Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
„Hauptmann von Köpenick“ in Mecklenburg

Wismar „Hauptmann von Köpenick“ in Mecklenburg

Der Schuhmacher Wilhelm Voigt traf am 23. Februar 1906 in Wismar ein und arbeitete hier eine Zeitlang.

Voriger Artikel
Benzer Haushalt in der Warteschleife
Nächster Artikel
Festspiele gehen in die zweite Runde

Für Wilhelm Voigt wurde diese Protestkarte gefertigt, nachdem er nach seinem Husarenstreich in Köpenick verhaftet wurde.

Quelle: Fotos: Sammlung Schmidt

Wismar. — Am 23. Februar 1906 traf der Schuhmacher Wilhelm Voigt auf dem Wismarer Bahnhof ein. Dies wäre nun nichts Besonderes, wenn es nicht der Anfang einer später weltweit aufsehenerregenden Tat gewesen wäre. Am 16. Oktober 1906 eroberte der als Hauptmann verkleidete Schumacher Wilhelm Voigt mit einer Handvoll auf der Straße angehaltener Soldaten das Köpenicker Rathaus.

Er ließ den Bürgermeister verhaften und verschwand, nicht ohne „seinen“ Soldaten ein Zehrgeld gegeben zu haben, mit der Stadtkasse. Alle Welt lachte über diese Gaunertat, vor allen Dingen, weil damit das ohnehin nicht gerade beliebte preußische Militär bis auf die Knochen blamiert wurde.

Doch wie kam es zu dieser Tat? Wilhelm Vogt wurde am 13. Februar 1849 in Tilsit, dem heutigen Memel, als Sohn eines Schuhmachers geboren. Schon mit 14 Jahren wurde er wegen Diebstahls zu 14 Tagen Haft verurteilt. Als Schuhmachergeselle ging er auf die Wanderschaft und kam immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. So wurde er zwischen 1864 und 1891 viermal wegen Diebstahls und zweimal wegen Urkundenfälschung verurteilt.

1890 hatte er versucht, die Gerichtskasse in Wongrowitz bei Posen auszurauben und erhielt dafür 15 Jahre Zuchthaus. Voigt hatte von seinen bis dahin 57 Lebensjahren rund 29 Jahre in preußischen Gefängnissen und Zuchthäusern gesessen. Durch diesen Umstand war er schon bei jeder neuen Arbeitsaufnahme als kriminell eingestuft worden und bekam beim Bekanntwerden seiner Vergangenheit kurze Zeit später von seiner jeweiligen Arbeitsstelle die Entlassung und somit auch die Ausweisung vom Ort. Wer wollte im kaiserlichen Deutschland schon einen Kriminellen beschäftigen und so seinen „guten Ruf“

aufs Spiel setzen?

Seine letzte Straftat hatte Wilhelm Voigt am 12. Februar 1906 nach 15 jährigem Aufenthalt im Zuchthaus Breslau verbüßt. Er wurde einen Tag vor seinem 57. Geburtstag aus dem Zuchthaus entlassen. Schon am 29. Dezember 1905 hatte der Regierungspräsident von Breslau eine fünfjährige Polizeiaufsicht über den Zuchthäusler Voigt angeordnet. Durch die Vermittlung des Anstaltsgeistlichen aus Breslau fuhr er nach Wismar, um dort am 23. Februar 1906 in der Werkstatt des Hofschuhmeisters Heinrich Hilbrecht in der Lübschen Straße 11 zwecks Arbeitsaufnahme vorzusprechen. Er wurde sofort angenommen, zumal der Juniorchef die alte Schuhmacherei, die etliche Gesellen beschäftigte und gut zu tun hatte, erneuern wollte und dafür noch tüchtige Schuhmacher suchte.

