Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Wismar Schuldner: Langes Warten auf Hilfe
Mecklenburg Wismar Schuldner: Langes Warten auf Hilfe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:01 07.06.2017
Ebbe im Portemonnaie – immer mehr Einwohner im Landkreis Nordwestmecklenburg sind hoch verschuldet. Quelle: Fotos: Nicole Hollatz
Wismar

Seit sechs Monaten wartet Melanie H. (Name der Redaktion bekannt) auf einen Termin bei der Wismarer Schuldner- und Verbraucherberatungsstelle der Diakonie.

Diakonie-Beratungsstellen betreuen 400 Menschen im Kreis

Hier gibt es Hilfe

Wismar: Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstelle des

Diakoniewerks, Frische Grube 2,

Telefon 03841/206064

Wismar: Schuldnerberatung des Landkreises: Rostocker Straße 76,

Telefon 03841/30405068

Gadebusch: Mühlenstraße 26,

Telefon 03886/712735

Dreimal hat die 29-Jährige telefonisch ihren Fall geschildert. „Wenn man überhaupt mal jemanden ans Telefon bekommt“, so die zweifache und arbeitslose Mutter.

Melanie H. hat 14000 Euro Schulden. „Ungefähr“, relativiert sie. Viel ist durch eine „Mietsache“ entstanden. Sie habe für ihre Stiefmutter eine Wohnung angemietet. Da war die Hamburgerin, die seit einigen Jahren in Wismar lebt, gerade etwas über 18 Jahre alt.

Die Stiefmutter hat die Miete nicht gezahlt, die Familie ist zerrüttet, Melanie H. verschuldet – aus „Dummheit und Helferkomplex“, sagt sie heute. Der Stiefmutter wollte sie helfen, durch übersehene Rechnungen und Mahnungen – kamen noch gut 2000 Euro zu den immensen Mietschulden dazu. „Die Privatinsolvenz wird kommen“, ist Melanie H. sicher. Aber das setzt eine Beratung durch die Fachkräfte in der Schuldnerberatungsstelle voraus.

Zwei bis drei Monate Wartezeit

Schuldner in Wismar warten zwei bis drei Monate auf einen Beratungstermin, die in Gadebusch bis zu acht Wochen. „Die Sekretärin filtert, wie dringend eine Beratung ist“, erklärt Sylvia Entelmann von der Beratungsstelle in Gadebusch. Das Wichtigste dabei ist es natürlich, den Schuldnerschutz sicherzustellen. „Ganz dringende Fälle bekommen ganz schnell einen Termin“, versichert Sabrina Bockhold von der Wismarer Beratungsstelle.

Schnell muss es gehen, wenn ein gepfändetes Konto in ein Pfändungsschutzkonto umgewandelt werden muss. Sylvia Entelmann erklärt dazu: „Jedes Girokonto kann gepfändet werden, mit dem Pfändungsschutzkonto bleibt dem Schuldner ein Betrag zum Leben. Sonst wird er schnell obdachlos!“

259 dieser sogenannten P-Konto-Bescheinigungen haben die Diakonieberater in Wismar und Gadebusch 2016 erstellt, im Jahr davor waren es noch 68 weniger. „Eigentlich bräuchten wir einen extra Kollegen nur für diese Bescheinigungen“, erklärt Sabrina Bockhold auch die langen Wartezeiten.

Zu wenige Berater

Die Beratungen sind kostenlos, werden durch Spenden, das Diakoniewerk als Träger und Geldern aus dem Land und dem Landkreis finanziert. In Schwerin kapitulierte unlängst eine Beratungsstelle, in Stralsund steht eine weitere vor dem Aus. Die in Wismar und Gadebusch sind noch vergleichsweise gut aufgestellt. Das Problem: „Die Finanzierung richtet sich nach der Einwohnerzahl, nicht nach dem Bedarf“, sagt Sabrina Bockhold. Und: Der Bedarf steigt ständig.

Immer mehr Fälle

190 Neufälle hatten die zwei Beratungsstellen 2016. Insgesamt betreuen sie 400 Klienten und ihre Familien. Deren erfasste Schulden beliefen sich im Vorjahr auf knapp 5,5 Millionen Euro – 2013 lag diese Summe bei 3,8 Millionen Euro. „Die Ratsuchenden verschulden sich bei immer mehr Gläubigern. Mit all diesen Gläubigern nehmen wir als Berater Kontakt auf. Das ist sehr viel Arbeit“, berichtet Sylvia Entelmann. Positiv sei: Die Anzahl der Mietschuldner ist gesunken – auch weil das Jobcenter Mieten und Nebenkosten direkt überweist und Vermieter mittlerweile schneller reagieren bei Rückständen.

