Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Schwere Zeiten für Bürgermeister

Wismar Schwere Zeiten für Bürgermeister

Erste freie Wahl des Stadtoberhaupts in Wismar am 20. Juli 1919: Hans Raspe bleibt zehn Jahre im Amt

Voriger Artikel
Tankstellenpächter verklagt Land MV
Nächster Artikel
Neuer Luftbildband über Wismar

Bürgermeister Hans Raspe (l.) mit Mitarbeitern der Wismarer Stadtverwaltung um 1927.

Wismar. Am 20. Juli 1919 wird der Wismarer Rechtsanwalt Hans Raspe von den Einwohnern der Stadt erstmalig für zehn Jahre frei gewählt. Der Wismarer Rat und Bürgermeister Dr. Paul Wildfang ist am 18. Juni 1919 zurückgetreten und eine Neuwahl des Rates und des Bürgermeisters war notwendig. Zwischenzeitlich hat ein Gremium des Bürgerausschusses die Geschicke der Stadt geleitet.

OZ-Bild

Erste freie Wahl des Stadtoberhaupts in Wismar am 20. Juli 1919: Hans Raspe bleibt zehn Jahre im Amt

Zur Bildergalerie

Serie

Kalenderblatt

Hans Raspe erhält die Stimme von über 30 Prozent aller Wahlberechtigten. Die Wahlbeteiligung ist mit knapp 50 Prozent mäßig gegenüber der Bürgerausschusswahl vom Dezember 1918, an der etwa 80 Prozent der Bürger teilnahmen. Töpfermeister Otto Reincke, Kandidat der SPD, verliert deutlich gegenüber dem Kandidaten des konservativen Parteienbündnisses. Es ist die erste freie Wahl eines Bürgermeisters in Wismars Geschichte.

Hans Raspe wird 1877 in Bad Doberan geboren, wo sein Vater Heinrich Amtsverwalter ist. 1879 zieht die Familie nach Wismar und Heinrich Raspe wird Oberamtsrichter am Wismarer Amtsgericht im Fürstenhof. Er leitet seit 1881 auch den Wismarer Musikverein, den 1819 der Wismarer Bürgermeister Carl von Breitenstern gegründet hat.

Die Familie Raspe wohnt in der gerade erst erbauten Lindenstraße 19. Hier verlebt Hans seine Kindheit. In der Straße wohnt er bis an sein Lebensende. Er besucht die Große Stadtschule und absolviert in München, Berlin und Rostock 1898 erfolgreich ein Jurastudium.

Nach Referendaren in Wismar und am Landgericht Schwerin arbeitet er mit dem Wismarer Rechtsanwalt und Justizrat Paul Thormann in dessen Gemeinschaftspraxis am Markt. Hans Raspe heiratet die aus Egeln bei Magdeburg stammende Charlotte Kuthe, mit der er sechs Kinder bekommt.

Raspes Schwester Helene hat den Rechtsanwalt Dr. Hans Lansemann geheiratet und ist Mutter des später in Schwerin am 19. April 1951 im Stasi-Gefängnis umgekommenen Pastors Robert Lansemann.

Nach der Bürgermeisterwahl am 20. Juli 1919 tritt Hans Raspe am 1. August 1919 sein Amt an. Es werden schwierige Zeiten für ihn als Stadtoberhaupt. Der Erste Weltkrieg ist gerade zu Ende gegangen, die Monarchie stürzt in Deutschland zusammen, die Novemberrevolution von 1918 lässt alte Strukturen verschwinden und der „Kapp-Putsch“ will auch in Wismar alte Verhältnisse wieder herstellen. Sieben Einwohner sind dabei erschossen worden.

Seit Jahrhunderten gibt es im Wismarer Rat Senatoren und Bürgerschaftsausschüsse. Das ändert sich ab dem 7. Oktober 1919 und fortan gibt es bis zum 30. Mai 1990 Stadträte und Stadtverordnetenversammlung. Hans Raspe verspricht bei seinem Amtsantritt, sich tatkräftig für die Stadt einzusetzen, denn von Beginn an steht er unter dem Verdacht, als Kandidat der konservativen Parteien deren restaurativen Gedanken zu unterstützen.

Dagegen verwahrt er sich strikt und sagt in seiner Rede: „Was ich brauche, um auf diesem Posten etwas Ersprießliches für Wismar zu leisten, ist neben einer guten Arbeitskraft, die ich mitbringe, Ihr Vertrauen, und zwar nicht nur von denen, die für mich gestimmt haben, sondern von Ihnen allen und von denen hinter ihnen stehenden Wählern“. Das ist ihm wichtig, steht er doch einem sozialdemokratisch dominierten Rat gegenüber.

