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Wismar Neugierige Blicke in alte Mausoleen
Mecklenburg Wismar Neugierige Blicke in alte Mausoleen
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00:00 24.03.2017
Kunsthistorikerin Dr. Anja Kretschmer (l.) zeigt Besuchern des Wismarer Friedhofes ein altes Foto der Hermes-Grabkapelle und erläutert, welche Arbeiten am Gebäude bereits erfolgt sind. Quelle: Fotos: Norbert Wiaterek
Wismar

Auf dem Wismarer Friedhof stehen imposante Mausoleen mit Schmuckornamenten an den Außen- sowie Malereien und Stuck an den Innenwänden – mit seltenen Fliesen, interessanten Plaketten und kunstvoll verzierten Türen. Es gibt dort aber auch Gebäude, die dringend eine Schönheitskur brauchen. Und unter vielen Luken sind aufgebrochene oder verfallene Särge und Müll zu sehen.

Während einer Führung auf dem Wismarer Ostfriedhof öffnen sich sonst verschlossene Türen

„Mir liegen die neun Grabkapellen in Wismar sehr am Herzen. Ich wünsche mir, dass sie saniert werden und man so das architektonische Erbe für die Nachwelt erhält“, sagte Dr. Anja Kretschmer. Die Vorsitzende des Vereins zur Förderung der Friedhofskultur in Wismar führte am Mittwochabend ein Dutzend Interessierte durch fünf der sechs Mausoleen auf dem Ostfriedhof. Kretschmer öffnete Türen, die normalerweise verschlossen sind. Sie ermöglichte mit Hilfe einer Lampe den Blick in prachtvolle Räume und auf einige alte Särge.

Während die 1834 erbaute klassizistische Grabkapelle der Familie Hermes, die seit 2009 unter Denkmalschutz steht, durch die Stadt saniert wurde, befindet sich das zwischenzeitlich als Garage und jetzt als Abstellraum genutzte Gebäude daneben in schlechtem Zustand. Viele Steine der Grabkapelle, die Uhrmacher Peter Johann Müller vermutlich 1832 errichten ließ, sind lose, Putz bröckelt von Wänden. „Beide Bauwerke sind wertvoll“, betonte Kretschmer. In der Kapelle des Senators und Kaufmanns Christian Wilhelm Hermes und seiner Familie gibt es alte Holzpaneele und Fliesen. In der Müller-Grabanlage sind Reste einer Wandmalerei, die eine Wandgestaltung mit Marmorfliesen assoziieren soll, erhalten.

Bei der 1832 gebauten Herrlich-Kapelle mit romanischen und frühgotischen Zierelementen ist besonders die Metalltür sehenswert. Sie vereint christliche und antike Symbole. Wer die einst verschollene und wieder aufgefundene Tür aufschließen will, muss zuerst das Schlüsselloch suchen, das zwischen Engeln hinter einer schmalen Metallklappe versteckt ist.

Anja Kretschmer führte die Interessierten weiter zur restaurierten Martens-Kapelle, die an einen griechischen Tempel erinnert. „Es ist das größte Mausoleum, das auf einem Friedhof in Mecklenburg-Vorpommern steht“, berichtete die Kunsthistorikerin beim Blick in die Trauerhalle mit kleinem Altar und Malereien, die den Anschein von Marmor erwecken. Der Schiffsklarierer Johann Gottfried Martens, ein Geschäftsmann mit mehreren Häusern in der Wismarer Altstadt, fand seine letzte Ruhestätte unterhalb des klassizistischen Gebäudes. „Hier wurden mehrere Särge auf drei Etagen übereinandergestellt“, so Kretschmer. Allerdings zeigte sich nach dem Öffnen von zwei der insgesamt acht Luken, dass einige Särge beschädigt sind. Staunen dann beim Hinabsteigen in die katakombenartige Gruft. An den Wänden links und rechts eines schmalen Ganges befinden sich mehrere Grabplatten mit den Namen und Daten der Verstorbenen der Familie Martens. In den Seitenteilen des 1832 errichteten, dreiteiligen Bauensembles mit kleinem Außenbalkon ruhen die sterblichen Überreste der mit Martens verwandten Familien Burmeister und Nestor.

Nur wenige Meter weiter hatten offensichtlich Grabräuber gewütet. Unter der sanierten Kapelle des Drogisten Heinrich von Walsleben, ein vermutlich 1860 errichteter Bau mit verglasten Türen und einem Raum mit Stuck und Malereien, stehen aufgebrochene Särge, auch der eines Kindes, umringt von leeren Flaschen, Ästen, Stroh und Holzlatten. Auch in der neugotischen Backsteinkapelle des Rittergutsbesitzers Fritz Keding sind die beiden alten Särge beschädigt. „Pietätlos“, kommentierte ein Gast der Führung.

„Ich finde es wichtig, diesen Toten ihre Würde zurückzugeben. Sie sollten wieder ihre Ruhe finden, wie es einmal vorgesehen war“, so Kretschmer. Dazu gehöre, zunächst den Zustand in den Grüften zu dokumentieren, sie dann zu reinigen, Särge zu restaurieren und dort die Gebeine der Toten und eventuelle Grabbeigaben wieder hineinzulegen. „Dies muss wissenschaftlich begleitet werden“, meinte die Expertin. „Man rühmt sich gerne mit den Persönlichkeiten, die in der Stadt lebten, benennt sogar Straßen nach ihnen. Aber für die letzten Ruhestätten fehlen leider oft das Interesse und das Geld.

Dabei ist das auch Kulturgeschichte.“

Norbert Wiaterek

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