gemäuer schmiegt – er wollte nicht entstehen am Spieltisch der mobilen Orgel Carpenters. „Eine Katastrophe! Bach ist nicht Bach!“, schimpfte ein Zuhörer. „Der Mann ist ein Artist – das gehört nicht in die Kirche!“

Während der Mann in der Pause das Konzert verließ, besahen sich Kristin Sollik und Jan-Christoph Dyck den Spieltisch des exzentrischen Musikers, der in blauem Samtanzug und mit Glitzer gespornten Fersen Astor Piazolla oder Peter Tschaikowsky durch St. Georgen hallen ließ. Die Urlauber hatten durch Zufall am Nachmittag von dem Konzert erfahren und sich an der Abendkasse Tickets besorgt.

„Ich hatte schon von ihm gehört und deshalb nicht lange gezögert“, erzählte der 33-Jährige. Ein wenig gingen die Details verloren in der Akustik, aber das tue seiner Begeisterung für Carpenter keinen Abbruch, sagte der Musiker, der im Orchester Posaune spielt. „Ein wahnsinniges Instrument“, zeigte sich auch Kristin Sollik begeistert. „Ich mag das Moderne, die Art der Arrangements“, sagte die Klarinettistin.

Denn selbst, wer die Stücke kannte, musste der rasanten Abfolge der Töne hochkonzentriert folgen. Immer wieder ließ Carpenter das musikalische Thema der Werke zwar erkennen – zwischendurch aber hob er es komplett aus den Angeln. Dafür gab es vom Publikum am Ende stehende Ovationen und Zugaben von Carpenter.

Aufbauverein St. Georgen

Der Aufbauverein St. Georgen organisiert jährlich Konzerte in der wiedererrichteten Kirche. Ein Teil der Einnahmen wird für den Erhalt von St. Georgen gespendet. Insgesamt hat der Aufbauverein in den vergangenen zwanzig Jahren fast 450000 Euro zusammengetragen. Nach den Konzerten der „Prinzen“ und Cameron Carpenters folgt in diesem Jahr Paul Millns. Der britische Musiker kommt im Dezember nach Wismar. Wegen der winterlichen Temperaturen wird das Konzert jedoch im Theater stattfinden. Tickets für Paul Millns gibt es unter anderem in der Tourist-Info.

Thomas Eppstein

Mehr zum Thema
Musik Gala im Hamburger Hafen - Jazz-Szene feiert ihren eigenen Echo

Die Jazz-Saxofonisten Anna-Lena Schnabel und Klaus Doldinger trennen Jahrzehnte. Sie - die Newcomerin, er - der Altmeister. Beim Jazz-Echo in Hamburg gehörten beide zu den Gewinnern.

02.06.2017

Am Pfingstwochenende gibt es auf Rügen und Hiddensee besonders viel Abwechslung

03.06.2017

Das Orchester aus Dresden setzt in Tijuana gemeinsam mit lokalen Bands ein musikalisches Zeichen gegen die geplante Mauer an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Schon heute trennt ein Metallzaun an vielen Stellen Familien, Freunde und Geliebte.

04.06.2017

Die größte Partymeile der Hanse- und Kreisstadt lädt von Donnerstag bis Sonntag wieder Tausende Besucher ein. Mit den inzwischen 26. Hafentagen begeht Wismar den 806. Geburtstag seines Alten Hafens. 23 Bands und Ensembles werden auf den drei Bühnen auftreten.

06.06.2017

Die Grevesmühlener Grundschule hofft auf den Schulcampus

06.06.2017

Ein Rentner hat in Grevesmühlens Innenstadt einen schweren Verkehrsunfall verursacht

06.06.2017
Anzeige