Alle sozialen Schichten betroffen

Insbesondere alleinerziehende Frauen mit minderjährigen Kindern unterliegen, so die Erfahrungen der Beratungsstellen, einem erhöhten Überschuldungsrisiko. Und: 40 Prozent der Klienten sind langzeitarbeitslos. Ein größer werdendes Problem ist der Niedriglohnsektor: Nicht einmal zehn Prozent der Klienten haben ein pfändbares Einkommen. „Die Menschen arbeiten, aber der Lohn ist zu niedrig zum Leben. Sie brauchen ein Auto für den Weg zur Arbeit, können aber die Benzinkosten nicht wirklich zahlen“, so Entelmann.

Ratenkäufe und Arbeitslosigkeit

Sabrina Bockhold kritisiert das Konsumverhalten: „Es wird den Menschen zu leicht gemacht, im Internet Sachen zu bestellen, selbst wenn sie schon Raten für andere Bestellungen abzahlen.“ Hauptursache für Schulden sei aber die Arbeitslosigkeit. Teure Immobilienkredite, gepaart mit Trennungen, führen ähnlich schnell zu Überschuldungssituationen. Oder wenn die Selbstständigkeit scheitert.

Überblick mit Haushaltsplänen

„Die Betroffenen verlieren den Überblick“, weiß Sabrina Bockhold. „Banken, Versicherungen oder das Jobcenter, Gläubiger oder Gerichtsvollzieher schicken die Betroffenen zur Beratung.“ Die Fachfrauen dröseln den Schuldenberg auf. „Wir gucken, welche Zahlungen erst einmal die wichtigsten sind.“ Es gäbe Klienten, die zwar die Raten beim Versandhaus zahlen, denen dann aber die Miete fehlt und damit die Obdachlosigkeit droht. „Wir machen Haushaltspläne und gucken, ob irgendwo noch Geld beantragt werden könnte“, sagt Sylvia Entelmann.

Privatinsolvenz als harter Ausweg

Wenn der Schuldner keine Chance hat, die Schulden zu begleichen, ist die Eröffnung des Privatinsolvenzverfahrens oft die letzte Möglichkeit. Deren Anzahl hat sich seit 2013 fast verdoppelt auf 99. Sylvia Entelmann: „Das ist eine harte Zeit, in der der Betroffene keine neuen Schulden machen darf.“ Nach bis zu sechs Jahren sei ein finanzieller und schuldenfreier Neuanfang möglich.

30 Prozent aller Schuldner in Deutschland sind alleinlebende Männer. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt jedoch nur 18 Prozent. An zweiter Stelle kommen alleinerziehende Frauen (14 Prozent). Dagegen geht es Paaren ohne Kinder finanziell sehr gut. Mit 13 Prozent der Fälle waren vergleichsweise wenige von ihnen pleite – diese Gruppe macht 28 Prozent der

Bevölkerung aus.

Nicole Hollatz

Mehr zum Thema

Studie: Lesben und Schwule werden in ländlichen Gebieten in MV stark benachteiligt / Aktionen sollen aufklären

03.06.2017

Kita und Wohnblöcke saniert / Heute Eröffnung und Musterwohnung-Besichtigung

03.06.2017

Aufwendig geschminkte Gesichter, auffällige Gewänder, stilvoller Kopfschmuck: Die Vertreter des Ordens der Schwestern der perpetuellen Indulgenz – sie setzen sich ...

06.06.2017

Zum Feuerwerk beim diesjährigen Hafenfest werden Tausende Besucher erwartet. Damit die danach auch gut nach Hause kommen, werden Sonderbusse eingesetzt.

07.06.2017

Der Zirkus „Humberto“ gastiert noch bis Sonntag auf der Insel / Die OZ verlost Freikarten

07.06.2017

Een lütt Stück achter Müggenburg finnt man de Rohlsdörper Dannen. In de nägenteihnhunnertföftiger Johr för uns Fomilie een schöön’s Utflugsziel.

07.06.2017
Anzeige