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Schüsse im Wohngebiet: Jäger erlegt Reh

Grevesmühlen Schüsse im Wohngebiet: Jäger erlegt Reh

Grevesmühlener sind entsetzt. Kreisjagdverband: Der Weidmann hat nicht rechtswidrig gehandelt.

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Anvisiert und abgedrückt: Auf dem betreffenden Grundstück am Kapellenberg war das rechtlich zu vertreten.

Quelle: Archiv/Franz Bökelmann

Grevesmühlen. Ein Knall stört die nachmittägliche Ruhe im Wohngebiet am Kapellenberg. Anwohner gehen auf den Balkon, ans Fenster oder in den Garten, um nachzuschauen, was sich draußen abgespielt hat. Was sie erblicken, können sie kaum glauben: Ein Jäger, das Gewehr noch in der Hand, hat mit einem Schuss einen Rehbock erlegt, der auf einem verwilderten Grundstück Fressen suchte. Passiert ist die ganze Sache heute vor einer Woche gegen 16 Uhr. Polizeisprecher André Falke bestätigte den Vorfall. „Gegen 15 Uhr sind wir von einem Anwohner informiert worden, dass sich auf dem umfriedeten Gelände ein verletztes Reh aufhält. Daraufhin haben wir den Jagdpächter informiert“, schilderte er. Gegen 16 Uhr habe der Anwohner erneut angerufen, dass das Reh erschossen worden sei. Das war Anlass für die Polizei, sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen. Letztlich informierten sie die Untere Jagdbehörde.

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Sabine Radusch-Zwilling (42) zeigt auf die Stelle, an der das Reh erschossen worden ist. Am Busch habe es geknabbert.

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Völlig entsetzt über das Geschehene ist Anwohnerin Sabine Radusch-Zwilling. Die 42-Jährige hatte den Vorfall nicht direkt erlebt, sich die Geschichte von Beobachtern aber erzählen lassen. „Das kann doch nicht sein, dass ein Jäger im Wohngebiet schießt. Im Gebüsch hätten Kinder spielen können.“ Um das Areal herum stehen Ein- und Mehrfamilienhäuser. Ein Querschläger hätte die Gebäude oder sogar Menschen treffen können. Oft spielen Kinder auf dem Gelände. Als unverantwortlich bezeichnete die 42-Jährige das Verhalten des Jägers. „Dem gehört die Jagdlizenz entzogen.“

Ulf-Peter Schwarz vom Kreisjagdverband versucht, die erhitzten Gemüter zu beruhigen. „Mit dem Anruf des Anwohners bei der Polizei wurde auch der Pächter des Grundstücks und der für das Revier zuständige Jäger unterrichtet“, erklärt er. Was kaum jemand weiß: Das Grundstück ist bejagbar, wie Schwarz erzählte. „Es handelt sich hier nicht um einen sogenannten befriedeten Bereich.“ Im Klartext: Befriedete Bereiche sind Flächen, auf denen sich zum Beispiel regelmäßig Menschen aufhalten. Das betreffende Grundstück ist nicht bebaut und das Betreten verboten. Darauf weist auch ein Schild des Pächters hin.

Normalerweise wird dieser Bereich, wenn auch nicht befriedet, nicht bejagt, wie Ulf-Peter Schwarz versichert. Hier habe es sich lediglich um eine Ausnahme gehandelt. Das Reh sei in der Tat verletzt gewesen, bestätigte Schwarz. Es war nur noch auf drei Läufen unterwegs. „Der Jäger hat sich tierschutzkonform verhalten und das Reh von seinem Leiden erlöst“, erklärt Ulf-Peter Schwarz. Gefahr für die Anwohner, so glaubt er, hat zu keiner Zeit bestanden. „Der Jäger ist in diesem Bereich verpflichtet, darauf zu achten, dass Menschen nicht gefährdet sind“, so Schwarz. So werde unter anderem mit einem Kugelfang gearbeitet, der sicherstellt, dass die Kugel hinter dem getroffenen Wild in die Erde einschlägt. Ein Einfangen des Tieres hätte sich schwierig gestaltet, erläutert er auf Nachfrage.

„Ein Reh auf drei Läufen ist immer noch schneller als ein Mensch.“ So hätte es sehr wohl möglich sein können, dass der Jäger das Reh auf die Straße jagt und es zu einem Unfall mit einem Auto gekommen wäre, begründet Ulf-Peter Schwarz.

Sven Dutschke, stellvertretender Vorsitzender des Kreisjagdverbandes, bezeichnet das Verhalten des Jägers dennoch als risikobehaftet. „Das Rechtliche ist die eine Seite, wie man in der Öffentlichkeit damit umgeht eine andere“, erklärt er. So hätte der Jäger sensibler mit der Sache umgehen sollen, meint er und bezeichnete das Erlegen von Tieren vor den Gärten anderer Leute als nicht zeitgemäß. Von einer Verletzung des Rehs will ein Anwohner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will (Name der Redaktion bekannt), nichts gesehen haben. Zusammen mit zwei anderen Rehen habe sich der Bock im angrenzenden Park wohlgefühlt.

Jagdunfall bei Naschendorf
Im September 2008 ist ein 50-Jähriger bei einer Wildschweinjagd in einem Maisfeld bei Naschendorf von einem Jagdkameraden tödlich verletzt worden. Das Opfer war von hinten in die rechte Schulter getroffen worden.

Fünf Jahre dauerte der Prozess. Der Angeklagte wurde zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt und musste Schmerzensgeld an die Witwe des Opfers zahlen. Restlos aufgeklärt wurde der Fall nie. Die Entscheidung basierte auf einer Indizienkette.

Nach einer Serie von Jagdunfällen im Jahr 2008 änderte das Land Mecklenburg-Vorpommern das Gesetz, das die sogenannten Erntejagden regelt. Seitdem darf nur noch von Hochsitzen aus geschossen werden, damit sichergestellt wird, dass die Projektile in den Boden einschlagen, wenn das Wild verfehlt wird.

 



Jana Franke

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