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Protest gegen Wahlfälschung in Wismar

Wismar Protest gegen Wahlfälschung in Wismar

Ex-Oberbürgermeister Günter Lunow erhielt einen Strafbefehl in Höhe von 1500 D-Mark

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Wolfram Flemming (3. v. r.), 1. Stellvertreter des OB von Wismar, überreichte am 5.10.1984 seinem Chef Günter Lunow im Namen des Rates der Stadt ein Erinnerungsgeschenk, anlässlich zu dessen Auszeichnung mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber.

Quelle: Sammlung Detlef Schmidt

Wismar. Am 10. Mai 1989 wurde in der Wismarer OSTSEE-ZEITUNG das Ergebnis der Kommunalwahl vom 7. Mai verkündet. Diese Wahl und das veröffentlichte Ergebnis war wohl der letzte Tropfen, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen brachte. Die Wahlfälschungen waren so offensichtlich und die damals Verantwortlichen sich so sicher, dass sie mehr als dreist das Volk belügen konnten.

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Das Jahr 1989 stand in Wismar von Beginn an unter dem Zeichen der Kommunalwahlen im Mai. So jedenfalls konnte man den Eindruck gewinnen, wenn man die Medien verfolgte. Die Wahlen waren omnipräsent und sollten als klares Bekenntnis zur Politik der SED und der gleichgeschalteten Nationalen Front dienen. Dass dies anders kam, ahnte von den Beteiligten niemand.

Die am 7. Mai 1989 abgehaltenen Kommunalwahlen sollten natürlich ein überwältigendes Ergebnis bringen. Das gelang auch, jedoch nur mit Manipulation. Erstmalig haben sich Bürger an der Auszählung beteiligt und stellten Unregelmäßigkeiten fest, die sie auch in Eingaben monierten. Oftmals wurden sie daran gehindert, obwohl nach dem DDR-Wahlgesetz die Stimmenauszählung öffentlich war. In fast allen Wahlkreisen wurden von den Beobachtern deutlich mehr Nein-Stimmen registriert, als offiziell bekanntgegeben.

Man frage sich heute einmal, was wohl gewesen wäre, wenn die DDR-Oberen zwei bis drei Prozent von ihren 99 Prozent als Gegenstimme gehabt hätten? Nein, ihre Starrsinnigkeit war natürlich auch der letzte Anstoß für den Zusammenbruch eines nicht mehr überlebensfähigen Gesellschaftssystems. 98,5 Prozent Zustimmung für die Kandidaten der Nationalen Front war das Ergebnis, das heute viele schmunzeln lässt und doch war es auch nach den offiziellen Wahlergebnissen das schlechteste in der Geschichte der DDR.

Bei den Volkskammerwahlen hatte es meist über 99 Prozent Zustimmung gegeben. Ein absoluter Nachweis der Fälschung gelang für den Berliner Stadtbezirk Weissensee, da hier die bei der Auszählung dokumentierte Zahl der Nein-Stimmen höher lag als die offiziell angegebene.

Es war schon eine eigentümliche Stimmung, die in diesem Jahr herrschte. Da wurde von oben Euphorie verordnet und um den Wismarer Marktplatz gingen die Ausreisewilligen provokativ „spazieren“. Machte man unter Nachbarn und Kollegen noch ab und zu Späße und kleine Witze über die da „oben“, so verschwanden diese völlig. Dem Volk schien der Witz abhandengekommen zu sein oder es hatte ihn schließlich satt.

Die Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 verliefen in Wismar ruhig. Es wurden für die Stadtverordnetenversammlung 137 Abgeordnete und 46 Nachfolgekandidaten gewählt. Das endgültige offizielle Wahlergebnis der Wismarer Kommunalwahlen wird am 10. Mai verkündet: Von 44244 Wahlberechtigten hatten 43757 ihre Stimme abgegeben. 17 Stimmen waren ungültig und 218 Wähler stimmten gegen den Wahlvorschlag. So wurden 137 Abgeordnete und 46 Nachfolgekandidaten zur Stadtverordnetenversammlung bestätigt.

