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Wismar Juden und Querulanten kamen an den Pranger
Mecklenburg Wismar Juden und Querulanten kamen an den Pranger
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00:05 14.08.2017

Am 14. August 1935 wurde mit viel öffentlichem Aufwand ein Pranger auf dem Wismarer Marktplatz in die Nähe der beiden Marktlinden aufgestellt. Damit sollten die zur Räson gebracht werden, die es bislang noch nicht begriffen hatten, wer nun Herr im Hause ist. Wer gegen die Ideologie der Nationalsozialisten verstieß, wurde hier mit Namen und Foto öffentlich gebrandmarkt. Im Mittelalter gab es nahezu in jeder Stadt einen Pranger, der aber nicht die perverse Aufgabe von 1935 hatte, sondern hier wurden Einheimische wie Fremde, sehr wirksam bei kleineren Vergehen bestraft. So kam der Gastwirt an den Pranger, wenn das Glas nicht richtig gefüllt war. Die alte Stadtwache mit der „Hechte“, den Arrestzellen, befand sich bis 1857 ungefähr dort, wo heute das Stadthaus am Markt steht. Die alte Hauptwache stand unmittelbar vor den Marktlinden. Dazwischen befand sich der Pranger, der „Kaak“. Eine der letzten Benutzung des Prangers, die sich schadenfroh durch die Stadt verteilte, war die Nachricht, dass 1820 die Frau eines städtischen Beamten an den Pranger sollte, weil „sie sich erlaubet hat, Menschenkoth auf die Straße zu werfen!“ Sie wurde jedoch zu einer Gefängnisstrafe von einem Tag in die „Hechte bey Wasser und Broth“ verurteilt. Eine ähnliche Aktion gab es hundert Jahre zuvor. Ein aufsehenerregendes Ereignis lockte in der Frühe des 8.

Gut erhaltener mittelalterlicher Pranger oder Schandpfahl in Mölln. Quelle: Foto: Detlef Schmidt

Dezember 1734 die Bürger auf den Markt. An einem Pfeiler des Rathauses war ein Brett angeschlagen und darunter war eine kleine Semmel angehangen mit „empfindlichen Expressionen“ gegen die „himmelsschreiende Preistreiberey“ der Wismarer Bäcker. Sicherlich waren es keine Schmeicheleien für die Bäcker. In der Ratssitzung desselben Tages teilte Bürgermeister Tanke mit, das Abnehmen wäre bereits durch die Büttel veranstaltet und diese beauftragt, nach dem Urheber zu fahnden.

Der Nazipranger von 1935 zielte in seiner perversen Gebrauchsweise auf Menschenleben. Hier sollte durch Denunziantentum, die Naziideologie durch Angst und Gewalt gefestigt werden. Der Standort des Wismarer Prangers befand sich an der Südseite des Marktplatzes, und wenn man schon keine Wismarer zum „Anschwärzen“ fand, dann nahm man eben Juden. Juden sind in Wismar schon seit Stadtgründung ansässig. So steht im Wismarer Stadtbuch von 1260, dass „der Schuster Jordan seinem Nachbarn ein Pferd stahl und es bei den Juden verkaufte“.

Am 14. April 1266 stellte Heinrich I. von Mecklenburg die in Wismar ansässigen Juden unter seinen Schutz – gegen Entrichtung eines nicht geringen Schutzgeldes, denn er war ständig in Geldnot. Noch 1342 hieß die Altböterstraße „Judenstraße“. Nach der Pest von 1350 wurden die Juden aus den meisten Hansestädten, so auch in Wismar, verjagt, da ihnen vorgeworfen wurde, die Brunnen vergiftet zu haben. Sie hatten nur die Möglichkeit, während der Markttage in die Stadt zu kommen, um ihre Waren anzubieten. Festen Wohnsitz durften sie nicht nehmen, und den Bürgern war streng verboten, Juden bei sich aufzunehmen. 1754 wird dies nochmals vom königlichen Tribunal bestätigt. Erst am 4. Oktober 1867 beschließt der Wismarer Rat einstimmig, dass Juden ungehinderten Zugang und Zuzug zur Stadt haben. So ist es nicht verwunderlich, dass in Wismar wenige Juden ansässig wurden und es keine jüdische Gemeinde gibt. Im Juni 1933 waren noch 23 Bürger jüdischen Glaubens in Wismar anwesend, wogegen es 1937 nur noch zwölf jüdische Bürger in Wismar gab. Ende 1942 lebten noch vier jüdische Frauen in der Stadt, wovon drei Frauen durch eine Mischehe etwas geschützter waren. Im November 1942 ist Gertrud Bernhard nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet worden.

