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Dorfkirche zwischen Sorge und Hoffnung

Passee Dorfkirche zwischen Sorge und Hoffnung

Passee beteiligt sich das erste Mal am Tag des offenen Denkmals / Der Bau von 1317 braucht dringend Hilfe

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Dorfkirche zwischen Sorge und Hoffnung

Die Backsteinkirche von Passee wurde 1317 erstmals erwähnt. Eine Besonderheit ist der frei stehende hölzerne Glockenturm. Fotos (4): Daniel Brandt

Passee. Die kleine Backsteinkirche von Passee, einer der kleinsten Gemeinden Nordwestmecklenburgs (175 Einwohner), liegt versteckt und stark zurückgesetzt an der Dorfstraße. In der Regel ist sie geschlossen. Doch in diesem Jahr öffnet sie erstmals zum Tag des offenen Denkmals am 11. September ihre Türen. Von 10 bis 18 Uhr kann der schlichte, einschiffige, aus zwei Baujochen bestehende Kirchenraum mit einjochigem Chor besichtigt werden. Bei Bedarf wird Daniel Brandt aus Glasin den Besuchern von der Geschichte erzählen und sie auf Besonderheiten aufmerksam machen.

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Passee beteiligt sich das erste Mal am Tag des offenen Denkmals / Der Bau von 1317 braucht dringend Hilfe

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Die Orgel in Passee ist leider schon seit Jahr- zehnten nicht mehr spielbar.“ Daniel Brandt

Das Motto des Denkmaltages lautet in diesem Jahr „Gemeinsam Denkmale erhalten“ – und die 1317 erstmals erwähnte Dorfkirche von Passee braucht ganz dringend Hilfe. „Sie wird fast nie genutzt und war bis vor einigen Jahren sogar wegen Einsturzgefahr gesperrt“, sagt Daniel Brandt. Konkret dauerte die Sperrung von 2009 bis 2012. Bis Wismarer Ingenieure kamen und mit finanzieller Unterstützung von Land und Europäischer Union sowie mit modernster Technik die Schäden in Gewölben und Wänden aufnahmen, bewerteten und feststellten: Es bestand keine akute Einsturzgefahr, allerdings bröckelte der Putz.

„Das Bauwerk ist Sorgenkind und Hoffnungsträger zugleich“, sagte Pastor Jens Krause vor vier Jahren. Und daran hat sich nichts geändert. Die Gewölbe sind zwar gesichert und die Kirche kann auch wieder betreten werden, aber vieles liegt im Argen.

Das wertvollste Ausstattungsstück ist eine große Orgel des Wismarer Orgelbaumeisters Friedrich Wilhelm Winzer (1811-1886). Von ihm gebaute Instrumente stehen unter anderem in Klütz, in Hohen Viecheln, in Schönberg, in Damshagen und in Zarrentin am Schaalsee. Und den meisten geht es besser als der Orgel in Passee, die mit zehn Registern, zwei Manualen und Pedal für eine Dorfkirche sehr groß geraten ist. Daniel Brandt ist jedes Mal betrübt, wenn er ihren Zustand sieht. „Die Prospektpfeifen fehlen, rote Vorhänge hängen an ihrem Platz – die Orgel ist seit Jahrzehnten nicht spielbar“, erzählt er.

Beim Tag des offenen Denkmals wird Daniel Brandt das Orgelgehäuse öffnen und das eindrucksvolle Innenleben ausleuchten. „Man kann die drei großen Keilbälge sehen, die Registerzüge, die Windkammern, das Wellenbrett und die Pfeifen“, zählt er auf. Zudem sind in der Kammer für die Balgtreter Kritzeleien aus den vergangenen 100 Jahren zu sehen. „Besucher werden den Balg treten und der Orgel dann doch noch einige Töne entlocken können“, sagt er.

Damit die Gäste einen Eindruck bekommen, wie das Instrument einmal geklungen hat, wird während des ganzen Tages Musik von der Empore erklingen. „Die Kirchengemeinden Zarrentin und Schönberg haben uns CDs mit Aufnahmen ihrer Winzer-Orgeln zur Verfügung gestellt, sodass die Besucher einen authentischen Musikeindruck bekommen und hören, wie eindrucksvoll es in der kleinen Kirche einmal geklungen hat“, erklärt Daniel Brandt.

