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Wismar Kein Cannabis auf Rezept
Mecklenburg Wismar Kein Cannabis auf Rezept
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00:29 12.06.2018
Claudia Russo beim Inhalieren des Rauchs einer Cannabis-Zigarette, der ihre Schmerzen lindert. Quelle: Foto: Nicole Hollatz
Wismar

„Stört es Dich, wenn ich rauche?“, fragt Claudia Russo und steckt sich, nach dem Kopfschütteln, die Selbstgedrehte an. Der süßliche Geruch erinnert an wilde Jugendpartys am Strand. „Meine Medizin, meine Reste“, schmunzelt die 45-Jährige und schließt die Augen. Drei, vier Tage noch werden die kleinen Pflanzenkrümel in der Metalldose reichen. Dann kommen die Schmerzen wieder und werden, weit mehr als jetzt, das Leben von Claudia Russo bestimmen.

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Altes Arzneimittel

Die ersten Schriften zur medizinischen Nutzung von Cannabis gehen auf ein rund 4700 Jahre altes chinesisches Lehrbuch über Botanik und Heilkunst zurück. Der älteste Marihuanafund datiert auf die Zeit um 700 vor Christi und war eine Grab-Beigabe.

Sie gehört zu den Menschen in Deutschland, die Cannabis als Medikament verschrieben bekommen haben. Jahrelang hat sie für diese Form der Legalisierung gekämpft, ist für die Kostenübernahme der Krankenkasse bis vors Bundesverfassungsgericht gezogen. Nun kämpft sie in Wismar gegen die Stigmatisierung. Vor zwei Monaten ist die Schwerkranke von Berlin nach Wismar gezogen. Weit länger schon sucht sie telefonisch in der Region einen Arzt, der ihr das Cannabis-Rezept ausstellt. „Ich verschreib Ihnen alles außer Cannabis“, zitiert Claudia Russo manch einen Wismarer Mediziner. Andere sagten ihr, dass sie krank sei, weil sie Cannabis konsumiere. „Eine Farce ist das, den Kampf hatte ich schon mal“, schüttelt Claudia Russo den Kopf und nimmt wieder einen Zug aus dem Joint.

Stöhnend kämpft sie sich aus dem Sessel hoch. „Es gibt Tage, da kann ich ohne mich festzuhalten vier, fünf Schritte in der Wohnung gehen“, erzählt sie. An schlechten Tagen kommt sie ohne Hilfe nicht einmal aus dem Rollstuhl. „An ganz schlechten Tagen nässe ich mich ein.“ Gebückt wie eine alte Frau geht sie zum Schrank, holt den Ordner mit den Zeitungsberichten über sie und ihren Kampf raus. Ohne den Joint würde sie nun im Rollstuhl sitzen und starke, sehr starke Schmerzmittel nehmen. Dazu Tabletten gegen die Nebenwirkungen. „Ich habe das Gefühl, meine Knochen vom kleinen Zeh bis zum Finger sind hohl. Und dann steigt der Druck in den Knochen, bis zum Platzen“, versucht sie, den Schmerz zu beschreiben.

2010 wurde bei ihr Unterleibskrebs festgestellt – Stufe vier, der Gefährliche. Der Krebs wurde nicht komplett entfernt. Durch die geschwächte Leber musste Claudia Russo vorsichtig sein mit Medikamenten. „Ich hatte Angst, dass der Krebs streut, habe verschiedene Dinge aus der Naturmedizin ausprobiert.“ Unter anderem das Gras. Claudia Russo hat Cannabisöl in der heimischen Küche gekocht, hat gemerkt, dass die Nebenwirkungen der anderen Medikamente dadurch abgeschwächt werden. Sie hatte wieder Appetit, hat nicht mehr abgenommen, war weniger „breit“ als durch die Pharmamedikamente.

„Lachen, müde, Hunger – das waren die Nebenwirkungen, damit kann ich leben“, lacht Claudia Russo und erzählt von den Nebenwirkungen der normalen Medikamente. 2012/2013 kam mit der Leberchemotherapie und einem neuartigen Medikament der große Einschnitt in ihrem Leben. „Ich wurde überdosiert.“ Das Ergebnis sind die löchrigen, verformten Knochen und Spontanfrakturen. „Ich bin zwangsberentet. Ich darf nicht arbeiten, lebe von Grundsicherung und weiß nicht, wie ich mich davon gesund ernähren soll.“ Sie hat sich bei der Wismarer Tafel angemeldet, ist dankbar, dass sie so als Rollstuhlfahrerin das Essen geliefert bekommt.

Die Schmerzen sind mitunter unerträglich, Claudia Russo hat Suizidgedanken. „Ich lebe nur noch für meine Katzen.“

„Ich wünschte mir, mein Medikament hieße einfach Petersilie oder Gurke und nicht Cannabis“, lacht Claudia Russo. Sie hat die Petition zur Anerkennung von Cannabis in den Bundestag eingebracht, seit März 2017 ist Cannabis als Medizin in der Palliativmedizin erlaubt.

Aber so viel Stigmatisierung wie hier in Wismar habe sie noch nie erfahren. „Die Sprechstundenhilfen haben mich telefonisch planiert, ich fühl mich schlecht, weil ich Cannabis bekomme. Die Leute werfen Freizeitkonsum und medizinische Indikation in einen Topf. Ich musste für die Ausnahmegenehmigung mit mehreren Gutachten beweisen, dass das Cannabis mir hilft.“ Und nein, ihr Gras aus der Apotheke ist nicht das, womit Jugendliche sich am Wochenende die Rübe dicht ballern, sondern eine der über 30 „anderen“ Sorten.

Eine Ärztin hat sie gefunden, die sie aufnehmen würde. Im vierten Quartal. Bis dahin? „Ich weiß nicht.“ Die Krümel reichen nur noch wenige Tage.

Nicole Hollatz

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