In der „Reichskristallnacht“ 1938 wurden die Schaufenster der jüdischen Geschäfte vom Damenwäschehaus Lindor, Geschenkartikel Löwenthal und Schuhgeschäft Blass zerstört. Das Kaufhaus Karseboom war inzwischen schon „arisiert“. Der „Niederdeutsche Beobachter“ schrieb am 11. November 1938: „Unter Beifall der Wismarer verkündete NSDAP- Kreisleiter Dahl, dass die Juden ihren Schaden nicht ersetzt bekommen und verkündete stolz unter tobenden Beifall, dass alle Wismarer Juden hinter „Schloß und Riegel“ sitzen wieder sei man der restlosen Erfüllung des Parteiprogrammes mit der vergangenen Nacht und diesem Tage ein Stück näher gekommen und so werde es in den nächsten Jahren weiter gehen .“ Wie das nun ausging, wissen wir zur Genüge aus der Geschichte. Dazu gehörte auch der international geachtete Veterinär Dr. Wilhelm Leonhardt, der am Fürstengarten, neben dem Haus von Sella Hasse, wohnte. Er hatte in seinem Fachgebiet Entdeckungen veröffentlicht, die auch patentiert wurden. 1941 kam er in das KZ Sachsenhausen, wo er am 13. Juni 1942 verstarb. Der Arzt Dr. Leopold Liebenthal verstarb am 30. November 1938 geschwächt durch Gestapoverhöre. Einzig die Eigentümer des Schuhgeschäftes Blass in der ABC-Straße 14 konnten sich durch Flucht nach England retten. Längst gibt es aber schon wieder Pranger. Wer in den „social network“ unterwegs ist, kann bei unvorsichtiger Handhabung schnell an den „digitalen Pranger“ kommen.

Was sonst noch geschah

14. August 1670:

David Mevius gestorben

15. August 1952:

Die OSTSEE-ZEITUNG ist Wismars einzige regionale Tageszeitung.

15. August: 1991 Gründung der Stadtwerke Wismar GmbH (ab 1. März 1992 auch für die Wasserversorgung

zuständig).

15. August: 1948 Einweihung des Ehrenfriedhofes der Roten Armee für 348 gefallene Militärangehörige auf dem Wischberg. Am 8. Mai 1970 wurde im Ehrenmal eine Kartusche mit russischer Erde eingelassen.

16. August 2003: Eröffnung und Übergabe der Osttangente mit Verkehrsfreigabe.

18. August 2000: Die

Hansestadt Wismar begeht das 1. Schwedenfest,

woraus sich in den Folgejahren das größte „schwedische Fest

außerhalb Schwedens“

entwickelt.

19. August 1803: Wismar kehrt aus schwedischer

Herrschaft nach

Mecklenburg zurück.

19. August 1903: Hundertjahrfeier in Wismar mit Umzug sowie Einweihung Bürgerpark und Schwedenstein.

19. August 1949:

Umbenennung des

Schützenweges in Ernst- Thälmann-Straße.

19. August 1993: Aufstellung des Schwedensteines von 1903 in der Straße Am Schwedenstein. Einweihung mit Bürgermeisterin

Dr. Rosemarie Wilcken.

19. August 1993:

1. Schwedenmahl im

Bürgerschaftssaal, das seither jedes Jahr stattfindet.

19. August 1997:

Aufstellung von zwei

Kanonen vor dem Stadthaus. Auf Initiative des Lions Club Wismar aus Landskrona

aufgestellt.

20. August 1826: Anton Haupt wird mit 26 Jahren Wismarer Bürgermeister.

20. August 1828: Im

heutigen Welt-Erbe-Haus, der ehemaligen Kaufmanns- Compagnie ist durch

den Tapezierer Hermann

Fölker im Haus des Bürgermeisters Gabriel Lembcke der Tapetensaal mit der

Panoramatapete übergeben worden.

20. August 1954:

Die Wilhelmstraße

wird in Claus-Jesup-Straße umbenannt.

20. August 2000: Der

erste Schwedenlauf mit

70 Läufern findet während des 1. Schwedenfestes

in Wismar statt.

Detlef Schmidt

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