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Liebe auf den ersten Blick

Serie: Die Denkmal-Retter Liebe auf den ersten Blick

Für Nora Willenberg ist die Sanierung der Fritz-Reuter-Straße 67 in Schönberg auch Therapie

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Das Haus Fritz-Reuter-Straße 67 in Schönberg. Ein Traum von Nora Willenberg: Wieder historische Fenster einzubauen. FOTOS (5): SYLVIA KARTHEUSER

Schönberg. Der Schlüssel steckt in der Haustür. Sie ist offen. Aufs Klingeln und Klopfen keine Reaktion. Vorsichtig betrete ich eine große Halle, eher eine Durchfahrt, und rufe. „Hier“, schallt es fröhlich hinter einer Tür. Nora Willenberg lacht mich an: „Ich habe gern ein offenes Haus.“ Seit etwa drei Jahren ist sie die Eigentümerin des Hauses 67 in der Fritz-Reuter-Straße in Schönberg, eines zwischen 1851 und 1880 erbauten Bauernhauses.

OZ-Bild

Für Nora Willenberg ist die Sanierung der Fritz-Reuter-Straße 67 in Schönberg auch Therapie

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„Das Haus und ich haben uns gefunden. Es hat mich gerettet und begleitet mich auf meinem Weg“, erzählt die 53-Jährige. Sachlich berichtet sie von ihren Schicksalsschlägen. Bis zur ihrem 50.

Lebensjahr sei sie so ziemlich auf der Karrierespur gewesen, war Qualitätsmanagerin in einer Einrichtung für geistig und körperlich behinderte Menschen. „Dann bekam ich die Diagnose MS, Multiple Sklerose.“ Schnell sei die Vollverrentung erfolgt. Der zweite Schicksalsschlag: Die Ehe, aus der drei mittlerweile erwachsene Kinder hervorgingen, ging in die Brüche. „Zum Glück hatte ich in Torsten einen sehr guten Freund – und er hat dieses Haus hier gefunden.“

Bei Nora Willenberg – „sagen Sie einfach Nora. Ich habe meinen Nachnamen abgelegt, weil die sowieso nichts aussagen“ – war es Liebe auf den ersten Blick. Doch dort wohnte Liesbeth Krohn, damals 85 Jahre alt. „Ihre Kinder hatten ihr schon mehrmals vorgeschlagen, in ein Seniorenheim zu gehen, doch sie wollte nicht.“ Die Wende kam mit Nora Willenberg, einer aus dem Westen, aus Hollenbek, von der westlichen Seite des Schaalsees. Liesbeth Krohn, die in dem Bauernhaus mit Stall fast bis zum Schluss Schweine und Hühner hielt, zog aus. „Sie hat hier alles picobello hinterlassen, sogar mit dreifach Gardinen vor den Fenstern“, erzählt Nora.

Allerdings wurde das Gebäude in den mehr als 100 Jahren seines Bestehens mehrfach umgebaut, aus großen Räumen zum Beispiel kleine gemacht. „Eben so, wie man es gerade brauchte“, so die Eigentümerin.

Und das Haus mit etwa 200 Quadratmetern im Erdgeschoss und fast der gleichen Größe im Obergeschoss war keineswegs behindertengerecht. „Das große Plus ist die breite Durchfahrt von der Straße bis nach hinten zum Garten, früher in die Felder“, sagt Nora. Sie biete Platz für ihre Rollatoren und Rollstühle. „Und sie ermöglicht mir den ebenerdigen Zugang zu allen Räumen.“

Anfangs sei sie von den Nachbarn schief angeschaut worden. Besonders, als sie die Wände innen mit Lehm verputzen wollte, nicht mit Beton. Nora und Torsten begannen trotzdem. Und eines Tages stand Nachbar Günter (70) in der Tür. Das gehe doch nicht an, dass eine Frau das mit dem Lehm ganz allein mache. Er packte mit an. „So nach und nach kamen dann auch die anderen Nachbarn. Wir waren manchmal ein bunter Haufen“, erinnert sich die Hausherrin.

Auch mit den Handwerkern habe sie Glück gehabt, „bis auf einen Fliesenleger“. Dafür seien Tischler Axel Eigenstetter und Schmied Christian Arndt, beide aus Schönberg, einfach super gewesen. Ein Teil des ehemaligen Stalls ist jetzt Noras Schlafzimmer und Rückzugsort. „Durch den Mist war das Fachwerk ziemlich angegammelt, aber ich wollte es erhalten.“ Eigenstetter und Arndt hatten die rettende Idee: Sie verstärkten das hölzerne Fachwerk durch Eisensäulen. Außerdem stieg der Boden dort um 40 Zentimeter an. Für die an MS Erkrankte unüberwindlich. Schmied und Tischler bauten eine in Metall gefasste Rampe, die in einem Bogen den Höhenunterschied überwindet. „Sie ist das Highlight im Zimmer“, sagt Nora und lacht.

Der Mix aus Alt und Neu ist es, der dem Bauernhaus einen besonderen Charme verleiht. Der alte Küchenschrank aus Hollenbek neben dem modernen Herd mit Induktionsplatten, das alte Geländer aus dem Kuhstall neben den modernen Gartenmöbeln. Nora schaut am Haus hoch: „Eines Tages möchte ich hier auch noch die Fenster austauschen – aber das hat noch Zeit.“

Schneller soll es hingegen mit ihrem Nachbarschaftstreffpunkt gehen. „Ich möchte, dass die Leute zu mir kommen, auf einen Kaffee und eine Scheibe selbst gebackenes Brot und zum Klönen.“ Das habe ihr während der Bauarbeiten an dem Bauernhaus viel Spaß gemacht und Kraft gegeben.

Nachbars Gedicht

Durch Zufall ich in der Haustür stand, – wurde mir der neue Hausbesitzer bekannt.

In Schönberg ein altes Bauernhaus, – das war Noras Augenschmaus.

Sie fand das super gut – und hatte auch den nötigen Mut.

Als sie und Torsten im Zimmer stehn, – da kam der gute Gedanke: Lehm.

Sie stand fast alleine da, – als das Nachbars-Wunder geschah.

Wir haben es gemeinsam gemacht – und den Lehm an die Wände gebracht.

Der Lehm ist nun Geschicht’, – Nora strahlt übers ganze Gesicht.

Und wie war Ihre Sanierung?

Haben Sie in Wismar oder Nordwestmecklenburg ein mindestens 100 Jahre altes Gebäude saniert? Oder stecken Sie gerade mitten in den Arbeiten an Bauernhaus, Tagelöhnerkaten, Mühle oder was auch immer?

Haben Sie Lust, den Lesern der OSTSEE-ZEITUNG von Ihrem Abenteuer und Ihren Überraschungen bei der Sanierung zu erzählen? Dann melden Sie sich für eine Terminabsprache bitte unter der Telefonnummer 03841/41562 oder schriftlich unter lokalredaktion.wismar@ostsee-zeitung.de per E-Mail.

Sylvia Kartheuser

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