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Wismar Nach Kündigung: Verzweiflung bei Lila-Bäcker-Mitarbeitern
Mecklenburg Wismar Nach Kündigung: Verzweiflung bei Lila-Bäcker-Mitarbeitern
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09:15 06.05.2018
Ein Teil der gekündigten Lila-Bäcker-Belegschaft von Gägelow Quelle: Kerstin Schröder
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Wismar

„Ich habe auf Rügen alles aufgegeben, um hier zu arbeiten – jetzt stehe ich vor dem Nichts“, sagt Gabriele Käfer. Sie wischt sich Tränen der Verzweiflung und Wut von ihren Wangen. Viel Hoffnung hat sie nicht. „Jeden Tag stelle ich mir die gleiche Frage: Wie verdiene ich künftig mein Geld?“. Die Frage treibt vieler der 120 gekündigten Mitarbeiter von Lila Bäcker in Gägelow bei Wismar um. Die Entscheidung Ende März, die komplette Produktionsstätte zu schließlich, hat sie völlig unerwartet getroffen. Von wirtschaftlichen Schwierigkeiten war bis dahin nie die Rede. Die Kündigungen wurden von heute auf morgen ausgesprochen, das ist für Gabriele Käfer ein „Schlag ins Genick“ gewesen: „Ich bin alleine und weiß nicht, wie es weitergeht“, sagt sie.

Auch Holger Borck quält das Ungewisse. Der Zierower arbeitet seit 2003 im Fuhrpark von Lila Bäcker in Gägelow. Damals hat dort die Unser Heimatbäcker Holding GmbH, auch bekannt als Lila Bäcker, die insolvente Bäckerei Schütt übernommen – inklusive der Filialen. Viele Läden beliefert seither Holger Borck. Auch er ist Alleinverdiener, hat zu Hause eine schwerkranke Frau. Eine Kündigung hat er „merkwüdigerweise“ noch nicht bekommen – genauso wenig wie seine Fahrer-Kollegen. „Heißt das, der Fuhrpark bleibt bestehen? Müssen wir künftig woanders ausliefern? Keiner sagt uns was“, ärgert sich Borck. Informationen von der Geschäftsleitung hat die Fuhrpark-Belegschaft bis heute nicht erhalten. „Das macht mich wahnsinnig“, betont Borck.

Fest steht: Zum 31. Mai wird das Werk im Gägelower Gewerbegebiet geschlossen. Dort hat Unser Heimatbäcker 14 Jahre lang Brot, Brötchen und Kuchen für ihre Bäckerei-Filialen herstellen lassen, auch für Lila Bäcker. Der Konzern wächst seit Jahren, kauft andere Bäckereien auf und verlagert dann deren Produktion – so wie im Sommer 2011 von Rügen nach Nordwestmecklenburg. Der Grund damals: Die Anlagen in Gägelow seien moderner. Gerade einmal fünf Jahre zuvor hatte Unser Heimatbäcker die Rüganer Backwaren GmbH gekauft und in Bergen Teigwaren produzieren lassen. 2011 ist damit Schluss. Den Beschäftigten werden Verträge für Gägelow angeboten. Um nicht arbeitslos zu werden, ziehen Gabriele Käfer und ihr Mann 2012 von Bergen nach Wismar. Für den Job lassen sie Familie, Freunde und die Heimat zurück. Viele ihrer Kollegen wechseln ebenfalls, pendeln aber, fahren an den Wochenenden nach Hause auf die Insel. Die Käfers machen das nicht, verlieren ihre Heimat aber nie aus den Augen: „Ich lese jeden Tag die OSTSEE-ZEITUNG von Rügen, sie liegt morgens im Briefkasten“, erzählt Gabriele Käfer. Ihr Mann ist mittlerweile verstorben, die Arbeit hat ihr danach Halt gegeben – bis zur Kündigung.

Es ist ein Schicksalsschlag von vielen. Etliche Mitarbeiter von Lila Bäcker in Gägelow wissen noch nicht, wie es beruflich mit ihnen weitergeht. Eine Transfer-Gesellschaft, die Ende März noch geplant war, wird es nicht geben. Nach Angaben der Gewerkschaft ist das Vorhaben gescheitert, weil das Unternehmen „Lila Bäcker“ nicht bereit war, sich an den Kosten einer Transfergesellschaft zu beteiligen. Die Firmenleitung ist für Stellungnahmen nicht erreichbar.

