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Leben auch ohne funktionierende Niere

Wismar Leben auch ohne funktionierende Niere

Das Wismarer Nierenzentrum wird 25 Jahre alt und schafft Lebensqualität

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Ärztin Dr. Catalina Gottwald im Wismarer Nierenzentrum im Gespräch mit ihrer Patientin Gabriele Rutz. Fotos (3): Nicole Hollatz

Wismar. Alltag für Gabriele Rutz: Noch 25 Minuten muss die 45-Jährige an der lebensrettenden Maschine ausharren, dann sind vier Stunden um und ihr Blut ist wieder „sauber“. In zwei Tagen muss sie wieder zum Termin in das Wismarer KfH-Nierenzentrum gegenüber vom Krankenhaus, wieder zur lebensrettende Dialyse. Derzeit betreuen die Ärzte und Schwestern dort 75 Patienten. KfH steht für „Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e.V.“. Es ist ein bundesweiter Verein mit mehr als 200 KfH-Nieren- und 21 Medizinischen Versorgungszentren, in denen gut 18700 Dialysepatienten betreut werden.

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Das Wismarer Nierenzentrum wird 25 Jahre alt und schafft Lebensqualität

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Beim Wismarer Zentrum ist das KfH seit 25 Jahren Träger. „Es werden immer mehr Patienten, weil die Gesellschaft älter wird“, weiß Dr. Catalina Gottwald, die stellvertretende ärztliche Leiterin in Wismar. Derzeit können 22 Patienten gleichzeitig behandelt werden.

Bei Gabriele Rutz wurde 1990 während der Schwangerschaft festgestellt, dass sie nur rechts eine Niere hatte – eine Schrumpfniere. „Es war klar, dass ich an die Dialyse muss oder irgendwann eine neue Niere brauche“, erklärt die Frau aus Benz. Sie erzählt von ihren Ängsten, die Bekannte mit dem Halbwissen von vor 20 Jahren geschürt hatten. Meist unbegründete Sorgen dank der modernen Medizin und der technischen Geräte.

Catalina Gottwald erklärt: „Die Niere ist wie ein Kaffeefilter, Giftstoffe werden rausgefiltert. Genau das machen wir mit der Maschine auch.“ Dreimal pro Woche zur Dialyse: „Die Niere arbeitet 24 Stunden am Tag, wir machen den Kompromiss zwischen ausreichender Dialyse und dem Erhalt der Lebensqualität. Im Ideal trifft man genau die Mitte, wo der Patient sich wohl fühlt, aber auch noch genug Freizeit hat“, sagt die Ärztin.

Gabriele Rutz ist seit 2003 Dialysepatientin. „Ich habe es bereut, dass ich nicht früher gegangen bin. Ich hatte es heraus gezögert, weil ich nicht wusste, was dort passiert, ich habe mich nicht erkundigt.“ 2011 bekam sie eine Spenderniere. Nachts kam der Anruf, morgens um eins ist sie mit einer neuen Niere im Rostocker Klinikum aufgewacht. „Nach acht Jahren Dialyse war das ein neues Lebensgefühl“, erinnert sich Gabriele Rutz.

Dialysepatienten haben Einschränkungen, müssen auf ihre Ernährung achten. Müssen dursten, weil die Nieren die aufgenommenen Flüssigkeiten dem Körper nicht entziehen können. Und sie dürfen vieles, was eigentlich gesund sind, nicht essen: Obst beispielsweise. Gabriele Rutz: „Schlimm ist es, wenn man mit Freunden essen geht. Mir wurde unterstellt, dass ich magersüchtig sei!“ Die Spenderniere hat vier Jahre funktioniert, seit 2015 muss Gabriele Rutz wieder zur Dialyse, alle drei Tage, egal ob Weihnachten oder Urlaubszeit. „Sagen, ich will nicht, geht nicht. Aber das Team und die Bedingungen in Wismar sind toll, da vergehen die vier Stunden schnell.“

Die 45-Jährige erzählt aber auch von Folgeschäden und von den 26 Tabletten, die sie täglich nehmen muss mit Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Magenproblemen. Gabriele Rutz lacht trotzdem: „Es ist oft auch lustig mit den anderen Patienten. Das kann man sich nicht vorstellen, wir liegen in unseren Betten, machen Witze und lachen! Man hat sich mit der Zeit damit abgefunden und macht das Beste draus.“ Sie steht wieder auf der Spenderliste und hofft.

Claudia Tamm ist als Krankenschwester seit 1988 dabei, wurde später leitende Pflegekraft im Wismarer Nierenzentrum, das seit 1991 zu den deutschlandweit mehr als 200 KfH-Nierenzentren gehört. „Wir haben in einer Nothilfeaktion dafür gesorgt, dass das Zentrum nach der Wende weiter existiert“, erzählt Claudia Tamm. In den ersten Nachwendewirren war beispielsweise unklar, woher das teure Dialysematerial kommen sollte. Sie zieht einen Vergleich zur DDR: „Wer damals über 60 Jahre alt war, wurde nicht mehr dialysiert.“

Mittlerweile werden die Menschen älter, sind fitter und der medizinische Fortschritt macht vieles möglich, was früher undenkbar war. „Damals waren aber auch die Transplantationszahlen anders, die Menschen haben zwei, drei Jahre gewartet und bekamen ihre Niere. Das waren 50 Prozent der Patienten“, erzählt Claudia Tamm weiter. Es gab auch die „Widerspruchslösung“, Organspender war erst einmal jeder, außer er hat explizit widersprochen.

Das Nierenzentrum mit anfangs acht Plätzen war in einem kleinen Backsteingebäude am Krankenhaus untergebracht. 1996 folgte der Umzug, der Platz reichte nicht mehr. Jetzt kommen die Patienten eher zur Dialyse, wenn Schäden und Nebenwirkungen noch nicht so schwer sind. Dr. Catalina Gottwald: „Die Dialyse ist heute eine wirkliche Nierenersatztherapie. Wenn sie gut läuft, kann der Patient ein weitgehend normales Leben führen. Wir verlängern nicht nur das Leben, wir schaffen Lebensqualität.“

Nicole Hollatz

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