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Wismar Herbsttour der Lidahilfe: Pflegeheime auf dem Land in Belarus entstehen
Mecklenburg Wismar Herbsttour der Lidahilfe: Pflegeheime auf dem Land in Belarus entstehen
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00:00 21.10.2017
Ein Blick in die verlassenen Häuser von Kladniki, in vielen Gebäuden stehen noch sämtliche Möbel, die Bewohner haben alles zurückgelassen.

Jadwiga steht am Tor ihres Gartens und lächelt. Dabei hat sie wenig Grund dazu, wenn sie die Dorfstraße von Kladniki entlang blickt. Das weißrussische Dorf zählte einmal 70 Familien, mehr als 500 Menschen lebten hier nahe der litauischen Grenze, einer Region, in der viele Bewohner polnische Wurzeln haben und die katholische Kirche die bestimmende Religion ist.

Jadwiga steht am Tor ihres Gartens und lächelt. Dabei hat sie wenig Grund dazu, wenn sie die Dorfstraße von Kladniki entlang blickt.

Weißrussland

9,5 Milionen Einwohner hat Weißrussland. Seit 1990 ist der Staat selbstständig. Seit 1993 sank die Einwohnerzahl um etwa 6 Prozent. Die Lebenserwartung in der Bevölkerung liegt bei 72,2 Jahren;

bei Männern sind es 66,5 Jahre, bei Frauen 77,7.

Kladniki, der Name entstammt der idyllischen Lage des Dorfes. Neben den Häusern schlängelt sich ein kleiner Bach, die vielen Stege, die die Dorfbewohner über den Bach legten, gaben dem Ort seinen Namen.

Die Stege sind verschwunden, die Menschen auch.

20 Bewohner hat das Dorf heute. Die meisten von ihnen sind Frauen wie Jadwiga, die mit ihren 70 Jahren noch zu den Jüngeren im Ort zählt. Und die das Schicksal vieler osteuropäischer Frauen teilt, die ihre Männer meist um viele Jahre überleben. Nicht wenige haben sich zu Tode gesoffen. Nur einen Rentner gibt es noch in Kladniki, er ist 87 und fast blind, seine Frau ist 82 und dement. Ein Paar, dem man ansieht, weshalb sie seit Jahrzehnten glücklich zusammenleben. In ihrem Wohnzimmer ist die Zeit stehen geblieben. Fotos der Kinder an den Wänden, Hochzeitsfotos in Schwarz-Weiß. Alles hat seinen Platz, auch das Lächeln, das beide sich schenken, wenn sie sich anschauen. Jadwigas Nachbarin ist 80, am anderen Ende des Dorfes lebt noch eine Frau, die 90 Jahre alt ist. Das ist bereits die Hälfte der Population von Kladniki. Jadwiga lächelt. „So ist das Leben, was soll man machen.“

In ihrem Garten wühlt ein riesiges Schwein nach Futter, das Tier wiegt mindestens drei Zentner, wahrscheinlich noch mehr. „Sie ist jetzt zweieinhalb Jahre alt und wird bald geschlachtet“, berichtet die Rentnerin, die seit 51 Jahren in Kladniki lebt und sich, als die deutschen Besucher an ihrem Zaun danach fragen, an die früheren Zeiten erinnert. Heute kommt dreimal in der Woche ein Wagen, der Lebensmittel verkauft und die Bewohner mit dem Nötigsten versorgt. Früher brauchte niemand diesen Wagen. „Es gab einen Laden“, erzählt die Frau am Zaun. Und nicht nur das. Eine Bibliothek gab es, eine Post, eine Schule und am Wochenende auch ein Kino. Und weil Kladniki bis heute keine Wasserleitungen hat, haben die Häuser auch keine Badezimmer. Freitags war Männertag in der örtlichen Banja, dem Badehaus. Sonnabends waren die Frauen an der Reihe. Die Kolchose gab den Menschen Arbeit, der Staat sorgte für alles.

Kein Gas- und kein Wasseranschluss

Am Haus von Jadwiga ragt ein Rohr aus dem Boden, das einen halben Meter von der Wand absteht. Die Gasleitungen gibt es in jedem Vorgarten. Angeschlossen sind sie nicht. Vor ein paar Jahren wurde die mit Feldsteinen gepflasterte Straße aufgerissen. Gas, Wasser und Internetleitungen sollten verlegt werden, hieß es. Doch Jadwiga und ihre Nachbarn waren wohl zu wenige, als dass sich die Investition am Ende gelohnt hätte. Die Leitungen wurden nie angeschlossen, die Straße ist seitdem mit tiefen Löchern versehen. „So ist das eben bei uns“ , sagt Jadwiga und lächelt wieder. Ihr Pferd habe sie verkauft, erzählt sie weiter. Seitdem ihr Mann gestorben sei, mache es keinen Sinn. Hinter ihrem Haus erstreckt sich ein großer Garten, Obstbäume lassen die Blätter fallen. Man kann sich vorstellen, wie idyllisch es hier im Sommer sein kann. Dann sitzen die Frauen vor der Marienstatue zusammen, die mitten im Dorf steht. Dort beten sie gemeinsam und sind sich sicher, dass die Nachbarin noch lebt.

Denn wenn jemand fehlt, gehen sie nachschauen, was los ist. Aber was ist, wenn niemand mehr da ist, der nachschaut? Im Winter, so berichten die anderen Bewohner, kommt immer ein Räumfahrzeug, das den Schnee beiseite schiebt. Aber dann sind kaum noch Menschen hier. Manche der Bewohner ziehen für die kalte Zeit zu Verwandten in die Stadt. Die Häuser werden dennoch beheizt, die russische Holzbauweise hält keinem Winter stand ohne regelmäßige Wärme.

Die leeren Häuser werden abgerissen

Wie das aussieht, wenn die Bewohner verschwunden sind, das kann jeder Besucher im Dorf sehen. Etliche Häuser sind eingestürzt, die ersten wurden dem Erdboden gleichgemacht. Der Staat verlangt den Abriss der leeren Häuser aus Sicherheitsgründen. Wann Kladniki vom Erdboden verschwunden sein könnte, lässt sich leicht ausrechnen anhand des Durchschnittsalters der Bewohner. Und dennoch gibt es Hoffnung. Am Dorfrand haben junge Leute ein Haus saniert, im Garten steht ein Klettergerüst für Kinder. Hoffnung? „Vielleicht“, sagt Jadwiga und lächelt. Im Sozialamt von Lida weiß man um die Not auf den Dörfern. Die ersten Pflegeeinrichtungen wurden bereits eröffnet – in ehemaligen Schulen, die Lidahilfe aus Grevesmühlen hat Betten und Möbel geliefert. Die Heime sind sauber und gepflegt, die überwiegend weiblichen Bewohner teilen sich die Zweibettzimmer. Die Frauen haben ihr Leben lang geschuftet, auf der Kolchose, anschließend zu Hause. Das Leben auf dem Dorf ist harte Arbeit. Jetzt sitzen sie in den Pflegeheimen auf dem Land, die Hände im Schoß. Fragt man sie, ob sie zufrieden seien, nicken sie. Jahrhunderte lang haben drei, vier Generationen unter einem Dach gelebt, Pflege war Sache der Familien, von Generation zu Generation. Jetzt sind die Jungen verschwunden, das System ist auseinandergebrochen. Nur allmählich gelingt der Umschwung.

Michael Prochnow

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