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Laut gegen Nazis: Wismarer bringen Markthalle zum Beben

Wismar Laut gegen Nazis: Wismarer bringen Markthalle zum Beben

Mehr als 200 Besucher haben gestern für ein friedliches Miteinander und Toleranz geworben / Syrische Band musste absagen, ihren Mitgliedern droht die Abschiebung

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Ergreifende Bilder in der Wismarer Markthalle: Eine Gruppe Syrer erinnerte zu Musik aus ihrem Heimatland an Krieg und Zerstörung. Viele hielten Schilder in die Höhe: „Save Aleppo“ — „Rettet Aleppo“. Die Stadt erlebt seit zwölf Tagen die schwersten Kämpfe.

Quelle: Fotos: Sylvia Kartheuser

Wismar. Laut, bunt, fröhlich, emotional und mit viel Musik — so feierten mehr als 200 alteingesessene und neue Wismarer in der Markthalle. Sie setzten gestern ein Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus. „Die Vielfalt unseres Zusammenlebens in Wismar, die Unterstützung von unermüdlich tätigen Ehrenamtlern in der Flüchtlingshilfe und ein solidarisches Miteinander stehen im Mittelpunkt des Abends“, sagte Sandra Rieck vom Verein „Das Boot“ im Namen des Aktionsbündnisses „Wismar für alle“.

OZ-Bild

Mehr als 200 Besucher haben gestern für ein friedliches Miteinander und Toleranz geworben / Syrische Band musste absagen, ihren Mitgliedern droht die Abschiebung

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Wie vielfältig und international die Hansestadt ist, zeigte Bürgerschaftspräsident Tilo Gundlack (SPD): „Was glauben Sie, wie viele Nationalitäten in Wismar anzutreffen sind?“ Die Antwort überraschte alle: 106. Insgesamt leben 2480 Frauen und Männer in der Hansestadt, die nicht in Deutschland geboren wurden. Das sind 5,6 Prozent der Wismarer.

Wismar war eine von deutschlandweit sechs Städten, in denen die Counter-Speech-Tour — etwa Gegenrede-Tour — Station machte. Sie steht unter dem Motto „Wir sind lauter — gegen rechte Hetze“ und dafür war die Wismarer Markthalle der ideale Rahmen.

Es gab viele emotionale Momente. So etwa, als Sandra Rieck und Menschen aus Portugal, Holland, Syrien, Schweden, Kasachstan, Korea und anderen Ländern jeweils in ihrer Muttersprache zu Respekt und Toleranz aufriefen. Doch einer der ergreifendsten Augenblicke war, als mehr als 40 Syrer auf und vor der Bühne zu Musik aus ihrer Heimat Bilder und Plakate hochhielten. „Save Aleppo“, „Rettet Aleppo“, stand auf vielen. Auf anderen, dass in einer Woche in der syrischen Stadt, die derzeit die schlimmsten Angriffe erlebt, mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen sind. Eine Gruppe Kinder hielt einfach nur rote Rosen in den Händen.

Denise Nowotny aus Wismar hat dieses Bild sehr bewegt. „Das hat sicher jeden berührt, da wurde deutlich, was es heißt, die Heimat zu verlieren“, sagte die 40-Jährige und ihre Freundin Yvonne Naumann (42) stimmte ihr zu. „Ich bin das erste Mal bei so einer Veranstaltung, aber ich finde sie wichtig und einfach super“, lautete ihr Urteil.

Für Horst Edom ist es fast Ehrensache, dabei zu sein. Der 72-Jährige engagiert sich seit September in der Flüchtlingshilfe. Nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Geschichte. Horst Edom wurde in Königsberg geboren und seine Eltern mussten fliehen. „Ich kann nicht anders, ich muss mich positionieren, Menschlichkeit zeigen“, sagt er.

Menschlichkeit ist etwas, das Abdurahman im alltäglichen Leben oft vermisst. Der 24-Jährige aus Eritrea lebt seit zwei Jahren in Wismar und traut sich mittlerweile allein nicht mehr aus dem Haus.

„Die rechte Hetze ist schlimmer geworden“, sagt er. Doch jemand, der zwei Wochen zu Fuß von seinem Heimatland in den Sudan gewandert ist, um von dort nach Libyen und in einem kleinen Boot übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen, gibt nicht auf.

Musikalisch setzte die Wismarer Kultband „Sabine Fischmarkt“ einen ersten Höhepunkt. Am späteren Abend verzauberte dann Leslie Clio aus Berlin die Markthalle mit ihrem Soulpop.

Die syrische Band Khebez Dawle musste leider kurzfristig absagen. Der Grund: Den Bandmitgliedern droht die Abschiebung, da das Dublin-Abkommen wieder in Kraft ist, das die Abschiebung von Menschen regelt. Die Band kam über Kroatien, einem EU-Mitglied, nach Deutschland. „Wir sind ratlos und bestürzt“, teilen die Veranstalter mit. Doch wichtiger als jede Tour, sei es die von Abschiebung bedrohten Menschen zu schützen, denn „kein Mensch ist illegal!“.

Von Sylvia Kartheuser

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