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Britischer Journalist beobachtet Wahlkampf in Wismar

Gägelow/Wismar Britischer Journalist beobachtet Wahlkampf in Wismar

Die Tageszeitung „The Sun“ schickt ihren Chefreporter nach Mecklenburg-Vorpommern / Oliver Harvey trifft auf Politiker und Wähler

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Das kleine Dorf Jamel ist längst international ein Begriff und nur 15 Autominuten von Wismar entfernt. Oliver Harvey (r.) und Fotograf Louis Wood sehen sich um, versuchen, ihre Eindrücke zu verarbeiten. Fotos (2): Nicole Buchmann

Gägelow/Wismar. Mit schnellen Schritten geht Oliver Harvey über den langen Gang im Wyndham Garden Hotel in Gägelow. Harvey ist am Morgen in Berlin gelandet, hat einen Mietwagen genommen gen Norden. Nach Mecklenburg-Vorpommern. Nach Wismar. Sein Arbeitgeber, die britische Zeitung „The Sun“, hat ihn nach Deutschland geschickt. „Fahr hin und sieh Dir an, was da passiert!“ „Oliver Harvey. Chief Feature Writer“ steht auf seiner Visitenkarte. Oliver Harvey. Preisgekrönter Featureschreiber. Krieg im Irak, Olympia in Rio, Donald Trump im Wahlkampf – Harvey fragt, hört zu, beobachtet dort, wo etwas passiert.

OZ-Bild

Die Tageszeitung „The Sun“ schickt ihren Chefreporter nach Mecklenburg-Vorpommern / Oliver Harvey trifft auf Politiker und Wähler

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Dass so etwas in Deutschland noch mal passieren würde, hätte vor zwei Jahren doch keiner gedacht.“Oliver Harvey, Journalist

Nun eilt er den Gang im Wyndham hinab. Vorbei an den Räumen Wismar I bis III. Reisende Rentner essen dort zu Abend. Es riecht nach Bratensoße. Im Gehen bindet er sich die lilafarbene Krawatte. Im Raum Wismar IV sind die Stühle fast alle besetzt. Sie stehen in Reihe mit Blick auf ein Podium und ein Rednerpult. Harvey will sie kennenlernen – die Partei, die in Mecklenburg-Vorpommern zum ersten Mal in den Landtag einziehen will. Er will wissen, warum die Partei so groß geworden ist, in einem Bundesland, in dem so wenige Flüchtlinge leben. „Wer ist die AfD – das will ich wissen.“

Eben noch hat Oliver Harvey auf dem Marktplatz in Wismar deren politischen Gegnern zugehört. Die Linke warb mithilfe von Gregor Gysi um Stimmen. Harvey befragt Kandidaten und Flüchtlingshelfer. Im Wyndham hört er nichts von Hilfe für Flüchtlinge. Er ist verwundert darüber, dass mit den rund 50 Zuhörern so wenig gekommen seien. Ab und an zieht er die Stirn kraus, blickt erstaunt, als nacheinander die drei Kandidaten und dann mit Alexander Gauland auch der Vize-Chef der Partei vor das Mikrofon treten. Im Publikum Menschen mittleren Alters, sie applaudieren – nicht aus Höflichkeit.

Harvey will ein Interview. Das dauert.

Draußen auf dem Gang sprechen Journalisten der Financial Times London mit Zuhörern. Dan Ekholm wartet derweil auf seinen Kameramann. Der Journalist vom finnischen Fernsehen ist Deutschlandkorrespondent. In Dresden sei er gewesen. Bei Pegida im Januar 2015. „Danach hatte ich das Gefühl, beschmutzt zu sein. Das Gefühl, ich bräuchte eine Dusche.“ Das hier in Gägelow – das sei doch eher gemütlich. Warum sich das finnische Fernsehen für die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern interessiert? „Weil vom Ergebnis dieser Wahl vieles in Berlin abhängen wird“, glaubt Ekholm.

„Where are you from? – Finnland! – Wow, I’m from London!“ Harvey ist fertig mit Gauland. Der Brite wundert sich nicht über das Interesse der europäischen Kollegen. Im Gegenteil – außerhalb Deutschlands wollten doch alle wissen, was hier geschehen wird. Wird es dann tatsächlich keine muslimische Zuwanderung mehr geben, wie Gauland dem Journalisten sagte? Werden dann tatsächlich Minarette verboten? „Das meint er ernst?“ Harvey überlegt. „Du kannst rechtspopulistisch sein in Großbritannien. Aber so etwas dürftest Du nie sagen. Dann bekämst Du bei einer Wahl nie zwanzig oder mehr Prozent.“ Vor zwei Jahren, sagt Harvey dann, habe doch niemand geglaubt, dass so etwas wieder möglich sei in Deutschland.

Der nächste Tag auf dem Marktplatz in Wismar. Oliver Harvey will die Menschen fragen. Was Deutschland derzeit am meisten beschäftigt. Warum die AfD so hohe Werte hat bei den Wahlumfragen. Ob Angela Merkel einen Fehler gemacht hat, als sie vor einem Jahr die Grenzen öffnete. Was sie vom Brexit halten. Harvey schreibt. Die Menschen erzählen. Dass die Flüchtlingskrise Thema Nummer eins sei.

Dass die AfD deshalb so viele Stimmen bekommen würde. Dass zu schnell zu viele Flüchtlinge gekommen seien. Dass das alles zu wenig koordiniert, zu wenig kontrolliert passiert sei. Dass sie Merkel im kommenden Jahr nicht noch einmal wählen werden. Dass sie sie gerade jetzt wählen werden – zum ersten Mal überhaupt. Dass der Brexit nicht gut sei – weder für die Deutschen noch für die Briten.

Der Brexit. Harvey hatte nicht daran geglaubt. Er hätte sein Haus darauf verpfändet, dass die Briten sich fürs Bleiben in der Europäischen Union entscheiden. Dass die UK Independence Party (UKIP) scheitert mit ihrem Kurs. Gelacht hätten die Briten über UKIP. Auch die habe in kleinen Zimmern angefangen – mit wenigen Leuten. Wie die AfD. Nun – zehn Jahre später – habe die UKIP ihr Ziel erreicht. „Großbritannien ist draußen. Großbritannien ist draußen aus der EU.“ Glauben will Harvey das noch immer nicht. „Passt auf, was Ihr tut hier in Deutschland.“ Die Briten, sagt Harvey, wollen Merkel weiter an der Spitze sehen. Ihr trauen sie zu, dass sie pragmatisch vorgeht, wenn die Austrittsverhandlungen zum Brexit beginnen.

Nicole Buchmann

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