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Wismar So haben die Mecklenburger früher Weihnachten gefeiert
Mecklenburg Wismar So haben die Mecklenburger früher Weihnachten gefeiert
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13:47 25.11.2018
Symbolisches Foto aus unserer Zeit: Weihnachtsbäume gehören zum Fest dazu, seit vielen, vielen Jahren. Quelle: FOTO: ARCHIV
Wismar/Rostock/Grevesmühlen

Ein Weihnachtsbaum, das Jesuskind in der Krippe, Geschenke, Kerzen und Leckereien – so feiern in knapp vier Wochen die meisten Familien das Weihnachtsfest. Doch so alt sind viele Bräuche nicht. Früher hat es das Weihnachten so wie wir es heute kennen noch nicht gegeben. Stattdessen haben verkleidete Knechte und Bedienstete ihr Unwesen getrieben. Sie sind unter anderem durch die Dörfer und Städte gezogen und haben viele Menschen auf die Schippe genommen – mit Vorliebe Kinder und junge Damen.

Während sich die Vermummten sich zu Beginn als beliebte Heilige präsentieren, sind später andere Sagengestalten unterwegs: Rugklaas, Kinnjes und Helechrist, Knapperdacks, Ziegenbock und Schimmelreiter – letzterer mit Steckenpferd und einem aus weißen Tüchern gebastelten Pferdeleib. Mit Besinnlichkeit hat das Weihnachtsfest damals noch nicht viel gemein. In Wismar muss der Stadtrat 1544 gegen die Bürger einschreiten, die das Fest im „Neuen Haus“ hinter dem Rathaus zu unchristlich begingen und „zu einem Geprasse ausarten ließen. Auch Gustav Adolf, Herzog von Mecklenburg-Güstrow, hat 1682 per Verordnung versucht, dass beim „Heil. Christ-Fest gebrauchte abgöttische und ärgerliche Wesen“ zu verbieten. Er empfahl stattdessen „Meditation und Frömmigkeit“ – allerdings mit wenig Erfolg. Das kostümierte Ritual ist vorerst erhalten geblieben – trotz hoher Strafandrohung: 1723 ist in Wismar diese Art des Weihnachtsspiels mit Androhung einer 14-tägiger Gefängnisstrafe mit Wasser und Brot verboten worden.

Erster Tannenbaumbeim Schneider

Den Tannenbaum erstmalig erwähnt hat der aus Grevesmühlen stammende Dichter Ludwig Kosegarten. Er berichtet, dass 1772 in der Stube eines Grevesmühlener Schneiders ein solcher Baum gestanden hat. Wie die einfache Bevölkerung ohne geschmückten Baum gefeiert, überliefert der mecklenburgische Volkskundler Professor Richard Wossidlo: „Wiehnachten makten uns Öllern ut Dannentwieg up den Disch so'n lütt Gebusch farrig. Dor legeen wi uns Mütz rin. In de Nacht bröcht denn de Kinnjes wat. Hillig Abend kregen wi nix“. Heißt grob übersetzt: „Zu Weihnachten haben die Älteren auf dem Tisch aus Tannenzweigen ein kleines Gesteck fertig gemacht. Da haben wir unsere Mützen hineingelegt und Kinnjes (eine Sagengestalt) hat uns etwas gebracht. Heilig Abend haben wir nichts bekommen.“

Mecklenburgs Adel ist auf unterschiedliche Weise mit Weihnachten und dem entsprechenden Brauchtum verbunden. Zwei Beispiele: Gustav Adolf, Herzog zu Mecklenburg, erließ anno 1682 ein Edikt zum Fest. Der 49-Jährige untersagte die beim Volk populären Umgänge des Christkindes. Dieses ist, mit Kette umgurtet, einem Sack auf dem Rücken und einer Rute in der Hand, möglicherweise das Vorbild für den späteren Weihnachtsmann.

Helene von Mecklenburg machte sich im 19. Jahrhundert um die Verbreitung des Weihnachtsbaumes in Frankreich verdient. Die 1814 geborene Prinzessin heiratete 1837 mit dem französischen Kronprinzen Ferdinand Philippe von Orleans verheiratet. 1840 ließ Helene den ersten Weihnachtsbaum in Paris aufstellen.

Das Aufstellen eines Tannenbaumes hat sich danach immer weiter verbreitet: Von der Schaustellerfamilie Seeler aus der Wismarer Neustadt ist nach den Aufzeichnungen von Wismars langjährigem Stadtchronisten Detlef Schmidt Folgendes verbürgt: Ferdinand Seeler verkauft an der Wasserkunst bis spät am Heiligen Abend seine Tannenbäume. Ende der 1920er Jahre, in den schweren Zeiten der Weltwirtschaftskrise, kommt ein Junge vorbei und schaut mit großen Augen auf die übrig gebliebenen Bäume. Ferdinand Seeler fragt ihn, ob er noch einen Baum sucht. Der Junge druckst herum und antwortet „Ja, aber das wird dieses Jahr nichts.“ Seine Mutter habe für die Kinder nur eins kaufen können: Süßigkeiten oder einen Tannenbaum. Und die Kinder hätten sich für die Süßigkeiten entschieden. Ferdinand Seeler schenkt dem Jungen daraufhin einen Baum. Der wird rot vor Freude und rennt so schnell wie möglich nach Hause.