Hans Raspe war nie Sozialdemokrat, sondern ist dem politisch konservativen Lager zuzuordnen. Seit 1904 ist er Mitglied im rechtskonservativen „Kyffhäuserbund“. Raspe legt sein Hauptaugenmerk auf die Entwicklung der Wismarer Industrie und des Hafens, was äußerst wichtig ist. Denn die sozialen Bedingungen verschärfen sich in den 1920er- Jahren durch den Bankrott der Podeus’schen Werke. Die Weltwirtschaftskrise deutet sich an. Wismar hat teilweise bis zu 30 Prozent Arbeitslosigkeit.

Ab 1925 beginnen die Nazis mit dem späteren NS-Oberbürgermeister Alfred Pleuger hier Fuß zu fassen und die „Deutschnationalen“ zogen 1924 mit Dr. Franz Plog in die Stadtverordnetenversammlung ein.

KPD und SPD bekriegen sich bis aufs Blut und es werden sogar Prügeleien im Bürgerschaftssaal protokolliert. „Linksfaschisten“ ist eine der Beschimpfungen, die sich die KPD-Abgeordneten von der SPD anhören müssen.

1929 steht erneut eine Wahl des Bürgermeisters an und das konservative Lager hat sich mit Einschränkungen auf Hans Raspe geeinigt. Doch diesmal sind sich KPD und SPD einig und am 29. Juli 1929 wird der aus Berlin stammende Dr. Heinz Brechling (SPD) zum neuen Bürgermeister gewählt. Ihn jagen die Nazis am 8. März 1933 aus dem Amt.

Hans Raspe beginnt wieder, als Rechtsanwalt in Wismar tätig zu sein. In der NS-Zeit verhält er sich äußerst loyal, ist sogar Scharführer des „Stahlhelms“, dem Bund der Frontsoldaten, und Mitglied im NS-Rechtswahrerbund. Nach dem Krieg ernennen ihn die Briten am 22. Mai 1945 zum Stadtkämmerer von Wismar. Am 31. Oktober 1945 tritt er in die CDU ein, am 1. September 1947 sogar der DeutschSowjetischen Freundschaft bei. Am 20. Dezember1950 wird Hans Raspe aus den städtischen Diensten verabschiedet mit dem Aktenvermerk: „Konservativ eingestellt. Setzt sich zwar tatkräftig für die Belange der Stadt ein, ist jedoch nicht unbedingt mit allen Maßnahmen der DDR einig.“

Hans Raspe stirbt 80-jährig am 19. Juni 1957, zuletzt wohnte er in der Dr.-Leber-Straße 56.

Was sonst noch passierte

21. Juli 1940: 4. Luftangriff auf Wismar: Es ist ein platzierter Abwurf von etwa 35 Sprengbomben und 60 Brandbomben. Dabei wurden Gebäude und Gleisanlagen der Zuckerfabrik beschädigt.

22. Juli 1940: 5. Luftangriff: Es erfolgte spät abends Fliegeralarm. In der Zeit von 0.30 Uhr bis 2.45 Uhr griffen zwölf englische Kampfflugzeuge die Stadt Wismar an. Dabei fielen etwa 50 Sprengbomben und etwa gleich viele Brandbomben. Es wurde ein Schuppenkomplex am Hafen zerstört und ein vor Anker liegender schwedischer Dampfer von einer Brandbombe getroffen. In der Siedlung Dargetzow wurden leichte Schäden an Wohnhäusern verzeichnet.

23. Juli 1539: Blitzeinschlag in die Marienkirche, der Turm und das Dach brennen, die Stundenuhr im Chorumgang wird zerstört.

25. Juli 1363: In der Hansestadt Wismar findet erstmalig ein Hansetag statt. Am 1. November 1411 gibt es den zweiten und letzten in der Wismarer Geschichte.

Detlef Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wismar
Verlagshaus Wismar

Mecklenburger Straße 28
23966 Wismar

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag 10.00-17.00 Uhr
Freitag 10.00-16.00 Uhr

Leiterin Lokalredaktion: Kerstin Schröder
E-Mail: wismar@ostsee-zeitung.de
Telefon: 0 38 41 / 415 65

Ticket- und Anzeigenverkauf: 03841 / 41550.

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.