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Kultur Der „Vater“ der deutschen Verfassung beugte sich nicht
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13:26 25.09.2018
Dahlmann, 258 Göttinger Sieben mit Dahlmann, Grabstelle Quelle: Sammlung Detlef Schmidt
Wismar

Am 23. September 1839 verweigerte der Wismarer Rat einem der bedeutendsten Historiker und Politiker des 19. Jahrhunderts, Friedrich Christoph Dahlmann, trotz massiver Forderung aus der Wismarer Bevölkerung, die Ehrenbürgerschaft. Wie kam der Wismarer Rat und der Bürgerausschuss zu so einer blamablen Entscheidung?

Friedrich Dahlmann gehörte im 19. Jahrhundert zu den populärsten Politikern in den deutschen Ländern. Er wurde am 13. Mai 1785 in Wismar geboren. Das Geburtshaus musste 1886 dem 1888 eingeweihten neuen Postgebäude weichen. Eine erst 1882 angebrachte Erinnerungstafel wurde „gerettet“ und ins städtische Museum gebracht, wo sie noch heute aufbewahrt wird. Kindheit und Schulzeit verbrachte er im schwedischen Wismar. Nach Abschluss der Reifeprüfung an der Großen Stadtschule, begann er 1802 ein Studium an der Universität Kopenhagen und setzte es 1804 in Halle fort. 1810 verteidigte er seine Dissertation in Wittenberg erfolgreich und wurde promoviert. Er habilitierte 1811 an der Universität Kopenhagen und erhielt 1813 mit 28 Jahren seine erste außerordentliche Professur an der Universität im dänischen Kiel. 1829 wurde er an die Universität Göttingen im damaligen Königreich Hannover als ordentlicher Professor berufen, das wohl zu den schicksalsreichsten Entscheidungen seines Lebens wurde. Er arbeitete dort an einer, für damalige politische Verhältnisse, äußerst progressiven Verfassung für das Königreich Hannover mit, die 1833 in Kraft trat und 1835 erschien dort sein Hauptwerk „Die Politik auf den Grund und das Maß der gegebenen Zustände zurückgeführt“.

Ernst August I. wurde 1837 König in Hannover und unmittelbar nach seiner Thronbesteigung hob er die freiheitliche Verfassung, an der Dahlmann maßgeblich mitgearbeitet hat, zum 1. November 1837 wieder auf. Sieben Professoren, unter ihnen Dahlmann, die Gebrüder Grimm und der Physiker Weber stellten sich gegen Ernst August und reichten am 18. November 1837 eine Protestresolution ein und verweigerten damit dem König den angeordneten „Huldigungseid“. Diese „Unbotmäßigkeit“ seiner Untertanen konnte der absolutistische Herrscher nicht dulden und entließ am 12. Dezember 1837 alle sieben Professoren, die in die Geschichte als die „Göttinger Sieben“ eingegangen sind, des Landes. Friedrich Dahlmann, der Wortführer der „Göttinger Sieben“, Jacob Grimm und Georg Gervinius wurden sogar des Landes verwiesen. Preußens König Friedrich Wilhelm IV. lud die drei Professoren zu sich ein und sie erhielten eine Lehrerlaubnis in Preußen. In vielen deutschen Kleinstaaten wurden die „Göttinger Sieben“ gefeiert, galt ihr Widerstand doch der absolutistischen Monarchie.

Friedrich Christoph Dahlmann

In Wismar, das Dahlmann im September 1839 letztmalig besuchte, wurde er jubelnd begrüßt und gefeiert. Viele „Honoratioren“ Wismars „huldigten“ ihrem großen berühmten Sohn und manch Ehrengedicht wurde ihm gewidmet. 150 Unterschriften der Wismarer Gesellschaft forderten die Ehrenbürgerschaft, die der Wismarer Rat unter Bürgermeister Gabriel Mann aus ängstlicher „Rücksicht“ gegenüber dem hannoverschen König nicht verlieh. Viel Verständnis für dieses Verhalten hatten die Bürger überhaupt nicht, doch die Wismarer waren vorsichtig und wollten sich es nun auch nicht mit der Obrigkeit verderben. Rektor Friedrich Crain von der großen Stadtschule lud ihn zum 300. Schuljubiläum im Jahre 1841 ein, das er aber nicht wahrnehmen konnte.

1842 nahm Dahlmann eine Professur an der Universität im preußischen Bonn an, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Seine Vorlesungen gehörten zu den beliebtesten an der Uni Bonn und er galt als politische Autorität in Preußen. In den nationalen revolutionären Bewegungen um 1848 nahm er eine der zentralen Rolle ein. Er wurde preußischer Bundesgesandter und Vertrauensmann in der Nationalversammlung und der von ihm mit erarbeitetem Verfassungsentwurf von 1849 zur Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, ist maßgeblich auf Friedrich Christoph Dahlmann zurückzuführen.

Er stirbt am 5. Dezember 1860 in Bonn und ist dort auch begraben. Die Wismarer Grabstelle der Familie Dahlmann, wo unter anderem sein Bruder begraben liegt, befindet in der Nähe des Grabes von Bürgermeister Anton Haupt. Wismar ehrte ihren berühmten Sohn am 1. Dezember 1881 mit der Benennung einer neuen Straße im Bereich der ehemaligen Stadtmauer, der „Dahlmannstraße“. Die Bürgerschaft debattierte 1881 zwei Jahre lang, ob man ihrem verdienten Sohn eine Ehrenplakette an seinem Geburtshaus anbringen sollte.

1882 wurde diese angebracht, ehe das Haus 1886 abgerissen wurde und dem Neubau der Post Platz machte. Unsere Vorfahren haben sich in dem Umgang mit Dahlmann wahrlich nicht mit Ruhm „bekleckert“. Seit einigen Jahren wird am Postgebäude in der Mecklenburger Straße 18 mit einem Erinnerungsschild an der Stelle seines ehemaligen Geburtshauses auf den „Wortführer der Göttinger Sieben und Vater der ersten gesamtdeutschen Verfassung von 1849“ hingewiesen. Die „Göttinger Sieben“ werden vor dem hannoverschen Landtag mit einem Denkmal geehrt und der Campus der Göttinger Universität trägt ihren Namen.

Was sonst noch geschah

28. September 1901 Ein Brand zerstörte in der ABC-Straße das Haus „Zur Hansa“, das erste Gewerkschaftshaus Wismars. Das heutige Haus wurde am 5. Oktober 1902 eingeweiht.

29. September 1541 Michaelistag. Gründung der Großen Stadtschule im Grauen Kloster Heilig Kreuz der Franziskaner. Seit 1948 heißt die Schule „Geschwister-Scholl Oberschule“ und erhält 1991 den Namen „Große Stadtschule - Geschwister Scholl Gymnasium“.

29. September 1945 Eröffnung der Spielzeit 1945/46 im Theater mit Ralf Benatzkys „Meine Schwester und ich“ in der Regie von Wolfgang Struck.

29. September 1956

Übergabe der Werft-Poliklinik an der Koggenoor an Dr. Walter Heller als ärztlichem Direktor.

30. September 1903

Uhrmachermeister Julius Brunnckow mit 76 Jahren gestorben. Mitglied des Bürgerausschusses seit 1871, und deren stellvertretender Vorsitzender von 1887-1901. Vorsitzender des Wismarer Gewerbevereins. Namensgeber des „Brunnckowkai“ am Hafen.

Detlef Schmidt

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