Im Nachhinein reichten zwölf Bürger Eingaben gegen die Wahl und wegen Unregelmäßigkeiten ein. Daraufhin konstituierte sich die Stadtverordnetenversammlung am 1. Juni und bestätigte Oberbürgermeister Günter Lunow (SED) in seinem Amt. Alle Wahlunterlagen wie Wählerlisten, Wahlscheine, Wahlniederschriften, Protokolle und Meldevordrucke wurden laut Protokoll zwischen dem Wismarer Rat und der Papierfabrik am Rothentor dort am 7. Juli 1989 vernichtet.

Zwischenzeitlich begann der Ansturm von ausreisewilligen DDR-Bürgern, über Tschechien, Ungarn und auch Polen für die DDR-Führung bedrohliche Ausmaße anzunehmen. Die SED wurde durch einen vorher nie gekannten Mitgliederschwund nervöser und in ihren Handlungen hektischer. In dieser Situation gründete sich die erste oppositionelle Wismarer Bewegung, die „Initiative 89“. Das Neue Forum wird im September 1989 aktiv. Beiden Bewegungen ist es zu verdanken, dass der offene Widerstand einen geordneten Verlauf nahm. Zwar referierte der 1. Sekretär der Wismarer SED-Kreisleitung, Hans-Jürgen Große-Schütte, am 23. Oktober 1989 für einen Kampf gegen das Neue Forum, doch das „Protest-Eis“ war längst gebrochen. Schon am 25. Oktober begannen die Dialogveranstaltungen, zunächst im Rathaus und später in der Sporthalle. Am 31. Oktober 1989 rief das Neue Forum zu einem Treff zum Reformationstag in die Nikolaikirche auf. Thomas Beyer vom Neuen Forum sprach erstmals zu den Wismarer Bürgern.

Die politische Wende verlief in einer rasanten Geschwindigkeit.

Am 13. September 1990 erließ der Staatsanwalt des Kreisgerichts Wismar einen Strafbefehl gegen Günter Lunow als Vorsitzender der Wahlkommission in Wismar. Er hatte in dieser Funktion nach Vorgaben der Rostocker Bezirkswahlkommission die Wahl so zu beeinflussen, dass die Befürworter-Stimmen herauf- und die Gegenstimmen heruntermanipuliert wurden. Der Strafbefehl gegen Oberbürgermeister Günter Lunow belief sich auf 1500 D-Mark. Damit war dem Gesetzgeber Genüge getan, der damit feststellte, dass die Wismarer Kommunalwahl vom 7. Mai 1989 verfälscht war. An der bewussten Fälschung waren sicher viele beteiligt gewesen, aber einer musste die Verantwortung übernehmen.

Was sonst noch geschah

11. Mai 1882: Kauf der abgebrannten Papiermühlen am Wallensteingraben am Rothen Tor durch den Wismarer Kaufmann Gustav Marsmann, der hier eine neue Papierfabrik erbaute. Sie wurde 1948 verstaatlicht, der letzte Eigentümer Heinrich Marsmann zog in den westlichen Teil Deutschlands.

12. Mai 1826: Ferdinand Gustav Michaelis wird als Sohn des Weinhändlers F. G. Michaelis Hinter dem Rathaus 3 geboren. Er verstarb am 3. Januar 1891.

12. Mai 1945: Die Engländer veranstalten eine Siegesparade auf dem Markt.

13. Mai 1785: Historiker Friedrich Christoph Dahlmann wird in Wismar geboren.

14. Mai 1881: Rudolph Karstadt eröffnet sein erstes „Tuch-, Manufactur- und Confectionsgeschäft“ in der Krämerstraße 7.

15. Mai 1993: Der Wismarer Buchhändler und Antiquar Hermann Rhein ist verstorben.

Von Detlef Schmidt

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