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Wismar Seelen gebannt auf Leinwand in Öl
Mecklenburg Wismar Seelen gebannt auf Leinwand in Öl
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06:00 18.07.2018
Manfred W. Jürgens in seinem Atelier am Wismarer Altstadtrand. Quelle: Nicole Buchmann
Wismar

„Pumuckl, haste endlich genug Geld zusammen?!“ Manfred W. Jürgens sitzt auf einem Holztritt vor Ulrich Tukur und dessen Frau. Den linken Handrücken an die Leinwand gelehnt, darauf abgelegt die rechte Hand, in der das Ende eines Pinsels auf- und abwippt mit jedem Strich, der Tukurs Schuh Kontur gibt, Licht und Schatten.

Wer sich von Manfred W. Jürgens portraitieren lässt, darf kein Angsthase sein. Der Wismarer Maler lässt weder Stärken noch Schwächen im Verborgenen.

Verzaubert von den Alten Meistern

Pumuckl, so nennen St. Paulis Huren liebevoll den Maler. Ein Schopf von rotem Haar, der Jürgens in Kindertagen so manches Mal Prügel einbrachte. „Dann hab' ich mich zurückgezogen und gemalt.“ Später stapft er 17 Kilometer durch abendliches Schneegestöber. Weil er den Bus verpasst, der ihn vom Malkurs am Turnplatz bei Hans Mühlemann zurückbringt nach Hause aufs Dorf bei Bobitz. Der Vater – erzürnt.

„Wenn ich mal groß bin, möchte ich so etwas malen“, entfährt es ihm als Knirps in der Dresdner Galerie der Alten Meister. Wann aber ist man groß. Spät wagt sich Jürgens in die Öffentlichkeit mit seiner Malerei. Spät, weil eben auch der Maler weiß um die bloße Seele, die in jedem seiner Stillleben oder Portraits von der Leinwand spricht. Eine Kinderseele noch immer.

Dem Leben begegnen

Die Malerei für Jürgens das, was für andere die Musik. Die Sprache, sich das Leben vom Leibe zu halten und es sich gleichermaßen zu erschließen. In der Begegnung mit Menschen vor allem. „Ich erlebe deutlich mehr als ich umsetzen kann“, sagt Jürgens und erzählt von der Angst, überzulaufen. Wohin mit all dem Erlebten der zu Portraitierenden. Dann setzt sich Jürgens vor ein Stillleben, eine Landschaft oder ein Tier, vor Rotwein und Käse.

Wer sich von Manfred W. Jürgens malen lässt, dem darf es nicht an Selbstbewusstsein mangeln. So genau sieht er hin, dass kaum etwas verborgen bleibt von einem. Die Stärken nicht, auch nicht die Schwächen. Schonungslos, möchte man sagen. Ein Spiegel, der keine Lügen duldet. Ein Anblick des Eigenen, der einen zurückwirft auf sich selbst. Manfred W. Jürgens sieht nicht nur. Er hört. Er fragt. Und wer auf all die Fragen, die er stellt, eine Antwort findet, der muss sich entweder selbst sehr gut kennen oder er verstummt auf der Suche nach Antwort. Kaum etwas im Leben scheint Jürgens einfach gegeben. Für Vieles hat er ein „Warum“, ein „Wie“. Und wer sich einlässt auf ihn, der kann dann in sein Spiegelbild schauen.

Mit schweigsamer Beharrlichkeit zur Zusage vom Altkanzler

Das haben viele schon getan. Viele, die wissen, dass man die Seele besser im Verborgenen hält vor der Meute Mensch, vor jenen, die nur auf eine Möglichkeit warten, anzugreifen. Altkanzler Helmut Schmidt etwa, dem Jürgens in beharrlichem Schweigen die Zusage abringt für ein Portrait, das viele schon gewagt haben vor ihm. Der Schauspieler Ulrich Tukur oder die Frauen, die kurz nach der Wende auf dem Wismarer Spiegelberg anschaffen gingen. Ein Jahr lang saß Jürgens fast jede Nacht in den Zimmern der Frauen. „Das bisschen Scheiß', das ich erlebt habe, war nichts gegen das, was die Mädchen in ihrem jungen Leben schon erlebt hatten.“

Im Schneidersitz auf dem graublauen Teppich, der den Bildern an der Wand die Konkurrenz von aufgearbeiteten Dielen nimmt, erzählt Jürgens von den Buchdruckern, Klempnern, Sekretärinnen, Keipenwirtinnen, denen er begegnet ist. Die entstandenen Bilder – Teil seines Lebens. „Wenn ich hier fertig bin, lade ich alle noch lebenden Models hierher ein“, sagt Jürgens.

Besucher im Atelier willkommen

Dass er sein Atelier nun öffnet für Besucher, haben Sammler und Interessierte Jürgens’ Frau zu verdanken. „Du musst Dich positionieren!“ Sie war es auch, die ihm Otto Dix’ Maxime an die Hand gab. Seine Bilder seien seine Aktien. „Verkauft wird nur, was ich zum Leben brauche“, so hält es Jürgens nun auch. Jürgens, der Rotschopf, der Seefahrer und gelernte Anstreicher, der Student und Kulturstifter, der DJ und Maler.

Der Berliner, Hamburger, Bremer, der gebürtige Grevesmühlener und Wismar-Verliebte. Vor gut zwei Jahren zog er zurück in die Hansestadt. Für das Haus am Wismarer Altstadtrand habe er ein paar Bilder verkauft, sagt er und lacht. Für eine Rückkehr nach Hause, wo er an der nächsten Gemeinschaftsausstellung arbeitet: „Auf Augenhöhe“ mit der Fotografin Katharina John, der Frau von Ulrich Tukur.

Nicole Buchmann

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