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Wismar Ein echter Indianer in Nordwestmecklenburg
Mecklenburg Wismar Ein echter Indianer in Nordwestmecklenburg
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00:00 30.08.2013
Gabi Hünmörder setzt Jaime Ayala Chacon die Häuptlings-Federhaube aus dem Museum auf. Quelle: Christel Ros
Groß Stieten

Bislang beschränkten sich die Kontakte zwischen Gabi Hünmörder (60) und ihrem Mann Rainer (60) mit den Menschen der Pin Ridge Indian Reservation in Süddakota (USA) auf Mails, Faxe, Anrufe oder Pakete. Doch dieser Tage hatte das Paar aus Groß Stieten, das mit großem Engagement das kleine Indianermuseum im Jugendclub Gägelow betreut und sich für die Menschen in den Reservaten einsetzt, ein hautnahes Erlebnis: Jaime Ayala Chacon (38) ist eine Woche lang Gast bei ihnen zu Hause. Ein „echter“ Indianer, ein Lakota, dessen Vater im Pine-Rigde-Reservat lebte. Hier herrschen ärmlichste Verhältnisse, die Arbeitslosigkeit liegt bei 85 Prozent, die Kindersterblichkeit ist sehr hoch, es herrschen Alkoholismus, Diabetes, TBC. Die jungen Menschen haben kaum eine Chance auf eine bessere Zukunft, weiß Gabi Hünmörder zu berichten.

Jaime Ayala Chacon — das heißt auf Lakota „Wind in den Haaren“. Jaime nimmt dies quasi wörtlich, er trägt sein dichtes und glänzendes schwarzes Haar, das ihm nahezu bis an die Taille reicht, mit Stolz und Würde. Es ist bei den Lakota zudem ein Zeichen von Stärke. Jaime erhielt diesen Namen von seinem Großvater. Gabi Hünmörder sagt mit einem nachsichtigen Lächeln: „Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der so viel Zeit für die Pflege seiner Haare aufwendet.“ Sie habe auch noch nie einen Mann gesehen, der sich so konzentrieren und sofort orientieren kann, meint sie bewundernd. Das müsse dem Lakota im Blut liegen, das Spuren suchen, wie man es aus Filmen kennt.

Damit räumt Jaime allerdings auf: „Wir sind nicht die Indianer, wir sind Natives. Wir sind nicht Film, wir sind Realität. Wir sind die 7. Generation nach Wounded Knee.“ Er spricht von dem Massaker der US-Armee an Lakota-Indianern im Jahre 1890, das in die Geschichte einging und den letzten Widerstand der Indianer gegen die Weißen brach.

Jaime lebt in der Nähe von Mailand. Er ist auf der Suche nach den Wurzeln seines Volkes, nach seinen eigenen. Sein Vater ist ein Lakota, seine Mutter stammt aus Peru. Er hielt sich gerade in Düsseldorf auf, als er über Facebook von Gabi Hünmörder, ihrem Indianermuseum und ihrem starken Engagement für die Indianer, die jedoch großen Wert darauf legen, Indigena, also Eingeborene, genannt zu werden, erfuhr. Und so kam der spontane Kontakt zustande. Das war im Juni. Und jetzt ist Jaime leibhaftig da, in Nordwestmecklenburg, wovon er zuvor nie etwas gehört und dessen Existenz er nicht einmal erahnt hatte. „Wir können voneinander lernen. Wir wissen nichts über euch und ihr wisst nichts über uns“, sagt Jaime ernst.

Er genießt die Zeit mit Hünmörders, hat viel gesehen und erlebt. Und dennoch zieht ihn das Heimweh nach Hause. Dass er Dienstagnachmittag mit Pferden zu tun hatte und sich in den Sattel schwingen konnte, hat dieses Heimweh ein wenig gemildert. Er arbeitet nämlich auf einem Gestüt, er ist das, was man — nun wirklich wie im Film — einen „Pferdeflüsterer“ nennt. Er liebt Tiere, besonders seinen Hund Gucio. Er spielt Flöte, mag Musik, ist ein Fan von Rammstein und fährt Motorrad. Wenn er Freitag wieder nach Hause fährt, wird er „Gabriella“ Hünmörder und ihren Mann im Herzen mitnehmen, die Erinnerungen an die schönen Tage bei ihnen ebenso. Doch der Kontakt wird über alle Grenzen hinweg gehalten — über Mails, Faxe, Anrufe und Pakete.

Verheerende Lebensbedingungen in Reservaten
Die Lakota oder Teton sind die westlichste Dialekt- und Stammesgruppe der Sioux aus der Sioux-Sprachfamilie. Ursprünglich lebten sie gemeinsam mit den übrigen Sioux-Stämmen im Gebiet westlich der Großen Seen, wurden jedoch später von anderen Stämmen verdrängt. Auf der Wanderung in ihre neuen Jagdgründe zogen die Lakota westwärts auf die Plains.

1890 starben mehr als 300 von ihnen während eines Massakers. Sechs Reservate wurden den Lakota zugewiesen, die nur einen Bruchteil ihres einstiges Landes umfassten. Die Lebensbedingungen in den Reservaten sind verheerend, die Lebenserwartung beträgt nur 44 Jahre, die Sterblichkeitsrate der Lakota ist die höchste in den USA ist.

Christel Ros

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