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Kreisjugendamt: Schlecht organisiert und überlastet?

Wismar Kreisjugendamt: Schlecht organisiert und überlastet?

Nach dem Vorfall mit einem dreijährigen Jungen aus Grevesmühlen und Überlastungsanzeigen aus dem Jugendamt hat der Kreistag Nordwestmecklenburg die Verwaltung beauftragt, das Jugendamt extern untersuchen zu lassen. Nun liegt der Bericht vor.

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Der sozialpädagogische Dienst im Landkreis Nordwestmecklenburg kann seine Aufgaben erfüllen. Doch die Mitarbeiter leiden laut Evaluationsbericht unter hoher Arbeits- und Fallbelastung.

Quelle: Nicole Buchmann

Wismar. Mängel in der Arbeitsorganisation, Überlastung und Personalnot - so dokumentiert der Bericht einer externen Beratungsfirma die Arbeit im Sozialpädagogischen Dienst des Landkreises Nordwestmecklenburg. Ein unterernährter und dehydrierter drei Jahre alter Junge in Grevesmühlen und ein anonymes Schreiben, in dem von personeller Überlastung die Rede ist, waren im Sommer vergangenen Jahres Grund für den Kreistag, den Fachdienst Jugend im Landkreis Nordwestmecklenburg genauer unter die Lupe zu nehmen.„Im Zusammenhang mit der Stellungnahme der Landrätin zu Verfahrensabläufen im Jugendamt unter besonderer Berücksichtigung der Personalsituation und der vorliegenden Überlastungsanzeigen“ fasste der Kreistag einen entsprechenden Beschluss. Die Verwaltung hatte damals alle Vorwürfe zurückgewiesen, den zuständigen Sachgebietsleiter jedoch von seinen Aufgaben enthoben.

Überlastet wegen Personalnot

48 Seiten umfasst die Analyse des Sozialpädagogischen Dienstes (liegt der OZ vor). Im Bericht der Landrätin zum Kreistag am Donnerstag vergangener Woche ist folgende Passage des Untersuchungsergebnisses zitiert: „Die Analysen haben gezeigt, dass das Sachgebiet Sozialpädagogischer Dienst grundsätzlich so aufgestellt ist, dass die Aufgaben unter Berücksichtigung der zur Verfügung gestellten Ressourcen und einer damit verbundenen durchschnittlichen Erwartung in angemessenem Umfang erfüllt werden können.“Die Beraterfirma Start gGmbH hatte für die Analyse zehn Fallakten nach dem Zufallsprinzip herausgesucht und sieben Mitarbeiter des Sozialpädagogischen Dienstes anonym befragt. Die monieren unter anderem Arbeitsüberlastung infolge aufwendiger Aktendokumentation, fehlende Handlungsvorgaben von Seiten der Leitungsebene, fehlende Rückmeldung zur eigenen Arbeit, unzureichende Regeln in der Zusammenarbeit der verschiedenen Bereiche des Jugendamtes in Bezug auf Hilfeplanung und Kinderschutz.

Anträge bleiben liegen

Auf die Frage, ob regelmäßig Arbeit liegen bleibe, die eigentlich erledigt werden müsste, antworteten alle sieben Mitarbeiter mit „ja“. Die Gründe: Personalmangel, zu wenig Zeit sowie Krankheits- und Stellenvertretung bei gleichzeitig hohem Fallaufkommen und komplexer Materie.So dauert es nach Aussage der Mitarbeiter zu lange, bis Anträge auf Hilfen zur Erziehung bearbeitet würden. Elf Gründe nennen sie. Neun davon finden sich im Sozialpädagogischen Dienst selbst - unter anderem: Wartezeit auf Beratung im Fachteam, Inobhutnahmen, Warten auf Rückmeldung von der Leitung und wieder: hohe Arbeits- und Fallbelastung sowie unbesetzte Stellen. Die Folge: Bei den Familien, in denen es halbwegs läuft, vergeht demnach mitunter mehr als ein Jahr bis zum nächsten Gespräch mit dem betreuenden Mitarbeiter.

Mitarbeiter nutzen Privathandy

Die derzeitigen Verfahrensabläufe empfinden fünf von sieben Mitarbeiter als hinderlich. Alle sprachen sich für ein Fachkonzept beziehungsweise Leitlinien aus, aus denen Abläufe, Weisungsberechtigungen, fachliche Anleitung hervorgehen. Weil die Mitarbeiter keine Diensthandys haben, sind sie während der Arbeitszeit auch nicht uneingeschränkt erreichbar. Ein Mitarbeiter kompensiert die Zeit, die er nicht am Schreibtisch mit dem Festnetz sitzt, mit seinem Privathandy.

Mängel bei Unterlagen

Darüber hinaus wiesen die Berater auf Mängel in der Dokumentenführung hin. So gebe es unterschiedliche Meldebögen für die Erfassung von Kindeswohlgefährdung, entsprächen Dokumente in Dienstanweisungen nicht dem aktuellen Gesetzesstand, seien sie unlogisch und nicht dem Verfahren entsprechend zusammengestellt. In allen zehn ausgewählten Fallakten fanden die Gutachter Mängel, vier davon hatten Mitarbeiter des Jugendamtes wegen Kindeswohlgefährdung erstellt.Im Zusammenhang mit der inhaltlichen Arbeit - Hilfe zur Erziehung oder Maßnahmen bei Kindeswohlgefährdung - müsse das Vorgehen künftig besser dokumentiert werden, heißt es in dem Evaluationsbericht. „Mit überarbeiteten Verfahrensregelungen und Vorlagen ließen sich Arbeitsentlastungen erzielen, die sich insgesamt positiv auswirken könnten.“

Nur Teil des Amtes untersucht

Als problematisch sehen die Berater auch die zwei Standorte des Sozialpädagogischen Dienstes in Wismar und Grevesmühlen an - jedenfalls im Hinblick auf die derzeitige Leitungsstruktur. Eine vorgesetzte Führungskraft könne zudem nur eine bestimmte Anzahl an Mitarbeitern koordinieren und anleiten. Im Hinblick darauf könnten Teamleitungen gebildet werden und bei der Aufgabenverteilung sowie -umsetzung hilfreich sein.Dass sich die externe Beraterfirma nur mit einem Teil des Jugendamtes, dem Sozialpädagogischen Dienst, befasst hat, sorgte auf der Kreistagssitzung für mehrere Nachfragen. Der Kreistagsbeschluss sah schließlich eine Evaluation des gesamten Jugendamtes vor. Der Jugendhilfeausschuss aber hatte in seiner Sitzung mehrheitlich nur die Untersuchung des Sozialpädagogischen Diensts für notwendig erachtet.

Nicole Buchmann

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