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Wismar Gruftforscher restaurieren Särge in Wismarer Kapelle
Mecklenburg Wismar Gruftforscher restaurieren Särge in Wismarer Kapelle
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10:26 13.02.2019
Dr. Regina und Andreas Ströbl von der Forschungsstelle Gruft aus Lübeck arbeiten an einem Sarg in der Keding-Kapelle auf dem Wismarer Ostfriedhof. Quelle: Norbert Wiaterek
Wismar

Noch vor wenigen Tagen hatte der Innenraum der Keding-Kapelle auf dem Wismarer Ostfriedhof einen traurigen Anblick geboten. Die Särge, die auf gefliestem Boden stehen, waren gewaltsam aufgebrochen worden, Knochen der beiden Verstorbenen lagen nicht an ihren ursprünglichen Plätzen. Aber nicht nur Grabräuber hatten ganze Arbeit geleistet. Feuchtigkeit, Holzwürmer und Staub setzten den Särgen jahrelang stark zu.

Dank der Arbeit von Dr. Regina und Andreas Ströbl (beide 54) von der Forschungsstelle Gruft aus Lübeck sowie der Unterstützung durch die Sparkassenstiftung und die Bürgerstiftung der Hansestadt Wismar, die beide jeweils 1000 Euro spendeten, und den Wismarer Friedhofsverein, der auch noch einmal knapp 1000 Euro dazugab, konnten die Verstorbenen ihre Würde wiedererlangen und die Särge erhalten werden. Das Ehepaar Ströbl hatte eine Woche lang in der Kapelle gearbeitet. Wichtig waren ein großer Scheinwerfer, Handschuhe, Mundschutz, ein Staubsauger und ein gut gefüllter Werkzeugkasten. Die Experten dokumentierten, reinigten – auch mit einem sehr kleinen Pinsel – und sicherten den Bestand.

Vor der Restaurierung: Metallbeschläge mit Palmzweigen und der Aufschrift „Ruhe sanft“. Quelle: Norbert Wiaterek

Die sterblichen Überreste liegen nun wieder ordentlich und pietätvoll in den Särgen, deren Oberflächen mit Harz versiegelt wurden. Den größeren Sarg aus Eichenholz, darin noch ein Innensarg aus Zink, bedeckt jetzt eine neue, extra angefertigte Holzplatte. Granitsteine dienen der Stabilisierung, denn die Holzfüße sind teilweise kaum noch vorhanden. „Es ist erstaunlich, mit wie wenig Aufwand man meist eine große Wirkung erzielen und für einen würdevollen Ruheplatz sorgen kann“, sagte Andreas Ströbl.

Der Gruftforscher und Restaurator, der sich gemeinsam mit seiner Frau seit Jahren deutschlandweit für die Erhaltung und Instandsetzung alter Begräbnisstätten einsetzt, sprach von kulturhistorisch wertvollen Särgen in der neugotischen Backsteinkapelle des Rittergutsbesitzers Fritz Keding. Beim größeren Exemplar zeigte er auf die Löwentatzenfüße und die Metallbeschläge im Jugendstil mit Palmzweigen, Symbol des Sieges Christi über den Tod, und der Aufschrift „Ruhe sanft“. Der Neo-Rokoko- und der Historismus-Sarg, so schätzte der Forscher, könnten in der Zeit zwischen 1900 und 1910 hergestellt worden sein – der eine von einem Tischler per Hand, der andere industriell.

Überraschungen bot der Blick in das Innere der Särge. Laut Sterberegister des Friedhofes sollen in der Keding-Kapelle zwei Männer beigesetzt worden sein. Wie Regina und Andreas Ströbl feststellten, handelt es sich aber um eine Frau, vermutlich Fräulein Anna Keding (1868 bis 1941), und einen Mann. Auf alle Fälle seien die Bestattungen deutlich jünger als die Holzsärge. Und noch eine interessante Entdeckung: Regina Ströbl entdeckte Hobelspäne und im kleineren Sarg der Frau Schnipsel von Zeitungspapier. „Die Späne sind normalerweise bei der Herstellung der Särge angefallen und hatten danach in der Welt der Lebenden nichts mehr zu suchen. Und wie die Drucktypen zeigen, stammt das Papier, wahrscheinlich für die Kissenfüllung, aus den 1930er-Jahren. Man kann auf den Fetzen über Sportschäden lesen und die Anzeige eines Fahrradladens aus Bielefeld entdecken. Diese Details helfen uns bei unserer Detektivarbeit“, erklärte die Lübeckerin.

„Diese Kapelle ist ein schönes Beispiel für die bürgerliche Bestattungskultur, die das imitierte, was der Adel vormachte“, betonte Andreas Ströbl. „Man wollte seinen Status zeigen, sich ein Denkmal setzen. So entstanden Kapellen und Särge, die so individuell sind wie die dort Beigesetzten. Dr. Anja Kretschmer, Vorsitzende des Friedhofsvereins, erklärte: „In Wismar gibt es einen der wenigen Friedhöfe in Mecklenburg-Vorpommern, wo wir noch solche Zeugnisse von Gruft-Bestattungen finden.“

Nicht nur Kretschmer und Friedhofsverwalterin Grit Schaller-Uhl hoffen, dass das Ehepaar Ströbl auch in anderen der insgesamt neun erhaltenen Grabkapellen in Wismar „Wissenschaftlich aufräumen“ wird. Nötig wäre es zum Beispiel in der Herrlich-Kapelle, wo es viel Müll gibt. In der Kapelle des Drogisten Heinrich von Walsleben stehen aufgebrochene Särge, auch der eines Kindes, umringt von leeren Flaschen, Ästen, Stroh und Holzlatten. „Ich finde es wichtig, diesen Toten ihre Würde zurückzugeben. Sie sollten wieder ihre Ruhe finden, wie es einmal vorgesehen war“, so Kretschmer.

Am Dienstag, 26. Februar, wollen die Lübecker Gruftforscher über ihre Arbeit auf dem Wismarer Friedhof berichten. Interessierte sind um 18 Uhr im Zeughaus an der Ulmenstraße willkommen. Eintritt: 5 Euro. Reservierung unter Tel. 0151/56333549 oder E-Mail: info@friedhofsverein-wismar.de.

Norbert Wiaterek

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