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Mit einer kleinen Lüge ins große Glück

Wismar Mit einer kleinen Lüge ins große Glück

Ja-Wort am 19. Mai 1956: Dora und Günter Rutz aus Wismar feiern heute diamantene Hochzeit

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Dora (80) und Günter Rutz (82) haben am 19. Mai 1956 geheiratet. „Kirchlich, in Hohenkirchen, da legte meine Schwiegermutter Wert drauf“, erzählt Günter Rutz. Das Ja-Wort hält seit 60 Jahren.

Quelle: Sylvia Kartheuser

Wismar. Dora Rutz schickt ihren Mann in die Küche. „Kaffeekochen ist nämlich seine Aufgabe“, sagt die 80-Jährige und lächelt verschmitzt. Günter Rutz tut, wie ihm geheißen. Er weiß, was er an seiner Dora hat – und das seit 60 Jahren. Heute feiern beide diamantene Hochzeit. „Wir wissen gar nicht, was uns erwartet, denn unsere Kinder haben alles ganz heimlich vorbereitet“, erklärt der 82-Jährige und seine Frau ergänzt: „Wir wissen nur, dass wir von einem Wagen abgeholt werden.“

Zumindest das ist sicher. Dass der Junge aus dem zwischen Oder und Westpreußen gelegenen Hinterpommern und das Mädchen aus Ostpreußen sich überhaupt begegneten, war es nicht. Beide Familien flohen im Zweiten Weltkrieg in Richtung Westen. Günter mit seiner Mutter zu einer Tante nach Wismar, Dora mit der ganzen Familie übers Haff. „Das war wirklich so, wie das oft in Filmen gezeigt wird. Wir sind auch beschossen worden. Dabei ist mein Großvater umgekommen“, erzählt sie. Sie war damals neun Jahre alt. Der Vater war bereits zuvor von der Familie getrennt worden. „Über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes haben wir ihn in Beckerwitz wiedergefunden“, erinnert sich Dora Rutz. Dort begann, was sie ihr „zweites Leben“ nennt.

Im Internat in Wismar lernte sie den zwei Jahre älteren Günter kennen. „Aber wir waren Kinder und haben uns wieder aus den Augen verloren“, erzählt er. Zumal es den jungen Mann in die Ferne trieb.

„Ich wollte mit 18 studieren, das ging aber nicht. Stattdessen kam ich zur Truppe, habe acht Jahre als Grenzpolizist zur See gedient.“ Das habe zumindest ein Gutes gehabt: „Ich wurde zum Techniker ausgebildet und anschließend mit dem Diplom bei der Deutschen Seereederei als technischer Offizier in leitender Position eingestellt.“

Bei einem Urlaub in der Heimat, Anfang der 50er-Jahre, geschah es dann. Auf dem Rummel auf der Flaniermeile in Wismar trafen sich der schmucke Seemann und die hübsche junge Frau erneut. „Es war beim Ringwerfen“, erinnert sich Günter Rutz und erzählt: „Ich wollte sie ja gern kennenlernen und habe sie gefragt, wo es denn bitte zum Volkshaus geht, obwohl ich das als Einheimischer natürlich wusste.“

Die kleine Lüge hat aber gewirkt. Auf die Wegbeschreibung folgten Einladungen zum Kaffee oder zu Spaziergängen. „Das hat sich dann so verdichtet – und daraus sind sieben Kinder geworden“, berichtet Günter Rutz.

Inzwischen hat das Paar auch neun Enkel und ein Urenkelchen. „Und das zweite kommt im November“, sagt Dora Rutz und der Stolz ist ihr anzumerken. In den Jahren, in denen Günter zur See fuhr, hat sie sich um die Kinder gekümmert. Keine leichte Zeit für die quasi alleinerziehende Mutter. In den Abendstunden erholte sie sich beim Handarbeiten – noch immer eine Leidenschaft von Dora Rutz. Doch an eine bezahlte Arbeit war bei sieben Kindern nicht zu denken, „Das ging erst wieder, als unsere älteste Tochter einen Krippenplatz für unseren Enkel bekam.“ Dann aber setzte sich die gelernte Facharbeiterin für Schreibtechnik noch mal auf die Schulbank, frischte bei der Volkshochschule ihre Kenntnisse in Steno und Schreibmaschine auf und fand eine Anstellung im Berufsberatungszentrum in Wismar.

Günter Rutz blickt zurück: „Wir hatten zwar nie viel Geld, aber wir wollten den Kindern an Erziehung und Bildung mitgeben, was wir konnten“, sagt er und fügt stolz hinzu: „Immerhin sind von den sieben Kindern fünf Akademiker.“ Die Frage nach dem Glücksrezept des Paares beantwortet Dora Rutz, indem sie eine Keramik in Buchform holt. Darauf sind in Schreibschrift einige Zeilen eingebrannt.

„Da steht es, und wir haben immer versucht, uns daran zu halten.“

Das Glücksrezept

Das Ehepaar Rutz hat ein Glücksrezept, sogar schriftlich und in Ton gebrannt. Es stammt vor einer prominenten Verfasserin: Catharina Elisabeth „Aja“ Goethe (1731 - 1808), die Mutter von Johann Wolfgang von Goethe.

Man nehme zwölf Monate, putze sie ganz sauber von Bitterkeit, Geiz, Pedanterie und Angst und zerlege jeden Monat in 30 oder 31 Teile, so dass der Vorrat für ein ganzes Jahr reicht.

Nun wird jeder Tag einzeln angerichtet aus einem Teil Arbeit und zwei Teilen Frohsinn und Humor. Man füge drei gehäufte Esslöffel Optimismus hinzu, einen Teelöffel Toleranz, ein Körnchen Ironie und eine Prise Takt.

Jetzt wird noch alles reichlich und mit viel Liebe übergossen. Das fertige Gericht empfiehlt sich noch mit Sträußchen kleiner Aufmerksamkeiten zu schmücken und es dann täglich mit Heiterkeit zu servieren.

Sylvia Kartheuser

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