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Mehr als 7000 Kriegstote: Radeln gegen das Vergessen

Mehr als 7000 Kriegstote: Radeln gegen das Vergessen

Die Cap-Arcona-Gedenktour feiert Jubiläum: Zum zehnten Mal radeln die Teilnehmer von Grevesmühlen nach Groß Schwansee — Im vergangenen Jahr waren es 128 Starter

Grevesmühlen/Groß Schwansee Jubiläum: Zum zehnten Mal wird am 7. Mai die Cap-Arcona-Gedenktour gestartet. Anlässlich der Jubiläumsfahrt sprach die OZ mit Hugo Rübesamen, Sprecher des Förderkreises Cap-Arcona-Gedenken und Stiftungsrat der Mecklenburger AnStiftung.

Welche Erinnerungen haben Sie an die erste Cap-Arcona-Gedenktour 2007?

Hugo Rübesamen: Nachdem wir am 3. Mai 2006 den Cap-Arcona-Gedenkort bei Groß Schwansee wieder markiert hatten, stellte sich für uns als Förderkreis Cap-Arcona-Gedenken die Frage, wie dieser Ort in Zukunft in die kulturelle Erinnerungsarbeit einbezogen werden kann. Unsere Antwort darauf war: An einem symbolischen Brückenschlag mit der Gedenkstätte am Tannenberg in Grevesmühlen sollten sich möglichst viele Menschen verschiedener Generationen aktiv beteiligen können. Mit der unkomplizierten Unterstützung des damaligen Landrates Erhard Bräunig, des Bürgermeisters Dietrich Neick und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Radsportlern aus Grevesmühlen und Boltenhagen wurde die Gedenktour mit dem Fahrrad 2007 zur Realität. Es gab auch Skeptiker in unseren Reihen.

Waren Sie mit der Resonanz zufrieden?

Rübesamen: Nachdem Erhard Bräunig und ich das Startband durchschnitten hatten, sind mehr als 85 Teilnehmerinnen und Teilnehmer von 10 bis 80 Jahren zur Gedenktour gestartet. Diese positive Resonanz hat uns Mut gemacht.

Was macht in Ihren Augen den Reiz der Tour aus, weshalb konnte sie sich etablieren?

Rübesamen: Es geht erstens um ein in der Region bekanntes und verankertes Thema. Viele Menschen sind mit der Geschichte der Cap-Arcona-Katastrophe und der Erinnerung an deren Opfer aufgewachsen. Es geht um ein Ereignis nicht in einem der weiter entfernten großen, deutschen NS-KZs, sondern um ein Ereignis, das sich in der unmittelbaren Umgebung zugetragen hat. Zweitens haben diese Erinnerung und das Gedenken daran inzwischen schon eine eigene Geschichte und verschiedene persönliche Reflexionen. Da ist eine Gedenktour mit dem Fahrrad sicher auch eine neue zeitgemäße Form.

Und drittens ist das Engagement der Organisatoren und deren Unterstützer in der Region wichtig. Neben der Freude am Radfahren in einer wunderschönen Landschaft fühlen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Gedenken an die Opfer der Cap-Arcona-Katastrophe verbunden.

Mehr als 7000 Menschen kamen am 3. Mai 1945 beim Untergang der „KZ-Schiffe“ „Thielbek“ und „Cap Arcona“ in der Ostsee ums Leben. Was kann eine Gedenktour da heute bewirken?

Rübesamen: Landesrabbiner William Wolff sagte 2005 in Schwerin: „Vergessen ist die letzte Grausamkeit, die wir den Opfern antun können!“ Wir meinen, das darf nie geschehen, das zeigt die aktuelle Gegenwart fast jede Woche, sonst gibt es wieder weitere Opfer. Eine Gedenktour mit dem Fahrrad kann da auch nur eine von vielen Formen der Erinnerungsarbeit sein.

Was in Ihren Augen noch?

Rübesamen: Kunst, Musik, Literatur, allgemeine und politische Bildung und der Sport haben hier eine kulturelle Verantwortung. Unsere Gedenkstätten in Grevesmühlen, auf der Insel Poel, in Klütz oder Groß Schwansee und Museen wie z. B. in Grevesmühlen und Kirchdorf auf Poel sind Orte der Erinnerung, des Gedenkens, der Würdigung, der Mahnung und vor allem der Bildung und müssen immer besser den Erfordernissen der Gegenwart gerecht werden. Sie brauchen daher vielfältige gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Anlässlich des 70-jährigen Kriegsendes hatten im vergangenen Jahr die Teilnehmer am Gedenkort in Groß Schwansee Blumen niedergelegt. Was erwartet die Teilnehmer an Besonderheiten bei der Jubiläumstour bzw. in welcher Form wird darauf hingewiesen?

Rübesamen: Es war schon beeindruckend, wie im letzten Jahr alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Rose von Grevesmühlen nach Groß Schwansee zum Birkenkreuz mitnahmen. Wir haben in diesem Jahr ein kleines Jubiläum: Es ist nun schon die zehnte Cap-Arcona-Gedenktour. Und das steht auch auf den T-Shirts, die in einer frischen Farbe leuchten werden. Darüber freuen wir uns und sind allen Förderern sowie Mitwirkenden dankbar. Bei der Gedenkveranstaltung wird in diesem Jahr auch ein Teilnehmer sprechen, der in den letzten Jahren mehrmals an der Gedenktour teilgenommen hat.

Was muss geschehen, damit es die Cap-Arcona-Gedenktour auch in zehn oder 20 Jahren noch gibt?

Rübesamen: Dann müssen die heute Zehn- bis 20-Jährigen uns im Organisationsstab nachgefolgt sein. Ansonsten kann ich nur wiederholen: Unsere Gedenkstätten und Museen müssen immer besser den Erfordernissen der Gegenwart gerecht, inhaltlich und zeitgemäß gestaltet und unterstützt werden. Dann haben Vergangenheit und Gegenwart eine Zukunft und das Vergessen keine Chance. Das, was wirklich verinnerlicht wird, muss nicht nur verstanden, sondern auch empfunden werden. Das ist das, was sozusagen haften bleibt.

Von Interview von Dirk Hoffmann

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