Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
„Mein Herz sagt, dass er lebt“

Wismar „Mein Herz sagt, dass er lebt“

Wismarerin sucht ihren Sohn / Veranstaltung zu Zwangsadoptionen am 3. März im Zeughaus

Voriger Artikel
Bundespräsident kommt in die Hansestädte
Nächster Artikel
Eine Mutter bricht ihr Schweigen

Nur der Mutterpass blieb Peggy Frassek aus Wismar. Ihren Sohn vermisst sie seit fast 24 Jahren.

Quelle: Foto: Carolin Riemer

Wismar. Peggy Frassek aus Wismar bricht ihr Schweigen und beleuchtet mit ihrer Geschichte ein dunkles Kapitel Geschichte.

OZ-Bild

Wismarerin sucht ihren Sohn / Veranstaltung zu Zwangsadoptionen am 3. März im Zeughaus

Zur Bildergalerie

Die Rede ist von Zwangsadoption. Am Freitag, dem 3. März, findet im Wismarer Zeughaus ab 17.30 Uhr eine Informationsveranstaltung zu diesem Thema statt. Mütter, denen ihre Kinder nach der Geburt weggenommen wurden – weil sie minderjährig waren oder zur DDR-Zeit nicht ins Regime passten – kommen an diesem Abend genauso zu Wort wie ein Jurist, der stellvertretende Bürgermeister Michael Berkhahn (CDU), und die Landesbeauftragte für Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, Anne Drescher.

Viele Betroffene kommen aus Mecklenburg-Vorpommern

Deutschlandweit schlossen sich fast 800 Eltern und Kinder der Gruppe „Betroffene von DDR-Zwangsadoption/Säuglingstod“ an. „Viele kommen aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Auch Mütter, die ihr Kind bis Mitte der 90er Jahre zur Welt brachten, waren noch von Zwangsadoptionen betroffen – allerdings nur etwa zehn Prozent unserer Mitglieder“, sagt der Gründer der Gruppe, Andreas Laake (56), und erklärt: „In der Zeit nach der Wende saßen oft noch die gleichen Sachbearbeiter an den Schreibtischen wie zu DDR-Zeiten.“ Auch Peggy Frassek wird im Zeughaus mit dabei sein.

Die schmerzliche Geschichte einer Mutter aus Wismar

Seit fast 24 Jahren vermisst die Krankenschwester ihren Sohn. Sie erzählt, dass ihr Baby am 29. März 1994 im sächsischen Leisnig zur Welt kam. Sie habe ihren Sohn unmittelbar nach der Entbindung gesehen. „Er hat geschrien und gezappelt“, erinnert sie sich. Dann habe ihr eine Hebamme das Kind weggenommen und gesagt: „Gott allein weiß, was mit dem Kind passiert.“

Es war das letzte Mal, dass Peggy Frassek ihr Baby sah. „Ein Arzt sagte mir, mein Baby habe nur 450 Gramm gewogen und sei gestorben.“ Doch sehen durfte die damals 23-Jährige ihren Sohn nicht. „Ich durfte mich nicht verabschieden und bekam weder eine Geburts- noch eine Sterbeurkunde. Mein Kind ist seitdem spurlos verschwunden.“ Dass es wirklich starb und lediglich 450 Gramm wog, glaubt Peggy Frassek nicht.

„Sie haben es mir weggenommen, weil der Vater Alkoholiker und ich eine stark übergewichtige Sozialhilfeempfängerin war“, ist sie sicher. Sie forderte gemeinsam mit ihrer damaligen Hausärztin ihre Krankenhaus-Akte an. Doch die Mitarbeiter sagten aus, dass es nie eine Akte von Peggy Frassek gegeben habe.

Im Standesamt von Leisnig gibt es keine Einträge – weder über die Geburt noch über den Todesfall eines Säuglings. Peggy Frassek trifft bei ihren Nachforschungen auf eine Mauer des Schweigens.

Zunächst verdrängt sie das Thema, kümmert sich um ihren Erstgeborenen Sohn und zieht im Jahr 2008 nach Wismar. Doch ihr Schicksal lässt sie nicht los. Peggy Frassek bekommt Depressionen und beginnt, das Thema aufzuarbeiten. Sie kann ihren Sohn nicht vergessen. „Mein Herz sagt mir, dass er noch lebt“, sagt sie traurig.

Erst als sie der Gruppe von Andreas Laake beitritt, hört sie von anderen Betroffenen. Die Geschichten gleichen sich. „Wir gehen heute von etwa 10000 vollzogenen Zwangsadoptionen aus“, sagt Laake.

Sein Sohn wurde ihm weggenommen, nachdem er im April 1984 einen Fluchtversuch nach Dänemark unternahm. Erst 29 Jahre später fand er ihn nach einem Fernseh-Auftritt wieder. Er war bei seinen Adoptiveltern in Brandenburg aufgewachsen.

Eine Geschichte, die Peggy Frassek Mut macht, ihren Sohn doch eines Tages in die Arme schließen zu können. Sie wandte sich an das Sat1-Fernsehteam um Julia Leischik. Die Journalistin führte in ihrer Sendung „Julia Leischik sucht: Bitte melde dich“ schon viele Familien wieder zusammen. „Ich stehe auf einer Warteliste. Das Team hat mir versprochen, dass es mir helfen wird“, sagt Peggy Frassek.

Auch ein Mitglied der Sat1-Redaktion ist am 3. März im Zeughaus dabei.

Veranstaltungen sollen die Wahrheit ans Licht bringen

Andreas Laake organisierte bereits in mehreren Städten die Informationsabende über die Zwangsadoptionen. „Das Thema ist noch nicht aufgearbeitet. Wir möchten einerseits Betroffene überzeugen, über ihren Verlust zu reden, damit sie ihn besser verarbeiten können. Und andererseits suchen wir Hebammen und Ärzte, die nach so langen Jahren endlich ihr Schweigen brechen und uns sagen, was damals passiert ist. Rechtlich kann ihnen niemand mehr etwas anhaben, die Taten sind verjährt. Wir wollen ihnen keinen Vorwurf machen, denn sie handelten im Auftrag der DDR und nicht aus freiem Willen“, sagt Andreas Laake.

Diskussion

Am 3. März um 17.30 Uhr eröffnet der stellver-

tretende Bürgermeister

Michael Berkhahn

im Zeughaus das Programm. Das Kinder-

theater „Blumental“ von Katrin Rienow zeigt das Märchen „Das Katzenhaus“. Im Anschluss schildern sechs Betroffene ihre Schicksale bevor es eine Podiumsdiskus-

sion und einen kleinen Imbiss geben wird. Der Eintritt ist frei.

Mehr Informationen zu dem Thema im Internet unter:

www.zwangsadoption-

saeuglingstod-ddr.com

Carolin Riemer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Schönberg
12500 Bücher und andere Medien hält die öffentliche Bücherei bereit, die Johanna Birnbaum (46) in Schönberg leitet.

Bibliothek erweitert ihren Bestand auf 12 500 Medien / 2016 kamen 2317 Besucher

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Wismar
Verlagshaus Wismar

Mecklenburger Straße 28
23966 Wismar

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag 10.00-17.00 Uhr
Freitag 10.00-16.00 Uhr

Leiterin Lokalredaktion: Kerstin Schröder
E-Mail: wismar@ostsee-zeitung.de
Telefon: 0 38 41 / 415 65

Ticket- und Anzeigenverkauf: 03841 / 41550.

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.