Magdalena Manthei hatte auf sie gehofft. „Damit hätte ich noch ein bisschen Zeit schinden können und wäre dichter an die Rente rangekommen“, sagt die 63-Jährige aus Wismar. Sieben Jahre hat sie in Gägelow gearbeitet. Einige ihrer Kollegen sind noch viel länger dabei. Deren Kündigungszeit beträgt sechs Monate – das bedeutet, auch wenn das Werk Ende Mai schließt, bekommen sie bis Oktober noch das Gehalt. „Aber was ist danach?“, fragen sich viele. Bewerben können sich einige noch nicht: Ihre Arbeitszeugnisse sind falsch: „In meinem steht nicht drin, was ich wirklich gemacht habe, sondern was ganz anderes“, erzählt Liane Schröter (44), Konditorin aus Wismar. Das bestätigt ihre Kollegin, Bäckerin Antje Sawiaczinski (39) aus Bobitz: „Viele Fachkräfte haben Zeugnisse als Produktionshelfer bekommen. Das geht doch nicht.“

„Das muss man nicht so hinnehmen“, beruhigt Annett Rossa-Koslowski von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Sie ist auf Einladung des Gägelower Sozialausschusses vor die Tore Wismars gekommen, um Fragen der Betroffenen zu beantworten. „Lila Bäcker ist immerhin einer der größten Arbeitsgeber in Gägelow, wir wollen die Betroffenen nicht alleine lassen“, erklärt die stellvertretende Bürgermeisterin Simone Oldenburg (Die Linke). Gerne hätte sie auch den Geschäftsführer von Lila Bäcker am Tisch gehabt. Doch der habe aus „zeitlichen Gründen“ abgesagt. „Gegen falsche Arbeitszeugnisse kann man vorgehen und eine Korrektur notfalls beim Arbeitsgericht einfordern“, beruhigt Annett Rossa-Koslowski von der Gewerkschaft. Auch Lehrlinge düften nicht entlassen werden – in Gägelow ist aber eine Auszubildende im ersten Lehrjahr von der Kündigung betroffen. „Überhaupt ist bei den ganzen Kündigungen sehr viel schief gegangen“, resümiert Rossa-Koslowski.

Unser Heimatbäcker hat die Schließung des Gägelower Werkes mit der Intensität des Wettbewerbs begründet. Dies habe es nicht erlaubt, „die kräftigen Kostensteigerungen der vergangenen Jahre, unter anderem des gesetzlichen Mindestlohns, nur durch höhere Preise und entsprechend höhere Umsätze auszugleichen.“ Deshalb wird die Kuchen-Herstellung von den Standorten Pasewalk und Dahlewitz nach Neubrandenburg verlagert und das Werk Gägelow komplett geschlossen. Insgesamt fallen 220 Jobs weg, mehr als die Hälfte in Gägelow. Viele Maschinenanlagen sind bereits abmontiert worden. „Obwohl wir noch weiterproduzieren“, so die Belegschaft.

In die Gemeinde ist auch Gewerkschaftsmitglied Ulf Evers von der Grabower Süßwaren GmbH gekommen. Er wirbt in Gägelow offensiv für sein Unternehmen. „Wir suchen Fachkräfte für unsere Anlagen, die werden bald für Millionen modernisiert“, berichtet er. Bezahlt werde nach Tarif, es gäbe Weihnachtsgeld, Erholungszulage und andere Extras. Und Grabow habe eine eigene Autobahn-Abfahrt. „Von Wismar dauert die Fahrt etwa 50 Minuten“, ergänzt er.

Viele der Anwesenden wollen sich den Betrieb anschauen. Für Gabriele Käfer ist eine lange Autofahrt nichts. Deshalb ist sie vor sechs Jahren von Rügen nach Wismar gezogen. „Aber ich möchte arbeiten, ich würde auch die Branche wechseln“, sagt sie. Solange sie sich etwas bewegen könne und gefordert werde, gern auch handwerklich, sei sie für alles bereit.

Schröder Kerstin

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