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„Narben müssen weiter sichtbar bleiben“

Wismar „Narben müssen weiter sichtbar bleiben“

Wismars Bürgermeister Thomas Beyer und Pastor Thorsten Markert erinnerten gestern an die Zerstörung des Gotischen Viertels durch englische Bomber vor 71 Jahren

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20 Jahre hat der Wiederaufbau von St. Georgen gedauert. 2010 wurde das neue gotische Bauwerk eingeweiht.

Quelle: Fotos: Vanessa Kopp (1), Privat (1)

Wismar. Der Zweite Weltkrieg war so gut wie vorbei. Seit Herbst 1944 waren weite Gebiete Deutschlands von alliierten Truppen besetzt. Wie der Großteil der Deutschen erwarteten auch die Wismarer im April 1945 die baldige Kapitulation. Daher kam der Alarm am 14. April gegen 23 Uhr überraschend. „Mancher drehte sich um und schlief weiter, andere nahmen ihre griffbereite ,Luftangriff-Tasche‘, um in einen Schutzraum zu gehen“, sagt Wismars Stadtchronist Detlef Schmidt.

OZ-Bild

Wismars Bürgermeister Thomas Beyer und Pastor Thorsten Markert erinnerten gestern an die Zerstörung des Gotischen Viertels durch englische Bomber vor 71 Jahren

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Zwölf Angriffe hatten die Wismarer seit Kriegsbeginn überstanden. 300 Mal war es Fehlalarm. „Die Menschen waren zermürbt und kriegsmüde“, so Detlef Schmidt.

Der Alarm am 14. April 1945 war kein Fehlalarm. Um 23.31 Uhr flogen zehn Bomber-Mosquitos der englischen Royal Air Force mit ihrer zerstörerischen Fracht über Wismar. Drei bis fünf Luftminen wurden abgeworfen. Sechs Minuten nach Mitternacht zogen die Flugzeuge wieder ab — und das Gotische Viertel existierte nicht mehr. Die Kirchen St. Georgen und St. Marien sowie das Archidiakonat waren schwer beschädigt, die Alte Schule und etliche Häuser gab es nicht mehr. „Das Gotische Viertel zwischen Archidiakonat und Georgenkirche war ein Trümmerfeld“, erinnert sich der Stadtchronist.

Dieser letzte Angriff war ein Entlastungsangriff. Das Hauptziel der englischen Flugzeuge war Potsdam. Dort hagelte es in jener Nacht 724 Bomben.

Am Morgen des 15. April herrschte Chaos in Wismar. 14 Menschen, auch Kinder, waren ums Leben gekommen. Überall brannte es. Ein 15-jähriger Helfer der Feuerwehr wurde in St. Georgen von einem herabstürzenden Balken erschlagen. „Das gotische Pfarrhaus von St. Marien und die Superintendantur aus der Zeit der Renaissance waren, wie die Alte Schule, unwiederbringlich verloren“, sagt Detlef Schmidt. 344 Wohnhäuser lagen in Schutt und Asche.

Für weitere Verluste an Bausubstanz im Gotischen Viertel sorgte die DDR. „Die alte Wallfahrtskapelle Maria zur Weiden wurde Anfang 1960 ohne Genehmigung abgerissen“, so Detlef Schmidt. Und es kam noch schlimmer: Die Wismarer hatten gehofft, dass St. Georgen und St. Marien wieder aufgebaut würden, trotz schwerer Beschädigungen. „Sie ahnten nicht, dass das Kirchenschiff von St. Marien im August 1960 gesprengt und St. Georgen über 40 Jahre dem Verfall preisgegeben werden sollte“, berichtet der Stadtchronist.

Erst ab 1990 wurde es möglich, das noch Vorhandene zu sichern und an einen Wiederaufbau zu denken. Bei St. Georgen dauerte es 20 Jahre und kostete rund 40 Millionen Euro. Das Kirchenschiff von St.

Marien ist nur noch als Grundriss zu erkennen. Bodenarchäologen haben ihn 2005 freigelegt. Die vorhandenen Mauerreste wurden bis auf die tragfähigen Schichten abgetragen. Auf das Fundament wurde eine bis zu einem halben Meter hohe Mauer gebaut.

Bei der Gedenkfeier, zu der gestern Nachmittag mehr als 100 Besucher in die Georgenkirche gekommen waren, sagte Bürgermeister Thomas Beyer (SPD), dass er beim Betreten des Raumes noch immer etwas Besonderes spürt, nichts Selbstverständliches. „Ich habe diese Kirche zerstört erlebt und sehe sie jetzt wiedererstanden. Das erfüllt mich mit großem Glücksgefühl.“ Er wies darauf hin, dass beim Wiederaufbau die neu gebauten Teile bewusst sichtbar gemacht wurden, die Narben gezeigt würden. „Sie müssen auch sichtbar bleiben, sie haben eine Funktion.“ Sie würden daran erinnern, dass vor 71 Jahren der Tod auch in Wismar allgegenwärtig war. Ausgelöst durch einen furchtbaren Krieg, den nationale und nationalistische Denkweisen angezettelt hatten. Auch jetzt gebe es auf der Erde Kriegsgebiete. „Die Narben in St. Georgen mahnen uns, Hass, Zerstörung und Vernichtung, egal in welchem Gewand, nicht weiter um sich greifen zu lassen“, betonte Beyer.

Pastor Thorsten Markert nannte den 14. April 1945 einen „schwarzen Tag in der Geschichte Wismars“. „Das Gotische Viertel stand für mehr als Architektur. Es stand für ein gutes Miteinander, für ein Hand in Hand von Bürgerschaft und Geistlichkeit. Dieser Geist wurde in einer Nacht zerstört“, sagte Thorsten Markert. Der Wiederaufbau der Georgenkirche sei ein Auftrag an die Handelnden zur Achtsamkeit, zum Zuhören, zum aus der Geschichte lernen, zum behutsamen Erinnern. Und er ging auf den Namenspatron ein, den heiligen Georg, der den Drachen besiegt. „Georg kämpft nicht gegen den letzten Dino, er kämpft mit dem Bösen, manchmal wohl auch gegen das Schlechte in uns“, sagte der neue Pastor der Kirchengemeinde St. Marien-St. Georgen. Der Wiederaufbau der Georgenkirche sei einmal mehr ein Zeichen für den Sieg über das Schlechte.

Umrahmt wurden die Reden des Bürgermeisters und des Pastors musikalisch. Zu Beginn und Ende spielten die Blechbläser der Musikschule Wismar, dazwischen sang Hanna Richter von der Integrierten Gesamtschule „Johann Wolfgang von Goethe“.

Von Sylvia Kartheuser

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