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Wismar Petersdorfer baut historische Schiffe nach
Mecklenburg Wismar Petersdorfer baut historische Schiffe nach
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00:15 12.06.2018
Das Prunkstück der Schiffsmodelle ist die „Sovereign of the Seas". Das Original lief 1637 im englischen Woolwich vom Stapel.

Segelschiffe faszinieren Klaus-Peter Prei seit seiner Kindheit. Vor etwa zehn Jahren begann er, sie auch zu bauen, meist im Maßstab 1:80. „Die große Zeit der Segelschiffe war im 16. bis 18. Jahrhundert, und nur die interessieren mich“, sagt der 56-Jährige aus Petersdorf, einem Ortsteil von Dorf Mecklenburg. Vier Segler stehen in seiner Werkstatt, die Wände dahinter sind vollgehängt mit Puzzles. Die Motive? Klar: Segelschiffe. „Das ist aber das Hobby meiner Frau, dazu habe ich keine Geduld“, sagt er und lacht.

Etwa drei Jahre arbeitet Klaus-Peter Prei (56) an einem Modell

Die bringt er aber in hohem Maß auf, wenn es um den Bau der Modellschiffe geht. „Zu DDR-Zeiten ging das nicht so schön, da hatten wir ja nicht das Material“, erklärt der Besitzer eines kleinen Fuhrunternehmens. Doch gleich nach der Wende habe er losgelegt. Seit erstes Schiff steht auf einem Tisch in der Mitte des Raumes, gut einen Meter lang. Es ist die Fregatte „USS Constitution“. Das Original lief 1797 vom Stapel, trat 1798 den Dienst an – und ist mittlerweile das älteste noch seetüchtige Kriegsschiff der Welt.

Seinen Erstling hat Klaus-Peter Prei nach Originalplänen und Fotografien gebaut. Seine Frau hatte ihm zwar einen Bausatz der „Constitution“ geschenkt. Der Nachteil: das Modell war aus Plastik.

„Meine Frau hat dann gesagt: ,Dann baue es doch aus Holz nach’.“ Das hat der 56-Jährige gemacht, doppelt so groß wie die Vorlage. „Den Rumpf habe ich noch aus Vollholz gebaut“, erzählt er.

Entsprechend hoch ist das Gewicht. Drei bis vier Jahre hat er an der „Constitution“ gearbeitet, sein Werkeln immer wieder mit Originalbauplänen, Zeichnungen und Fotos verglichen. Denn Klaus-Peter Prei hatte von Beginn an den Anspruch, dass seine Schiffe so authentisch wie möglich sein sollen.

Apropos Geduld: den meisten Spaß hat er übrigens beim Knüpfen der Takelage. „Wenn ich mal in die Werkstatt komme, kann es sein, dass er sagt: ,Guck mal, ist der Dirk nicht toll?’“, erzählt Birgitt Prei. Die Schneiderin näht die Segel für die Modell – und weiß natürlich längst, was ein „Dirk“ ist. „Mehrere Seile, die sich von einem Punkt aus wie Finger zu anderen Seilen verteilen, damit ein Segel gleichmäßig eingeholt werden kann und dabei nicht verkantet“, erklärt sie.

Birgitt Prei kümmert sich zudem um die Dokumentation. Für jedes Schiff hat sie eine Mappe angelegt. Auch für die „Black Pearl“, dem Schiff von Jack Sparrow aus „Fluch der Karibik“. „Nach einiger Zeit weiß man, wo man im Internet was findet“, sagt sie. Mittlerweile sei sie darin richtig fit.

Das prunkvollste Stück in der Werkstatt in Petersdorf ist die „Sovereign of the Seas“. Sie wurde im Auftrag des englischen Königs Karl I. gebaut und lief 1637 in Woolwich von Stapel. Das erste 100-Kanonen-Kriegsschiff der Welt hatte eine Besatzung von 700 Mann – und brannte bei Umbauarbeiten 1696 bis auf die Wasserlinie ab. Wegen technischer Neuerungen und einer prachtvollen barocken Dekoration galt die „Sovereign“ als eines der außergewöhnlichsten Kriegsschiffe seiner Zeit. Allein der Schiffsrumpf war mit mehr als 1000 blattvergoldeten Allegorien verziert. „Das war Prunk und Protz pur“, sagt Klaus-Peter Prei. Sein Modell gibt eine Vorstellung von der einstigen Pracht.

Die „Sovereign“ war ein Modellsatz. Aber der Modellbauer baut ihn nicht einfach nach. Erst einmal kontrolliert er in Fachbüchern, ob an dem Modell auch alles originalgetreu ist. Ständiger Begleiter ist dabei „Historische Schiffsmodelle – Das Handbuch für den Modellbauer“ von Wolfram zu Mondfeld. „Das ist das gründlichste und genaueste Buch, das je über alte Segelschiffe geschrieben wurde“, erklärt der Modellbauer. Grundrisse, Aufrisse, Beplankung – alles sei in dem Buch verzeichnet. Und wenn Klaus-Peter Prei auf Ungenauigkeiten stößt, hält er sich lieber an die Angaben im Buch.

Sein jüngstes Modell ist eine kleine britische Galeone aus dem Jahr 1588. Wieder ein Eigenbau. „Man wird ja besser und behält dann bei Modellsätzen immer etwas übrig“, sagt der Petersdorfer. Nach den Angaben von Wolfram zu Mondfeld sei dabei die Galeone herausgekommen. Sie ist nun fertig – und das nächste Projekt auf der Wunschliste von Klaus-Peter Prei ist die „Soleil Royale“ von 1670. „Aber sie wird bis zum Winter warten müssen, jetzt habe ich keine Zeit dafür“, sagt der Petersdorfer.

Der Schiffsmodellbau

Der Schiffsmodellbau ist keine Erfindung unserer Tage. Wie Zeichnungen belegen gibt es ihn seit etwa 4000 Jahren. Die ältesten erhaltenen und detaillierten Schiffsmodelle sind Grabbeigaben des Pharaos Tutenchamun (1333–1324 v. Chr.).

Im 16. Jahrhundert stellten konkurrierende Schiffbaumeister dem venezianischen Staat Modelle ihrer Entwürfe zur Entscheidung über ein Schiffbauprogramm vor. Das gilt als Beginn des Baus maßstabsgetreuer und in den Proportionen richtiger Schiffsmodelle.

Ende des 18. Jahrhunderts, etwa zur Zeit der französischen Revolution, begannen wohl auch Erwachsene, Funktionsmodelle mit Segeln zum eigenen Vergnügen zu bauen.

Als Werkzeuge und Techniken für Privatpersonen immer leichter zugänglich wurden, entwickelte sich der Schiffsmodellbau rasant. Längst gibt es umfangreiche Literatur und viele Vereine, die sich dem Modellbau widmen.

Sylvia Kartheuser

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