In seiner späteren Biographie schilderte Voigt, dass er hier nach langer Zeit das erste Mal wieder von einer Familie an den Kaffeetisch gebeten wurde. Er besuchte auch das Theater in der Mecklenburger Straße und unternahm ausgedehnte Spaziergänge in die nähere Umgebung. Nach und nach sickerte jedoch die Wahrheit über Hilbrechts neuen Schuhmachergesellen durch. Trotzdem der alte Heinrich Hilbrecht von der Vergangenheit seines Gesellen wusste, unternahm er nichts, um ihm das Leben schwer zu machen - im Gegenteil. Als die Wismarer Polizei wusste, dass Voigt ein unter Polizeiaufsicht gestellter Krimineller war, stellte er sich trotz seiner Stellung schützend vor ihn. Nach dreimonatigem Aufenthalt kam dann auf Veranlassung des großherzoglichen Staatsministeriums die Ausweisung, und der „prächtige alte Hofschuhmachermeister Hilbrecht“, so wird er später nach der Gerichtsverhandlung gegen Voigt von den Reportern bezeichnet, begleitete seinen Schuhmachergesellen am 21. Mai 1906 bis zum Bahnhof und rüstete ihn noch mit einem kleinen Zehrgeld aus.

Am 26. Oktober 1906, also zehn Tage nach dem „Husarenstreich von Köpenick“, forderte man von Heinrich Hilbrecht aus Wismar ein Foto und eine Schriftprobe Wilhelm Voigts zwecks Identifizierung an.

Aufgrund dieser „Hilfeleistung“ wurde Meister Hilbrecht später von der auf Voigt ausgesetzten Belohnung von 2000 Reichsmark ein Anteil von 200 Reichsmark ausgezahlt. In der späteren Gerichtsverhandlung schilderte Heinrich Hilbrecht in Berlin seinen Schuhmachergesellen als arbeitsam, zurückhaltend, höflich und ruhig. Der Richter sagte in seiner Abschlussbeurteilung unter anderem:

„Ohne die Ausweisung und die gesetzlichen Bestimmungen, die sie gestatten, säße Voigt noch heute in Wismar, und es hätte keine Komödie oder Tragödie wie die des Hauptmann von Köpenick gegeben.“ So hat Wismar und sein Hofschuhmachermeister Heinrich Hilbrecht aus der Lübschen Straße 11 der Welt unbewusst eine „Steilvorlage“ für unzählige Karikaturen, Filme, Theaterstücke und das Synonym für eine „Köpenickiade“ als komödiantisches Täuschungsmanöver gegeben.

Serie

Kalenderblatt
Was sonst noch geschah
24. Februar 1555: Prunkhochzeit Herzog Johann Albrechts I. und Anna Sophia von Brandenburg im Fürstenhof.



24. Februar 1858: Hauptwache am Markt wird fertig gestellt. Architekt ist der Wismarer Hartmut Brunswig. Umfassende Sanierung erfolgt in den Jahren 2014/15.



25. Februar 1869: Abbruch des Lübschen Tores.



26. Februar 1992: Die Wismarer Werft wird von der Belegschaft besetzt, um eine schnelle Entscheidung zur Privatisierung herbeizuführen.



27. Februar 1313: Die Stadt erteilt den Zisterziensern die Genehmigung zum Grunderwerb.



27. Februar 1990: Wahlveranstaltung der SPD mit Klaus von Dohnanyi in der Sporthalle mit 1800 Teilnehmern.



29. Februar 1632: Bündnisvertrag zwischen dem Schwedenkönig und Mecklenburger Herzog zur Abtretung Wismars und der Festung Walfisch.

 



Detlef Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wismar
Verlagshaus Wismar

Mecklenburger Straße 28
23966 Wismar

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag 10.00-17.00 Uhr
Freitag 10.00-16.00 Uhr

Leiterin Lokalredaktion: Kerstin Schröder
E-Mail: wismar@ostsee-zeitung.de
Telefon: 0 38 41 / 415 65

Ticket- und Anzeigenverkauf: 03841 / 41550.

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.