Zudem steuert das Orgelmuseum Malchow Rekonstruktionszeichnungen zur Orgelmechanik bei, anhand derer Daniel Brandt die Funktion der Orgel erläutern wird. Darüber hinaus wird er über den Zustand der Gewölbesicherung, weitere Maßnahmen zum Erhalt des Gebäudes und einige Besonderheiten informieren. Zu letzteren gehören Ziegel mit Texten in Spiegelschrift, die im Chor eingemauert wurden. „Sie sind erst zum Vorschein gekommen, als die Farbe abgeblättert ist“, berichtet Daniel Brandt. Aus seiner Sicht könnten die Schriften ein alter Abwehrzauber sein.

Weitere Besonderheiten an der Dorfkirche von Passee sind zwei eingeritzte Sonnenuhren an der Südwand, der frei stehende hölzerne Glockenturm und die Bronzeglocke. An ihrem Beispiel wird das Schicksal der im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzenen Glocken erläutert. Auch das Grabmahl einer achtköpfigen Familie auf dem Friedhof ist ein Zeichen der Grausamkeiten des Krieges: Die Menschen waren aus Elbing in Westpreußen gekommen und in Passee gelandet. Sie gingen gemeinsam in den Freitod – oder wie es auf dem Grabstein heißt: „Sie wählten den Frieden am 8.5.1945 in Porsdorf.“ Es war der Tag, an dem für Deutschland der Krieg zu Ende war.

Wesentlich weniger dramatisch ist eine andere Besonderheit in der Nähe der Dorfkirche: Etwa 200 Meter entfernt und noch versteckter als die Kirche selbst erhebt sich ein gut erhaltener frühdeutscher Turmhügel. Von der Burg, die von einem Wassergraben umgeben war, sind außer dem Graben noch die Wälle und die Vorburgsiedlung zu erkennen. Der Bereich, an dem vermutlich die Zugbrücke angebracht war, sowie der Standort des Wehrturms sind ebenfalls noch sichtbar. „Der Weg zum Turmhügel wird am Tag des offenen Denkmals ausgeschildert sein“, verspricht Daniel Brandt, der mit der Kirchengemeinde Neukloster den Tag in Passee organisiert und betreut.

Aus der Geschichte

Jedes Jahr am zweiten Sonntag im September öffnen historische Bauten und Stätten, die sonst nicht oder nur teilweise zugänglich sind, ihre Türen für Besucher. Sie sollen „Geschichte zum Anfassen“ erleben. Inzwischen findet in allen 50 Ländern Europas im Herbst ein Denkmaltag statt.

1993 am ersten Tag des offenen Denkmals öffnen bundesweit 3500 Denkmale in 1200 Kommunen ihre sonst meist verschlossenen Türen. Zwei Millionen Besucher werden bundesweit gezählt.

2012 bundesweit beteiligen sich mehr als 8000 Kirchen, Häuser, Mausoleen und andere Baulichkeiten in etwa 2700 Städten und Kommunen am 20. Tag des offenen Denkmals. Das Angebot lockt mehr als 4,5 Millionen Besucher.

1999 der Tag des offenen Denkmals steht erstmals unter einem Motto „Europa – ein gemeinsames Erbe“. Es folgten unter anderem die Themen „Denkmal als Schule – Schule als Denkmal“ (2001), „Rasen, Rosen und Rabatten – Historische Gärten und Parks“ (2006) und „Jenseits des Guten und Schönen – Unbequeme Denkmale?“ (2013).

1998 in Wismar öffnen historische Privathäuser ihre Türen, zum Beispiel in der Scheuerstraße 17, der Lübschen Straße 80 und eine Villa in der Lübschen Straße 179.

In Nordwestmecklenburg hatte der Tag des offenen Denkmals 1998 das Thema „Bauernhäuser“. Besondere Aufmerksamkeit erhielten dabei Grieben, Dechow und Lindow.

2015 das Motto lautet „Handwerk, Technik, Industrie“. Besonderer Anziehungspunkt in Nordwestmecklenburg war der alte Bahnhof in Grevesmühlen. Doch auch die Mühle in Bad Kleinen lockte viele Besucher. In Wismar punkteten im vergangenen Jahr der Ringlokschuppen, die Große Stadtschule und das Wassertor bei den Besuchern.

Sylvia Kartheuser

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