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Wismar Kampf gegen die Stimmen im Kopf
Mecklenburg Wismar Kampf gegen die Stimmen im Kopf
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00:00 08.09.2018
Wismar

„Ich habe eine paranoide Schizophrenie.“ Der Satz schwebt im Raum, zwischen Kaffeetasse und Klavier. Dana Dolata spricht offen über ihre Krankheit, ihre Psychose. Über das, was in ihrem Kopf passiert. Was keiner sehen kann, keiner hören kann, außer sie selbst. Was sich keiner vorstellen kann, der nicht selbst betroffen ist. Was aber trotzdem so greifbar ist, dass es das Leben der jungen Frau grundlegend verändert hat.

Wismarerin Dana Dolata leidet an Schizophrenie / Ihr Buch soll Betroffenen Mut machen

Auch deswegen spricht die 37-Jährige so offen. Sie möchte, dass die Leute sich nicht erschrecken, wenn sie das Wort „Schizophrenie“ hören. Sie möchte aufklären. „Die Krankheit ist immer noch stigmatisiert“, sagt die Wismarerin. Sie möchte Betroffenen Mut machen. Das eigene Leben mit der Krankheit hat sie in einem Buch verarbeitet und ihrer Mutter gewidmet. „Das 20-Minuten-Kind“: eine autofiktive Novelle über paranoide Schizophrenie. 20 Minuten, weil Dana Dolata durch die Medikamente nicht länger als 20, 30 Minuten irgendwo entspannt zum Kaffeetrinken sitzen kann.

„Ein Prozent der Bevölkerung bekommt im Laufe des Lebens eine Psychose, meist ausgelöst durch Stress. Andere reagieren mit Kopflosigkeit, ein paar mit der Psychose“, erzählt Dana Dolata. Was bei ihr der Auslöser war, weiß niemand. Die Frage „Warum ich?“ kann Dana Dolata nicht beantworten. „Ich hatte eine schöne Kindheit und eine schöne Jugend!“, erzählt sie dankbar. „Die Ärzte gehen davon aus, dass ich die Psychose mit 18 bekommen habe.“ Es folgte eine Prodomalphase, eine Vorläuferphase. „Bis ich 30 war, dann brach die Krankheit richtig aus.“

Dana Dolata wusste selbst lange nicht, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie hat weiter funktioniert, trotz des Chaos in ihrem Kopf. Trotz der fremden Stimmen, die sie in ihrem Kopf anschrien. Trotz der Wahnvorstellungen und Trugbilder. Sie schmunzelt und zuckt mit den Schultern beim Gedanken an diese schlimme Zeit: „Es wären fünf Fantasyautoren nötig, um sich das, was in meinem Kopf passiert ist, auszudenken. Du denkst, das Blatt, was gerade runterfällt, ist eine Reaktion auf das, was du gerade gedacht hast.“ In ihrem Kopf war das, was gerade im Fernseher gesprochen wurde, eine Kommunikation mit ihren Gedanken. Kleidungsstücke, die auf dem Bett lagen, nahmen die Form von Gesichtern, Figuren, gruseligen Fratzen an. Der Bezug zur Realität ging verloren.

Dana Dolata erzählt von ihren Ängsten, die damals ihre täglichen Begleiter waren. Das, was andere in ihrem Alpträumen erleben und verarbeiten, spielte sich während der Wachphase im Kopf eines Betroffenen ab. „Man pendelt zwischen den Welten, man hat die Stimmen im Kopf und will nur zwei Minuten Ruhe! Aber die bekommt man nicht. Und das geht so über Tage. Du weißt, dass das alles nicht real ist, aber du siehst das trotzdem!“ Sie musste lernen, sich das einzugestehen. Und sich immer wieder sagen zu können, das ist nicht real.

Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Paranoia, das verzerrte Bild der Wirklichkeit, die Stimmen: „Ein halbes Jahr lang habe ich all das geglaubt, das war schlimm!“ Dann hat die Familie – zum Glück! – gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Und sie hat reagiert.

Drei solcher Schübe, solcher Episoden hatte Dana Dolata in den letzten Jahren. Im Buch beschreibt sie die erste Episode, als noch niemand wusste, dass sie krank ist. „Das Schreiben hat mir gut getan“, erzählt sie. Das Ergebnis spricht für sich, innerhalb von drei Tagen hatte sie einen Verlag für die Geschichte. Ende September soll das Buch spätestens in die Läden kommen. „Das Buch ist keine Urlaubslektüre!“, warnt sie. Und ja, es hat Mut gebraucht, so offen mit dieser Krankheit umzugehen.

Die Krankheit hat ihr Leben verändert. Vor zwei Jahren musste sie den geliebten Beruf als Journalistin erst einmal kappen. Zu viel Stress. Zu viel Sorge, der Stress könnte die nächste Episode auslösen. „Ich stehe am Fenster und schaue raus, ich sehe dort den Alltag, den ich gerne miterleben würde, aber ich habe keinen Zugriff. So gerne ich da runter gehen würde, ich schaffe das nicht durch die Psychose.“ Zwei mal war sie in der Klinik, hat starke Medikamente bekommen. „Zum Stabilisieren, damit ich überhaupt atmen kann!“ Tabletten muss sie wahrscheinlich ihr Leben lang nehmen.

Die helfen, auch wenn die Nebenwirkungen wie das Übergewicht und Nervosität anstrengend sind. Wie ein Migränepatient muss sie die Warnzeichen ihres Körpers erkennen und deuten lernen, um schnell genug mit Tabletten gegensteuern zu können.

Dana Dolata hat versucht, sich mit den geliebten Mathebüchern und dem Klavierspiel den eigenen Kopf und damit das eigene Ich wieder zurück zu erobern. „Ich bin manchmal traurig über mein Leben und über das, was die Krankheit mit mir gemacht hat. Sie hat ein großes Loch in meine Biografie gerissen.“ Die Krankheit hat ihr die Lebensjahre zwischen 18 und 28 genommen.

Inzwischen ist die junge Frau über einen langen Zeitraum stabil. „Ich führe ein weitesgehend normales Leben. Aber ich brauche viele Pausen, bin nur wenig belastbar. Die meisten Betroffenen gehen mit der Krankheit nicht offen um. Und alle anderen wissen nicht, was die Krankheit bedeutet, und sind trotzdem ablehnend. Das will ich durchbrechen. Ich möchte Toleranz.“

Die Krankheit

Einer von 100 Menschen in Deutschland erkrankt statistisch gesehen an einer Schizophrenie. Schizophrenie ist eine Stoffwechselerkrankung ähnlich wie Diabetes, allerdings ist durch ein falsches Gleichgewicht der Botenstoffe der Hirnstoffwechsel betroffen. Die Folge sind veränderte Gedanken und Wahrnehmungen der Betroffenen. Zwei Drittel der Patienten haben eine zirka fünf Jahre dauernde Vorläuferphase mit Antriebslosigkeit, Depressivität, Labilität und sozialem Rückzug, bevor die Schizophrenie ausbricht. Genetische Faktoren, Stress aber auch Drogen können Auslöser sein.

Betroffene bemerken und akzeptieren, anders als bei vielen anderen psychischen Problemen, oft ihre Erkrankung nicht und lehnen eine Behandlung ab.

Nicole Hollatz

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