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Wismarer erhält Stipendium vom Land

Wismar Wismarer erhält Stipendium vom Land

Drei Monate lang lebt und arbeitet Paetrick Schmidt am ehemaligen Wohnsitz der von Arnims bei Berlin

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Das Blau der EU- Fahne ist zusammengenäht aus einzelnen Stoffteilen. Paetrick Schmidt posiert davor mit dem deutschen Pass. Grafiken (4): Paetrick Schmidt

Wismar. Das Klingeln eines Weckers hört Paetrick Schmidt seit Jahren schon nicht mehr. Er schläft aus. Jeden Tag. So lange er mag. Freiheit für Kopf und Seele – im Leben des Wismarer Künstlers etwas Grundlegendes. Seine Arbeiten haben Schmidt dieser Tage in den Süden von Berlin geführt. Drei Monate lang ist er Stipendiat des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Im ehemaligen Hause des deutschen Schriftsteller-Ehepaars Bettina und Achim von Arnim – auf Schloss Wiepersdorf. Den Transporter seiner Freundin hat er vollgeladen mit Farben, Leinwänden, Zeltplanen, Nähmaschine für die gemeinsame Zeit mit Schriftstellern, Musikern und Künstlern. Vor allem freut er sich auf die mit den Schriftstellern. „Wenn sie sprachgewandt ihre Anekdoten erzählen, entstehen in mir neue Bilder.“

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Drei Monate lang lebt und arbeitet Paetrick Schmidt am ehemaligen Wohnsitz der von Arnims bei Berlin

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Aus den Begegnungen in Wiepersdorf entstehen neue Ideen. Vor allem im Gespräch mit den Schriftstel-

lern. Darauf freue ich mich schon sehr.“Paetrick Schmidt (36)

Solche, wie die Fotoinszenierungen, die Schmidt im November vergangenen Jahres begonnen hat. Weil das Atelier unterm Dach eines Gebäudes an der Hochschule voll war. Damit er wieder atmen, weiterarbeiten konnte, musste es leer geräumt werden. Wohin also mit den großflächigen Malereien. Einen Teil hat er in die Kammer auf der anderen Seite des Flures getragen. Bis unter die Betonschräge stapeln sich Plakatrollen, Skulpturen in Pappkartons. In mehreren Reihen lehnen Leinwände aneinander. Im Atelier blieb die Staffelei. Darauf der flächige Kreis in sanftem Pastell. Was keinen Platz findet, kann fotografiert werden, dachte sich Schmidt. Stellte sich davor, aktivierte den Selbstauslöser und machte weiter. Erfand sich neu.

Mehr als 80 solcher Selbstporträt-Inszenierungen sind seitdem entstanden. Mit Wucht knallen dem Betrachter die Bilder entgegen. Dabei kann der mitunter gar nicht greifen, was diese Wucht ausmacht.

Der Gedanke, der entsteht, bleibt flüchtig, diffus. Vielleicht, weil er ungeheuerlich ist. Im Betrachter nickt die Zustimmung – ohne dass sie in Worte zu fassen ist.

Dabei hört, wer mit Paetrick Schmidt spricht, eine Stimme, die so sanft ist wie das Pastell seines gemalten Kreises. Sieht ihn in kindlichem Schwange hüpfen über die Wiese auf dem Hochschulgelände.

Die zum Zopf gebundenen Haare im Takt wippen. Im Supermarkt an der Kasse kauft er Luftballons in einer 50er-Packung, weil er damit gewiss eine Bildidee umsetzen kann. Beim Joggen um die Wismarer Altstadt sammelt er Lampenschirme vom Sperrmüll ein. Oder Plastikpflanzen, deren Blätter er mit Heißkleber zu einer Maske verbindet, um sie sich vors Gesicht zu halten und dann auszusehen wie ein Baum mit Stamm aus Fleisch und Blut. All das folgt Schmidts innerer Logik. Schmidt gibt seinen Impulsen nach. Impulsen wie dem, einfach mal ein paar Meter zu rennen auf der Straße.

Und so trennt Schmidt in seinen Inszenierungen nicht selten Zeichen von Bedeutung, setzt sie neu zusammen. Wie ein Kind, das abends beim Einschlafen ein Wort wiederholt – so lange, bis ein Stuhl losgelöst ist von der Sitzfläche mit vier Beinen und Lehne. Bis ein Stuhl einfach nur noch Stuhl ist. „Es ist unglaublich schwierig, etwas so zu abstrahieren, um es gescheit plakativ darzustellen“, sagt Schmidt. Da stimmt man ihm zu – erst recht, wenn die Themen seiner Bilder Abhörskandal, Social-Media-Hype oder Flüchtlingskrise sind.

Und vielleicht ist genau das das wirklich Ungeheuerliche. Dass seine Inszenierungen beim Betrachter die Informationsflut von Zeichen auf den Kern der Bedeutung reduzieren. Dass der Kern der Bedeutung wieder zutage tritt. Freigeschaufelt von allem, das einprasselt auf den Menschen dieser Tage. Und dass die Bilder klar und deshalb mit Wucht ins Bewusstsein treffen. Paetrick Schmidt wird sich in den kommenden Wochen vielleicht wieder neu erfinden. An seiner Nähmaschine mit den Zeltplanen. Mit seinen Farben und den Anekdoten der Schriftsteller. Zu sehen sind seine Arbeiten derzeit im Museum Junge Kunst in Frankfurt/ Oder. Vom 3. September an auch auf Schloss Plüschow.

Nicole Buchmann

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