Rostocker Familie feiertmit Pfefferkuchen

Von einem Weihnachtsfest einer Rostocker Kaufmanns- und Fabrikantenfamilie um 1870/80 berichtet Henry Gawlick in seinem Buch „Schimmelreiter, Knapperdachs und Weihnachtsmann“: Kaufmann Friedrich Carl Witte, geboren 1864 als Sohn einer Apotheker-Familie, erinnert sich darin: „Weihnachten war im Hause meiner Eltern, war in dem herrlichen Saal der Langen Straße ein großes patriarchalisches Fest, an dem alles, was mit Familie Witte zu tun hatte, teilnahm, die Arbeiter mit ihren Familien, das Geschäftspersonal, die Hausangestellten, damals noch vorhandene zahlreiche Verwandte und die engste Familie. Etwa acht Tage vor Weihnachten bestellte Mutter sämtliche Arbeiter in den Vorsaal, beschenkte die Männer mit Geld, die Frauen und Kinder mit nützlichen Sachen oder mit Spielzeug.“ Danach sei geschlachtet, Pfefferkuchenteig angerührt, Schokolade hergestellt worden. „Wie hoch schlägt mein Herz, wenn ich an diese rechteckigen, ungeheuer großen, mit Mandeln und Zuckerguß versehenen Pfefferkuchen denke...“ Am Heiligabend habe eine vier Meter hohe Tanne im großen Saal gestanden – geschmückt mit unzähligem Lametta, goldenen und silbernen Ketten, thüringischer Glaskunst, prächtigen Wachsengeln, „mit sehr schmackhaften Schokoladen und dem Schönsten von allem, mit Quittenwürsten.“ In Rostock habe es damals nur eine Stelle gegeben, an der man diese essbaren Dinge kaufen konnte – bei C. L. Friedrichs in der Steinstraße. Der Inhaber räumte vier Wochen vor Weihnachten seine Privatwohnung im ersten Stock des Geschäftshauses für die Ausstellung des Weihnachtskonfektes – und „der Besuch der Ausstellung war eine Sehenswürdigkeit“, schreibt Friedrich Witte. In der Gegend um Wismar ist es Sitte gewesen, zu Weihnachten Grünkohl zu essen und in Hohenfelde nahe Bad Doberan gab es in der Weihnachtsnacht Schwarzsauer, eine Art Blutwurst.

Geschenke liegen am Heiligabend unterm Weihnachtsbaum. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Julklappenam Heiligabend

Die Autorin Margarete Heymann hat ihre Erinnerungen an Weihnachten auf dem Gut Santow bei Grevesmühlen um die Jahrhundertwende aufgeschrieben. Auch diese Geschichte findet sich in Gawlicks Buch: „Vom ersten Advent fingen wir an, Julklappen zu machen.“ Dabei handelt es sich um ein Geschenk, dass mehrfach eingepackt – von unterschiedliche Menschen, die immer einen anderen Namen als Empfänger darauf schreiben. So wird das Paket immer dicker. An Heiligabend ist es dann mit lautem Rufen „Julklapp – Julklapp“ unter den Tannenbaum geworfen und später ausgepackt worden. Das Paket ist vom einem zum anderen gewandet. „Die Spannung war groß, wer es am Ende behalten durfte.“

Vor der Bescherung habe die Familie die Grevesmühlener Kirche besucht: „Kutscher Meyer stand mit seinem Wagen vorm Haus bereit, und wir packten uns ein in dicke Fußsäcke, die fast bis an den Hals reichten – sie waren grau-grün mit dickem, langem Fell innen, und im Fußsack war noch ein Muff“, schreibt Margarete Heymann.

Einstimmen auf demWeihnachtsmarkt

Um sich auf die Weihnachtszeit einzustimmen, gehen heutzutage viele Familien in der Adventszeit auf den Weihnachtsmarkt. In Wismar hat am 22. Dezember 1945, an einem milden Sonnabend, der Weihnachtsmarkt erstmalig nach der Kriegszeit geöffnet – mit Zustimmung der sowjetischen Stadtkommandantur, denn es gab das Versammlungsverbot. Viele Menschen haben damals in Notunterkünften gelebt. Für die meisten Familien ist es ein trauriges Fest gewesen, sind doch viele Männer in Kriegsgefangenschaft und es gibt für manche kaum Gewissheit, ob ihre Angehörigen überhaupt noch lebten.

Heute gibt es vielerorts Weihnachtsmärkte. Mit Handwerkskunst, Glühwein und Leckereien wird dort auf das Weihnachtsfest eingestimmt. Mehrere Millionen Besucher tummeln sich Jahr für Jahr auf den Märkten, essen Lebkuchen und Mutzen. Doch an Heiligabend ist die Auswahl nicht so groß – meist gibt es Würstchen mit Kartoffelsalat oder auch schon den Gänsebraten.

Kerstin Schröder

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